Großbritannien Londons rollende Wahrzeichen werden ausgemustert

Londons lärmende, altmodische Doppeldecker werden ausgemustert und durch moderne Gelenkbusse ersetzt. Traditionsversessenen Hauptstädtern passt das überhaupt nicht.

Von , London


Ausgezählt: Doppeldecker-Bus vom Typ Routemaster
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Ausgezählt: Doppeldecker-Bus vom Typ Routemaster

London - Vor den Ampeln an der Oxford Street, der wuseligen, ewig verstopften Einkaufsstraße im Zentrum der britischen Hauptstadt, stauen sich die Busse. Ein schneller Sprung auf die offene Plattform des 73er: Schon ist der Fahrgast - unter den wachsamen Augen des Schaffners - an Bord. Die schmale Treppe zum oberen "Saloon" hinauf, noch einen der Fensterplätze in der ersten Reihe ergattert, und dem Passagier liegt die britische Hauptstadt zu Füßen.

Die Linie 73 ist eine von insgesamt 17 Londoner Busstrecken, auf denen die "Routemaster" fahren, jene in aller Welt bekannten roten Doppeldecker, die ebenso wie die altmodischen Telefonhäuschen, die klobigen, aber gemütlichen Taxis oder die behelmten Bobbys zu den unverwechselbaren Wahrzeichen Londons zählen.

Allerdings nur noch kurze Zeit. Denn die städtische Nahverkehrsgesellschaft Transport for London hat damit begonnen, die legendären Gefährte durch moderne Gelenkbusse zu ersetzen. Einstweilen fahren die neuen Großraum-Transporter nur auf zwei Linien, doch dabei wird es nicht bleiben. Das Schicksal der Routemaster ist besiegelt, was bei den traditionsversessenen Engländern laute Proteste provoziert hat. Nun tobt ein weiteres Scharmützel in jenem unablässigen Kulturkampf zwischen Bewahrern und Modernisierern, der auf der Insel verbissen, aber stets zivilisiert ausgetragen wird.

Die Traditionalisten preisen dabei den Doppeldecker mit seiner offenen Plattform als eine der letzten genialen Schöpfungen britischer Ingenieurskunst - und das nicht einmal zu Unrecht. Als der erste Routemaster im September 1954 auf der Auto-Ausstellung von Earl's Court in London präsentiert wurde, vermeldete die Hauszeitung von London Transport voller Stolz: "Dieser Bus ist technisch um Jahre voraus." Das Modell war dank seiner Aluminium-Karosserie zwei Tonnen leichter als seine Vorgänger, konnte aber mit 28 Sitzplätzen unten sowie 36 auf dem Oberdeck mehr Passagiere befördern.

London at his best: Schwarze Taxen, rote Doppeldecker
GMS

London at his best: Schwarze Taxen, rote Doppeldecker

Nachdem er 1958 in Serie ging, avancierte der Routemaster rasch zum Standardvehikel des hauptstädtischen Nahverkehrs. Obwohl das letzte Exemplar bereits 1968 gebaut wurde und seine Lebensdauer nur auf 17 Jahre ausgelegt war, kämpfen sich noch immer 600 Oldtimer - knapp zehn Prozent der gesamten Busflotte - Tag für Tag durch den zähen Londoner Verkehr. Sie werden vorwiegend im Zentrum eingesetzt, weil sie schneller vorankommen als die modernen Busse, bei denen der Fahrer den Job des Schaffners zusätzlich erledigen muss.

Die neuen Gelenkbusse haben statt des einen Plattformzugangs nun drei Türen, fassen mindestens 60 Passagiere mehr als die heißgeliebten Veteranen und gleiten - im Gegensatz zu den lärmenden Dinos - nahezu geräuschlos dahin. Auch Rollstuhlfahrer und Eltern mit Kinderwagen können endlich mitfahren.

Die Nationale Vereinigung der Bus-Passagiere war immerhin mutig und fortschrittlich genug, darauf hinzuweisen, dass die neuen Busse von den Fahrern leichter zu überschauen seien, also besseren Schutz vor Hooligans und Vandalen böten. Die geschätzten Fahrgäste müssten ihre Zuneigung zu den Doppeldeckern schlicht überwinden, empfahl die Busfahrer-Lobby, und erkennen, "dass den Gelenkbussen die Zukunft gehört".

Doch selbst die besten Argumente schützen nicht vor sentimentalen Aufwallungen. Stephen Pound, ein Labour-Abgeordneter aus dem Unterhaus, der in den sechziger Jahren als Schaffner auf den Routemasters arbeitete, bekannte, er werde "weinen, wenn sie schließlich verschwinden".

Auch eine Website, welche die absehbare Zerstörung des Londoner Stadtbilds betrauert, übersieht gnädig die technischen Unzulänglichkeiten der antiken Gefährte und preist lieber die "prachtvolle Beschaffenheit" des Routemasters, der "dank seines genialen Designs niemals altmodisch sein wird". Der begleitende Schaffner, erklären die Nostalgiker, sei als Seelsorger, Ordnungshüter und Touristenführer unersetzlich.

Schlangen an den Bushaltestellen: So wie es der London-Tourist erwartet
AP

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Was für die Traditionalisten erschwerend hinzukommt: Die neuen Gelenkbusse entstammen nicht einmal heimischer Produktion, sondern tragen - oh dear - den Herkunftsvermerk Made in Germany. Kein Zweifel daher, dass die Drahtzieher des Komplotts gegen den Doppeldecker im Ausland zu suchen sind. Brüsseler EU-Bürokraten, so lautet der Vorwurf der Fans, hätten mit einer Richtlinie über den Einsatz behindertengerechter Busse ihr perfides Projekt der Gleichmacherei und der Europäisierung Englands vorangetrieben.

Zwar hat sich der gute alte Routemaster zählebiger gezeigt, als den Verkehrsplanern recht war - die letzten Veteranen hätten eigentlich schon im Jahr 2001 von den Straßen verschwunden sein sollen. Doch selbst diejenigen Exemplare, die Anfang der neunziger Jahre noch einmal mit neuen Motoren ausgestattet wurden, sind kaum noch reparabel: Die Beschaffung von Ersatzteilen wird immer schwieriger.

Sogar der Schaffner eines 73er-Busses, dem wie seinem Gefährt die Ausmusterung droht, räumt ein: "Ihr Verfallsdatum ist langsam überschritten."



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