Größtes Hotel der Welt Ende der Legende

Agenten und Stewardessen, Piloten und Lastwagenfahrer, Journalisten und Urlauber: Im Rossija, dem größten Hotel aller Zeiten, war die ganze Welt zu Gast. Doch jetzt wird das Monstrum am Roten Platz platt gemacht. Dabei leidet Moskau unter akutem Hotelmangel.
Von Alia Begisheva

In einem sowjetischen Film lernen sich ein Lastwagenfahrer aus einer armenischen Kleinstadt und ein Hubschrauberpilot aus den georgischen Bergen im Hotel Rossija in Moskau kennen. Wie damals üblich, teilen sie sich ein Zimmer. Der georgische Hubschrauberpilot ist verliebt in eine Moskauer Stewardess und will sie zum Essen einladen. Doch bereits das Telefongespräch misslingt: Der armenische Lastwagenfahrer fällt ständig ins Wort - er ist verheiratet und weiß, wie man Frauen verführt. Kurzum: Die beiden streiten sich leidenschaftlich und werden danach Freunde fürs Leben. Als Beweis frühstücken sie am nächsten Morgen im Hotelrestaurant, die Kremlmauer und die bunten Kuppeln der Basiliuskathedrale im Hintergrund.

Was der Zuschauer im beliebten Film "Mimino" von 1977 sieht, ist nur zum Teil sowjetische Propaganda. In der Tat stellte das Rossija das Hotel der kommunistischen Zukunft dar, die bereits eingetreten war: Menschen aus allen Ecken der Landes, ob Bauarbeiter oder Delegierter des Obersten Sowjets, konnten es sich leisten, hier, im Herzen der sowjetischen Hauptstadt, abzusteigen. Das Rossija war mit seinen 3170 Zimmern und 6000 Betten das größte Hotel der Erde und schaffte es ins Guinness-Buch der Rekorde.

Drei Sterne und geschäftige Kakerlaken

Nach dem Ende der Sowjetzeit mieteten sich Korrespondenten aus aller Welt gerne in dem Haus ein, um mit der Basiliuskathedrale im Rücken über das Geschehen aus Moskau zu berichten. Auch ausländische Touristen schätzten das Hotel, nicht nur wegen der Lage. Zwar überquerte gelegentlich die eine oder andere Kakerlake geschäftig den Flur, die Zimmerpreise waren aber nie höher als in einem Drei-Sterne-Hotel in Westeuropa.

Doch die Stunde des Rossija hat geschlagen. Das Betonmonstrum, das auf einem der teuersten Grundstücke in ganz Moskau steht, wird jetzt samt seinen beiden Kinos, einer riesigen Konzerthalle, unzähligen Bars und Restaurants abgerissen. Damit geht nicht nur eine Ära zu Ende. Das Rossija war das letzte bezahlbare Hotel in dieser exklusiven Lage.

Eines nach dem anderen lässt Oberbürgermeister Juri Luschkow die Sowjethotels aus der Stadtmitte verschwinden. Als erstes fiel das Hotel Intourist auf der Hauptstraße Twerskaja seiner Geschäftigkeit zum Opfer. Zwar gab es dort mehr Prostituierte als Zimmermädchen, doch die Zimmer im Ritz-Carlton, das an dessen Stelle von tadschikischen Gastarbeitern hochgezogen wird, werden um einiges teurer sein. Das gleiche Schicksal ereilte das Hotel Minsk eine halbe Meile weiter.

Hotel vom Wodka-Etikett

Trotz Protesten der Denkmalschützer wurde im vergangenen Jahr auf der nördlichen Seite des Roten Platzes das Hotel Moskwa Stein für Stein abgetragen. Das imposante Gebäude, Wodka-Freunden in Deutschland von der Etikette der Marke "Stolichnaya" vertraut, war 1935 vom berühmten Architekten Alexej Schjussew gebaut worden, dem Mann, der das Lenin-Mausoleum entworfen hatte. Luschkow befand jedoch, es lohne sich nicht, das Hotel zu sanieren. Was an seiner Stelle errichtet wird, ist ein Geheimnis. Eines der Gerüchte lautet: Das Moskwa wird einfach neu gebaut und wird genau so aussehen wie das Original.

Obwohl die Stadtregierung nicht müde wird, die sinkenden Touristenzahlen zu beklagen, verfolgt sie eine Hotelpolitik, die einen Massentourismus unmöglich macht. 181 Hotels mit 70.000 Betten gibt es zurzeit in Moskau nach offiziellen Angaben. "In der Regel sind es teure Häuser", räumte Luschkow kürzlich ein.

