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Hamburgs HafenCity: Von Wunsch und Wirklichkeit

Foto: Thomas Hampel

Hamburgs HafenCity Moin moin, Tristesse

Ein Stadtviertel direkt am Fluss, mit Design-Shops, aufregender Architektur: Touristen tummeln sich gern in Hamburgs HafenCity. Doch das Großbauprojekt vom Reißbrett hat auch eine andere Seite - und wirkt machmal wie der einsamste Ort der Welt.
Von Till Briegleb

Wenn die Sonne scheint, dann sieht der erste Teil der HafenCity beinahe so aus wie auf den frühen Presseanimationen. Leger gekleidete Menschen bummeln die Kais entlang, Bistrotische auf sandgelben Plätzen verbreiten Seebadflair, Wimpel im Wind und Schiffchen im Wasser sorgen für die Impressionen einer urbanen Waterkant. Rund um den alten Sandtorhafen - ältestes künstliches Hafenbecken Hamburgs - scheinen die Prospektversprechen aus der Gründerzeit der HafenCity erfüllt zu sein. Die Atmosphäre aus Luxus, Seeluft und Freizeit verdichtet sich hier zwingend zu einem Adjektiv, das in der Werbung für dieses größte Neubauprojekt Europas so häufig vorkommt wie Jesus in der Bibel: maritim.

Leider scheint die Sonne in Hamburg nicht so oft. Und im windigen Niesel des Seeklimas, an dem die Stadt leidet, bekommt die Innenstadterweiterung plötzlich eine andere Stimmung: Sterile Blocks, die fiese Fallwinde auf den Bürgersteig ziehen, und zugige Plätze mit Designschnickschnack prägen das Bild.

Plötzlich sind keine architekturinteressierten Eltern mehr zu sehen, die ihre fußmüden Kinder durch die Straßen scheuchen, keine Rucksacktouristen auf roten Leihfahrrädern und auch keine Anzugträger, denen der Wind den Latte-macchiato-Schaum auf die Krawatte bläst. Die neue Stadt ist leer und trist. Vor allem abends sind die Straßen entmenschter als in Rimini nach der Saison. Höchstens Comiczeichner in Weltuntergangslaune könnten daran Gefallen finden.

Nun ist Atmosphäre etwas, das jeder anders empfindet. Aber es gibt trotzdem einen Grund, warum das eine Gesicht der HafenCity so stark abweisend wirkt wie das andere anziehend: Dieses Quartier ist zuerst für Investoren und Touristen geplant, dann für Bürger. Vom Beginn seiner mittlerweile 20-jährigen Planungsgeschichte an war dieses Stadtviertel an der Elbe dazu gedacht, Hamburg eine "prall gefüllte Kriegskasse" zu bescheren. So drückte es 1997 Bürgermeister Henning Voscherau aus, als er mit einem Paukenschlag das spektakuläre Projekt präsentierte, das vorher sechs Jahre im Verborgenen entwickelt worden war.

Und solche Kriegskassen, mit denen Hamburgs SPD-Regierung unter anderem eine 230 Millionen Euro teure Hafenerweiterung auf der anderen Elbseite finanzieren wollte, füllen nicht normale Bürger prall. Dafür braucht es Investoren, möglichst internationale. Nur sind deren Ideen von einer funktionierenden Stadt in der Regel leider so reduziert wie ihr Marketingvokabular.

50.000 Quadratmeter unvermietbarer Bürofläche

Dass die HafenCity in ihrem halb fertigen Zustand mittlerweile vor allem Kritik auf sich zieht, hat in entscheidenden Punkten seine Gründe in dieser falsch verstandenen Servicehaltung gegenüber Investorenwünschen. Warum der Signalbau, die Elbphilharmonie, seit Jahren verheerende Schlagzeilen produziert, findet seinen Ursprung beispielsweise in einem Akt der Gier. Das privat initiierte und einfach konzipierte Projekt einer Musikhalle auf einem alten Hafenspeicher wurde den Erfindern, dem kultivierten Hamburger Privatinvestor Alexander Gérard und seiner Frau Jana Marko, unter politischem Druck abgekauft.

Anschließend gestattete die Stadt dem Investorenkonsortium Adamanta, das Hotel- und Apartmentprogramm des Gebäudes so "gewinnbringend" aufzupumpen, dass die Umsetzung unbeherrschbar wurde. Die Eröffnung steht in den Sternen, der mittlerweile auf eine halbe Milliarde Euro geschätzte Preis hat Henning Voscheraus Kriegskasse in städtische Spendierhosen umgenäht.

