Grand Hotel Europa St. Petersburg Schon Dostojewski war beeindruckt

Das Grand Hotel Europa in St. Petersburg blickt mit Stolz auf seine mehr als 125 Jahre alte Geschichte zurück. Tschaikowski, Dostojewski, Rasputin - die Liste der berühmen Namen, die dem Haus schon ihre Ehre erwiesen haben, ist lang.


St. Petersburg - Im Laufe der Jahre hat das Gebäude mit der üppigen Barockfassade an der Ecke des berühmten Newski Prospekts und der Michailowska-Straße schon ganz andere Funktionen erfüllt als die eines Luxus-Hotels. Es diente als Heim für Waisenkinder, als militärisches Hauptquartier sowie als Lazarett während der Belagerung des damaligen Leningrads durch die Deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Doch von diesen Zwischenspielen ist nichts mehr zu sehen. Das Grand Hotel Europa zählt zu den teuersten Häusern in Russland.

Grand Hotel Europa - Luxushotel in barocker Architektur
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Grand Hotel Europa - Luxushotel in barocker Architektur

Eigentlich beginnt die Geschichte des Hotels schon 1830, als der italienische Architekt Carlo Rossi ein Großprojekt in Angriff nahm: Neben dem Bau eines Palastes für den Erzherzog Michail, den jüngeren Bruder des Zaren Alexander I., gestaltete Rossi auch das Umfeld des Palais neu. Dabei entstanden das Hotel Michailowski und das benachbarte Hotel de Russie. Der Schriftsteller Iwan Turgenjew war einer der häufigsten Gäste ebenso wie der Kaufmann Pjotr Tretjakow, der spätere Gründer der Tretjakow-Galerien in Moskau.

Im Jahr 1872 beschlossen mehrere Petersburger Geschäftsleute, noch mehr Profit aus den Hotels zu schlagen. Sie beauftragten den Architekten Ludwig Fontan, die beiden Hotels zusammenzulegen und zu renovieren. "Dieses Gebäude hat die Architektur eines modernen, enormen Hotels", schrieb der Schriftsteller Fjodor Dostojewski. Zur Beschreibung von Pracht und Prunk des neuen Grand Hotel d'Europe fiel dem ansonsten wortgewandten Autoren nur der Begriff "Amerikanismus" ein.

Der 28. Januar 1875 gilt schließlich als Geburtstag des heutigen Hotels Europa, das danach zum beliebtesten Quartier der Zarenstadt wurde. Der Komponist Johann Strauß stiegt ebenso im Europa ab wie Peter Tschaikowski. Der in Petersburg ansässige Mönch und Wunderheiler Grigori Rasputin zählte zu den Stammgästen der verschiedenen Restaurants im Hotel.

Die Wirren der Russischen Revolution schließlich brachten den Betrieb des Luxushotels zum Stillstand. 1919 wurde das Gebäude auf Anordnung der neuen Machthaber vorübergehend zu einem Heim für Waisenkinder. Erst 1924 wurde das Hotel nach einer kurzen Renovierung wieder geöffnet.

Doch dem Hotel Europa waren ebenso wie dem Kontinent nur wenige Jahre des Friedens beschieden. Während des Finnland-Feldzugs der Sowjets (1939-1940) diente das Hotel Verteidigungskommissar Kliment Woroschilow als Hauptquartier. Nach dem Einfall der Truppen Hitler-Deutschlands in die damalige Sowjetunion wurde das Hotel im September 1941 zum Lazarett umfunktioniert.

Auch Rasputin wusste die Kochkünste in der Nobelherberge zu schätzen
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Auch Rasputin wusste die Kochkünste in der Nobelherberge zu schätzen

Mehr als 1200 Patienten wurden im Europa untergebracht. Im ersten Kriegswinter wurde bei eisigen Temperaturen der Parkettboden verheizt, ebenso wie die antiken Möbel. Und da die Wasserversorgung nicht funktionierte, wurde das Wasser einfach in Eimern aus der Newa herangeschleppt. Das verschüttete Wasser bildete einen eisigen Panzer auf den Marmortreppen. Dadurch entstand an dem Gebäude mehr Schaden als durch die deutsche Artillerie - in den 900 Tagen der Belagerung Leningrads wurde das Europa ein einziges Mal getroffen.

Schon kurz nach dem Krieg wurde das Gebäude erneut renoviert und für den Publikumsverkehr geöffnet. Sowjetische Verwaltung und schludrige Schönheitskorrekturen führten dazu, dass das Hotel immer mehr verkam. 1989 schließlich - noch zu Zeiten der Sowjetunion - begann ein russisch-schwedisches Konsortium mit einer grundlegenden Renovierung, die erst 1992 - nach dem Zerfall der Sowjetunion - beendet wurde. Der zu sowjetischen Zeiten verschwundene Glanz war wieder in das Europa zurückgekehrt: Poliertes Messing, funkelndes Kristall, Marmor und dunkler Lack gaben dem Haus wieder eine gediegene Atmosphäre.

Dazu kam noch ein ausländisches Management, das das Personal auf Vordermann brachte und für die Ansprüche der Gäste eines Luxushotels sensibilisierte. Damit ging es Schlag auf Schlag aufwärts mit dem Europa. 1994 wurde das Haus als erstes russisches Hotel in die Liste der führenden Hotels der Welt aufgenommen. Kaum ein Jahr später wurde das Hotel in die Kempinski-Kette eingegliedert.

Das inzwischen unter Denkmalschutz stehende Haus bietet seinen Gästen neben sieben Restaurants und Bars insgesamt 301 Zimmer, die alle unterschiedlich eingerichtet sind. Das luxuriöseste Zimmer trägt die Nummer 127 - die Präsidenten-Suite. Die Namen Bill Clinton, Jacques Chirac, Helmut Kohl, David Copperfield oder Joe Cocker sind nur ein kurzer Auszug aus einer bereits langen Liste prominenter Bewohner dieser Gemächer.

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