Allein im Jahr 2005 sank die Zahl der ausländischen Touristen nach offiziellen Angaben um 16 Prozent, Experten beklagen sogar 25 Prozent weniger Gäste aus dem Ausland. 3,5 Millionen Besucher sollen es insgesamt pro Jahr sein - sogar zu Sowjetzeiten gab es mehr. Zum Teil liegt es an der schlechten PR-Arbeit: Die Erkenntnis, dass Marketing in der Tourismusbranche sehr wichtig ist, setzt sich in den Moskauer Beamtenköpfen nur langsam durch. Das größere Problem sind aber die Übernachtungsmöglichkeiten.

Die besten Matratzen in ganz Moskau

Nach Berechnungen der Geschäftsreisen-Agentur Business Travel Management kostet ein Hotelzimmer in Moskau durchschnittlich etwa 237 Euro - also mehr als in Paris, London oder New York. Im gemütlichen National, dem aristokratischen Savoy und dem Metropol am Bolschoj Theater, dessen Jugendstil-Fassade nach wie vor der in Stein gemeißelte Satz "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" schmückt, wären dies im besten Fall Wochenendpreise. Das Metropol, in dem keine zwei Zimmer gleich sind, war nach der Renovierung 1991 das erste Hotel in Moskau, das den internationalen Service-Standards entsprach. Alle drei Hotels wurden zwischen 1901 und 1912 gebaut und liegen zu Fuß wenige Minuten vom Kreml entfernt.

Hotel Baltschug (links): Millionenschwere Renovierung

Hotel Baltschug (links): Millionenschwere Renovierung

Foto: Baltschug Kempinski

Das 1898 errichtete Hotel Baltschug, gegenüber dem Hotel Rossija am anderen Moskwa-Ufer gelegen, wurde 1989 von der Kempinski-Kette aufgekauft und für etwa 85 Millionen US-Dollar renoviert. Heute kann das Hotel nicht nur mit den besten Matratzen in ganz Moskau dienen, sondern bietet auch eine sensationelle Sicht auf den Kreml und den Roten Platz - vorausgesetzt, man bekommt ein Zimmer auf der richtigen Seite. Hier stieg unter anderem Gerhard Schröder während seiner offiziellen Moskau-Besuche ab. George Bush zieht das neuere Ararat vor. Erst 2002 eröffnet, gehört es der US-Kette Hyatt.

Der Bedarf an Fünf-Sterne-Hotels ist keinesfalls gestillt: Im Sommer 2005 eröffnete das Swissotel Krasnye Holmy als eines der höchsten Gebäuden der Stadt. Bis 2008 soll ein Luxushotel direkt am Roten Platz gebaut werden, im Haus Nummer 5, das früher dem Verteidigungsministerium gehörte. Eine Übernachtung wird dort zwischen 1500 und 3000 Dollar kosten.

Keine Pensionen, keine Hostels. In ganz Moskau

Alle Versuche, preiswertere Hotels zu bauen, scheiterten in der Vergangenheit. So hat die Moskauer Masterplanagentur vor sechs Jahren Flächen für 170 Mittelklasse-Hotels gefunden, für einige direkt in der Stadtmitte. Doch aus dem Plan wurde nichts. Entweder fanden sich keine Investoren oder die Grundstücke erwiesen sich angeblich als ungeeignet und wurden zum Bau von Wohnhäusern genutzt. 2003 wurde ein neuer Plan präsentiert - doch bis heute wurde daraus nichts. Es gibt in Moskau auch keine einzige Privatpension, kein Hostel oder Bed&Breakfast, was zum Teil an der Anmeldepflicht für die ausländischen Touristen liegt - einem Überbleibsel aus der Sowjetzeit. Nur offizielle Hotels können ihre Gäste bei der Stadt anmelden.

Der Hotelmangel hat auch historische Wurzeln. 1910 gab es in Moskau 280 Hotels - 100 mehr als heute. Nach der Revolution 1917 zerstörten die Kommunisten viele Hotels oder verwandelten sie in Verwaltungsgebäude. Diese Gasthäuser, in denen Tolstoj, Puschkin, Schuhmann und andere bekannte Persönlichkeiten abstiegen, sind bis heute von diversen Institutionen okkupiert. Selbst wenn diese ausziehen, ist es für die Stadt rentabler, das Gebäude an eine Bank zu verkaufen.

Letztens hat Bürgermeister Luschkow wieder angekündigt, ein neues Hotelbau-Programm starten zu wollen. Diesmal war von 240 preiswerten Hotels die Rede. Wenn auch nur die Hälfte davon gebaut wird, wäre es schon ein großer Fortschritt.

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