Sollte man denken, wenigstens im Kalkulieren von ökonomischen Erwartungen sei Hamburger Seriosität nicht zu schlagen, dann straft einen die Entwicklung Lügen. Hatte der Masterplan im Jahr 2000 noch 20.000 Arbeitsplätze in der HafenCity unterbringen wollen, so schraubte die Stadt die Büroflächen auf 45.000 Arbeitsplätze hoch und verpflichtete sich zudem, bei Leerstand Abhilfe zu schaffen.

Resultat: Während in Hamburg Wohnungsnot herrscht, muss die Stadt sich für 50.000 Quadratmeter unvermietbarer Bürofläche im sogenannten Überseequartier als Maklerin betätigen oder zu horrenden Festmieten selbst einziehen. Denn die potenten Kreativfirmen, die man sich fantasierte, waren bisher ebenso Luftnummern wie die Euphorie des Einzelhandels, hochpreisige Flächen an einem halb fertigen Quartiersboulevard zu ergattern.

Kunsthändler als Zwischennutzer für leere Schaufenster und Drogeriediscounter prägen heute das "Herz der HafenCity". Die wenigen Luxusshops - etwa für Betten vom Preis eines Mittelklassewagens - sind die einsamsten Orte der Welt. Selbst die Postfiliale ist die einzige in Deutschland ohne lange Schlangen. Flöht man die Lokalmedien, dann finden sich beinahe täglich Meldungen über deutliche Abweichungen vom Wunschbild einer maritimen Neustadt.

Unbeirrtes Schönreden oder hämische Schaulust?

Die städtischen Belastungen für das Projekt auch ohne die explodierenden Kosten der Elbphilharmonie sind rund 400 Millionen Euro höher als geplant - von der Finanzierung eines neuen Containerterminals aus den Gewinnen der Grundstücksverkäufe ist keine Rede mehr. Die Umweltzertifizierung, mit der Investoren animiert werden sollten, ökologisch zu bauen, wurde in den ersten beiden Teilquartieren kein einziges Mal vergeben - denn Öko rechnet sich nur für die Betriebskosten der Mieter, nicht für Investorenrenditen. Folglich erhielt die Goldplakette überhaupt erst ein fertiges Gebäude: die Unilever-Zentrale von Behnisch Architekten.

Und schließlich waren einige der architektonischen Highlights, die der HafenCity den Ruf des Spektakulären verleihen sollten, offensichtlich auf Sand gebaut. Ausgerechnet die Schauseite des Quartiers zur Elbe im Zentrum ist momentan planerisch verwaist. Die Computeranimationen von schillernden Sonderbauten eines Kreuzfahrtterminals, eines HafenCity-Tores und eines Wissenschaftsmuseums von den Künstlerarchitekten Massimiliano Fuksas, Erick van Egeraat und Rem Koolhaas, mit denen man Zehntausende Touristen am Tag anziehen wollte, sind nur noch potemkinsche PR-Kulissen auf der Website der HafenCity-Gesellschaft. Was vor allem im Fall des Koolhaas-Museums in Form eines riesigen aufrecht stehenden Containerrings bitter ist, weil diese Architektur als einzige neben der Elbphilharmonie von Herzog & de Meuron eine wirklich zeitgenössische skulpturale Interpretation von maritimem Bauen dargestellt hätte.

Warum strömen trotzdem bei jedem schüchternen Sonnenstrahl am Wochenende die Massen in dieses Quartier, wenn alles derartig misslungen ist? Man könnte sagen, das sei der Effekt des unbeirrten Schönredens, den man Marketing nennt, die reine Dimension des Projekts oder auch die hämische Schaulust, Deutschlands umstrittenste Baustelle zu sehen.

Aber mit derart simplen Begründungen wird man einem so komplexen Bauvorhaben nicht gerecht. Und unterschlägt seine Erfolge. Denn von den großen Ambitionen, mit denen dieses "Jahrhundertprojekt" gestartet ist, hat einiges Gestalt angenommen.

Der Reiz der Waterkant und falsch verstandene Nostalgie

Die Öffnung der City zum Fluss und die urbane Dichte der Bebauung sind Anziehungspunkte für Städtetouristen und Bewohner, die hier den Reiz von Innenstadtqualitäten mit Wasserlandschaft finden können. Auch die Verzahnung von Wohnbebauung und Einzelhandel, die den klassischen Quartieren des 19. Jahrhunderts abgeschaut ist, wirkt attraktiv und zukunftsfähig. Und die Förderung von Baugemeinschaften erlaubt stellenweise Wohnen zu Kosten, für die man in Hamburgs beliebten Altbauvierteln kein Angebot mehr findet. Allerdings wird der Wohnanteil in der HafenCity am Ende nicht einmal ein Drittel betragen. Das Rimini-Nachsaison-Gefühl wird sich vermutlich nie verscheuchen lassen.

