Hallo, Taxi! (Neapel) Hupt auch das Handy?

Für Choleriker, Herzschwache und ängstliche Autofahrer ist der neapolitanische Straßenverkehr sicher nichts. Unsere ortskundige Autorin überstand allerdings auch eine Taxifahrt.

Von Addolorata Padovano


Ankunft. Am Napoli Centrale nähere ich mich einem weißen Fiat Punto. Mein Gepäck, eine kleine Reisetasche, wird in dem für ein Taxi ziemlich niedlichen Kofferraum verstaut. Mein Fahrer: Ende dreißig, rasiert und pomadisiert, er hält mir die Beifahrertür auf. Sein Starren durch die Calvin-Klein-Sonnenbrille auf meine Beine, nachdem er hinter dem Steuer Platz genommen hat.

Neapel: "Innenstadtberuhigung, Stadtsäuberung und so weiter"
GMS

Neapel: "Innenstadtberuhigung, Stadtsäuberung und so weiter"

Ich warte auf die Aufforderung, mich anzuschnallen. Sie kommt aber nicht. Statt dessen hupt es hinter uns. Frage nach dem Fahrziel? Fehlanzeige. Vielmehr lächelt mich der Taxifahrer zweideutig an und hält mir Zigaretten hin. Es hupt wieder. Danke. Aber ich lehne ab.

Der Wagen rollt langsam los. Die Richtung ist nun klar: Rettifilo. Ungefähr eine Stunde wird der Weg nach Bagnoli dauern.

Nach wenigen Minuten hat sich Ciro bereits mit Namen vorgestellt, seine Zigarette aus dem Fenster geworfen und mehrmals gehupt.

Der Straßenverkehr: Chaotisch wie immer, doch mir so weit vertraut, dass ich mich unangeschnallt in die Rückenlehne fallen lasse. Ich öffne das Seitenfenster: Ohrenbetäubendes Hupkonzert von rechts.

Vorbei an der Piazza del Plebiscito. Ciro, mittlerweile in Kenntnis gesetzt darüber, dass es sich nicht um meinen ersten Aufenthalt in dieser Stadt handelt, rapportiert ungefragt und wild gestikulierend die örtlichen Veränderungen: Neapel als Baustelle. Innenstadtberuhigung, Stadtsäuberung und so weiter. Die Weltkulturstadt soll schöner werden. Erneutes Hupen: Im Pkw vor uns beugt sich ein junger Schnösel aus seinem Fahrerfenster und beschimpft zwei Teenies, die es augenscheinlich gewagt haben, vor ihm die Straße zu überqueren.

Straßenverkehr: Ohrenbetäubendes Hupkonzert von rechts
AP

Straßenverkehr: Ohrenbetäubendes Hupkonzert von rechts

Der berühmte Radiosender "Kiss Kiss Napoli" wird zum Schweigen verurteilt und durch eine Kassette von Gigi D` Alessio ersetzt. Im Wageninnern mischt sich Acqua di Giò mit dem Rasierwasser meines Chauffeurs. Dazu der Smoggestank.

Es ist Hauptverkehrszeit. Stoßstange an Stoßstange: So schnell lässt sich Ciro von keinem "Verkehrsgegner" den Weg abschneiden. Gegen die Vespas und Motorini ist aber auch er machtlos. Europa naht: Mehr als die Hälfte der Zweiradlenker fährt doch schon mit Helm.

Mein Blick fällt auf die Galleria Umberto I, worauf mein Fahrer augenblicklich zum Reiseführer mutiert. Sein Vorschlag, doch über Mergellina zu fahren, der Sehenswürdigkeiten halber. Den Lehrer und Beschützer gibt er auch ganz gut ab: Ich erfahre, wem ich alles nicht trauen darf. Wem ich nichts abkaufen darf, welche Quartiere am unsichersten sind. Abermals hupen.

Vorbei am Mastio Angioino und am Castel dell'Ovo. Ein Handy klingelt. Oder hupt es auch? Ciro zückt sein Nokia vom Hosengürtel der Jeans: "Reine Vorsichtsmaßnahme", sagt er warnend mit nervösem Blick nach rechts und Blick nach links. "Alles Wertvolle immer schön am Körper tragen."

"Dreht Ciro jetzt durch?"
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"Dreht Ciro jetzt durch?"

Er telefoniert nicht, er schreit ins Telefon. Am Spiegel hängt ein Kruzifix, daneben baumeln die "Hörner": Eine geschlossene Faust mit ausgestrecktem Zeige- und kleinem Finger - das traditionelle süditalienische Symbol gegen den bösen Blick. Über dem Rückspiegel ordentlich aufgereiht die Fraktion der Heiligen: Volto Santo, San Gennaro, Padre Pio und Lo Scudetto di Napoli - das Emblem des SSC Napoli.

Dann stehen wir wieder. An meiner Seite schlängelt sich gerade ein Junge durch, ein silbernes Tablett mit fünf Espressotassen in den Händen. Noch lauteres Hupen in der Via Caracciolo. Doch mein Chauffeur hat die Ruhe weg, wie es scheint: Zigarette im Mundwinkel, das Handy am Ohr. Dazu seine offenbar einer lokalen Dramaturgie gehorchenden Gestik. Es hat etwas von Bühnenreife; lade ich ihn zu einem Espresso ein? Blick auf ihn von der Seite - nein, eher doch nicht.

Ciro hat das Gespräch beendet. Es geht aufwärts zum Possilipo. Ein Ford Fiesta ist so unvorsichtig gewesen, uns vor die Flinte zu geraten, vor allem: Vor einer roten Ampel zu halten, obwohl keine Polizei zu sehen ist weit und breit. Dreht Ciro jetzt durch?

Ob ich denn nicht Lust hätte, mir die schönsten Ecken der Stadt zeigen zu lassen. Nach seinem Feierabend. Nämlich: Neapel ist wirklich gefährlich, gerade und vor allem für allein reisende Touristinnen.

Fünfzig Minuten Fahrt. Wir sind in Bagnoli. Am Nobel-Restaurant 'O Calamaro zahle ich die üblichen 75.000 Lire, dazu fünf tausend Lire Trinkgeld. Die Rückfahrt zum Bahnhof ist im Preis inbegriffen. Ich weiß.

Ich steige aus. Und lehne nochmals das Angebot für heute Abend ab.

Mein Taxi fährt los. Kein Hupen mehr.



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