Großer Basar Istanbul Männer verspielt, Frauen beinhart

Süleyman Ertas verkauft in der fünften Generation Tücher, Ilhanis Familie handelt seit 34 Jahren mit Gold - Istanbuls Großer Basar hat Tradition. Seit 550 Jahren wird in dem prächtigen Kuppelbau hart um jede Lira gefeilscht.


Istanbul - Istanbul hat traditionelle und sehr moderne Seiten: Stadtteile wie Nisantasi und schicke Villenviertel am Bosporus strahlen Mittelmeer-Flair aus. Wenn Touristen aber den Basar im europäischen Traditionsviertel Beyazit besuchen, fühlen sie sich plötzlich in ein Märchen aus 1001 Nacht versetzt. Händler preisen den Kunden ihre Waren an, und Lastenträger transportieren mit Sackkarren kostbare Teppiche und teure Lederjacken durch das Gedränge.

Großer Basar: 3500 Läden, 64 Straßen und 22 Eingangstore
GMS

Großer Basar: 3500 Läden, 64 Straßen und 22 Eingangstore

Dazwischen eilen Teejungen und servieren den Kunden in den Geschäften schwarzen Tee und süßen Mokka. Ausländer laufen staunend durch das Gassen-Labyrinth und bewundern die bemalten Kuppeln des überdachten Basars, der bereits 1461 von Sultan Mehmet II., dem Eroberer Konstantinopels, erbaut wurde. "Der Basar ist ein fast 550 Jahre altes Einkaufszentrum. Es gibt etwa 3500 Läden, 64 Straßen und 22 Eingangstore", sagt der Generalsekretär der Basar-Vereinigung, Süleyman Ertas.

Ertas hat selbst einen Laden. Seine Familie verkauft seit fünf Generationen gewebte Baumwolltextilien wie Badetücher, die traditionell im türkischen Bad, dem Hamam, verwendet werden. "Das Geschäft wurde von meinem Ur-Ur-Großvater gegründet. Ich war der einzige Sohn, der den Laden weiterführen konnte", sagt er.

Dabei ist der Verkäufer ursprünglich Facharzt für Rheumatologie, doch er bevorzugt ein Leben im Basar statt im Krankenhaus: "Es gibt viele Ärzte in diesem Land, aber nicht so viele Geschäfte wie das meine", sagt er. Bald möchte er sich zur Ruhe setzen, dann sollen seine Tochter und sein Sohn das Geschäft leiten. Seine Tochter hat schon jetzt ein kleines Geschäft im Basar. Sie verkauft ebenfalls Tücher, außerdem Seifen und Kerzen.

Alle Händler einer Branche in derselben Straße

Kaufen kann man fast alles im Kapali Carsi, wie der Basar auf Türkisch heißt: Gold- und Silberschmuck, Teppiche, Lederjacken, Kleidung, Schuhe, Handtücher, Porzellan, Wasserpfeifen, Messingteller, Lampen, Antiquitäten, Kacheln, Taschen, Tee und Süßigkeiten. Außerdem gibt es Bankfilialen, Wechselstuben, Restaurants, Cafés, Teeküchen, eine Polizeistation, eine Post, Brunnen und Ärzte. "Man bekommt alles, außer Autos, und auch Geräte wie Waschmaschinen, Kühlschränke oder Küchenherde werden nicht verkauft", sagt Ertas.

Süleyman Ertas: Badetuchverkäufer statt Rheumatologe
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Süleyman Ertas: Badetuchverkäufer statt Rheumatologe

Nach alter Tradition sind in weiten Teilen des Basars alle Händler einer Branche in derselben Straße angesiedelt. In der Kalpakcilar- und Terzi-Basi-Straße glitzert es: Hier findet man Schmuckhändler neben Schmuckhändler. Ilhanis Familie hat seit 45 Jahren einen Goldschmuckladen. "Der Vorteil an einem Laden im Basar ist, dass man sowohl einheimische als auch ausländische Kunden hat", sagt der Goldschmuckverkäufer. Aber das Geschäft habe sich stark verändert: "Noch vor 15 Jahren haben Einheimische und Touristen viel Goldschmuck gekauft. Heute sind es eher kleine Geschenke - die Wirtschaft", sagt Ilhani und zuckt mit den Schultern.

Auch Teppichhändler Celal beklagt, dass die Geschäfte nicht mehr so gut wie früher laufen. "Unsere besten Kunden waren Deutsche, Schweizer und Österreicher, aber im Moment kann man nicht so viel verkaufen - es ist einfach kein Geld da." Umso härter wird um den Preis gerungen. In vielen Reiseführern heißt es, dass man im Basar feilschen muss. Meist wird empfohlen, die Verhandlungen bei einem Drittel des erst genannten Preises zu beginnen und zu versuchen, sich bei der Hälfte zu einigen.

"Händlerinnen sind beinhart"

Bei manchen Händler funktioniert das tatsächlich. Teppichhändler Celal hält jedoch nichts von dieser Verkaufstaktik. "Bei mir gibt es vielleicht einen Discount von zehn Prozent, aber nicht 50 Prozent oder so." Im Laden von Süleyman Ertas kann man gar nicht handeln. "Ich habe Stammkunden und feste Preise - ich verlange vielleicht nur 100 Lira, wenn es eigentlich 102 Lira kosten würde, aber das war es."

Istanbul: "Perle des Orients" am Bosporus
AP

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Der 20 Jahre alten Elisabeth aus Wien macht das Handeln Spaß. Sie kaufte im Basar bereits Taschen, Paschmina-Schals, eine Wasserpfeife, Tee und Süßigkeiten. "Mit Männern lässt es sich irgendwie leichter verhandeln als mit Frauen", sagt sie lachend. "Männliche Verkäufer sehen das irgendwie spielerischer, die Frauen sind beinhart." Einige Händler beklagen aber, dass viele Touristen das Handeln falsch verstehen. "Manche Leute wollen auch bei einer Tasse Kaffee oder einem Tee handeln. Das geht nicht", erklärt Teppichhändler Celal.

Auch beim Thema Sicherheit geht es nicht viel anders als in einem deutschen Kaufhaus zu. An den 22 Eingangstoren stehen tagsüber Sicherheitsbeamte und abends - wenn die Basar-Tore geschlossen werden - sorgen eine Sicherheitstruppe sowie Polizisten dafür, dass weder Gold, Geld noch Teppiche gestohlen werden. Auf den Basar-Dächern halten außerdem Hunde Wache, und seit Neuesten gibt es in den quirligen Basargassen auch Überwachungskameras - ganz wie in einem modernen Kaufhaus.

Von Claudia Steiner, gms



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