Schafft die kompakte Bauweise tatsächlich ein Gefühl von europäischer Stadt, wie es vergleichbare Umwandlungen von Hafenflächen - etwa in Rotterdam oder Canary Wharf in London - stark vermissen lassen, so zeigt sich bei der Architektur das Dilemma einer defensiven Entwicklungspolitik. Den Traditionalisten in Planung und Politik, die in Hamburg die Diskussion bestimmen, galt die moderate Vielfalt architektonischer Handschriften der ersten Bauphasen bereits als "Identitätsverlust" und "Architektenzoo", obwohl nur wenige der ersten rund 30 Gebäude so viel Eigensinn zeigen, dass man sich neugierig fragen würde: Welcher Künstler hat das wohl gebaut?

Im nächsten Schritt jedenfalls kehrte Hamburgs erster Geschmacksrichter in Architekturfragen, Oberbaudirektor Jörn Walter, zu einer so rigiden Gestaltungssatzung zurück, dass bei nahezu allen Wettbewerben am Magdeburger Hafen der schlechteste Entwurf gewann, Hauptsache, er war rot.

Walter, der zu Baubeginn 2002 noch "Mut" und "Risikobereitschaft" verlangte, damit die Architekten in der HafenCity "jene visionäre Kraft entwickeln mögen, wie sie einst die Architekten und Künstler des frühen 20. Jahrhunderts hatten", erklärt zehn Jahre später mit derselben Vehemenz, er werde die Tradition Hamburgs als rote und weiße Stadt in der HafenCity rigoros abbilden. Dass er anschließend nicht "Basta!" sagt, ist nur seinem freundlichen Wesen zuzuschreiben. Das Basta wird dafür aber gebaut.

Nun besitzt das alte Hamburg, wo es den Krieg und die Nachkriegsabrisse überlebt hat, tatsächlich eine weiße und eine rote Tradition. Aber sowohl die weiße Nobelbebauung rund um die Alster als auch das verklinkerte Kontorhausviertel mit dem Chilehaus oder die rote Speicherstadt unterscheiden sich in einem entscheidenden Punkt von den Replikanten: Sie sind sowohl baukünstlerisch wie handwerklich beeindruckende Zeugnisse einer Kultur, die großen Wert auf die Einzigartigkeit jeder Adresse setzte.

Das homogene Stadtbild

Die Monotonie im Zentrum der HafenCity entwickelt sich dagegen aus dem Wunsch nach Harmonisierung mit der Vergangenheit durch unzulängliche Mittel. Die schlichten Stahlbetonstrukturen, die mit dünnen Backsteintapeten, den sogenannten "Riemchen", überklebt werden, sorgen für serielle Langeweile, bei der niemand mehr darauf kommt, dass hier verschiedene Architekten am Werk waren. Und dem Fortbau der HafenCity Richtung Elbbrücken im Osten bis 2025, der dann einer "weißen" Gestaltungssatzung unterliegt, droht dieselbe Gefahr, nur weniger dunkel und depressiv.

Die große künstlerische Freiheit, die das Entwerfen von Gebäuden heute besitzt, wird für Oberflächennostalgie bewusst unterdrückt. Von wenigen Punkten abgesehen, herrscht ein starker Anpassungswille an ein Ideal aus der Vorkriegszeit: das homogene Stadtbild. Dadurch wird nicht nur die Vielfalt der architektonischen Sprachen, die sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, verleugnet. Mit dieser Kompromisslinie zwischen Investorengeschmack und falsch verstandener Nostalgie vertun die Planer die Chance, die Verfasstheit der modernen Gesellschaft in eine zeitgenössische Stadtkomposition zu übertragen.

Das heutige Zusammenleben ist geprägt von stark ausdifferenzierten Haltungen. Geschmack, Lebensentwürfe, Herkunft und Meinungen, soziale und persönliche Belange unterscheiden sich wie nie zuvor. Diese lebendige Vielfalt wäre die richtige geistige Grundlage für die Neuerfindung von Stadt. Sie in Architektur zu übertragen würde genau jenes moderne Selbstverständnis zeigen, das die heutigen Stadtplaner bei den Großleistungen der Vergangenheit so bewundern. Anstatt die damals mutigen Taten mit lauen Stilmitteln nachzuahmen, weil das angeblich Identität schafft, wäre der Mut dieser Pioniere, nach dem Ausdruck ihrer Zeit zu suchen, das weit schönere Motiv für ein modernes Stadtbild.

Vielleicht ist die durch und durch anständige und etwas langweilige HafenCity, die Hamburg sich gerade baut, aber auch genau das, was die Stadt verdient. In Konkurrenz zu Berlin, wo alles immer nach Veränderung schreit, will die Hansestadt eben im Grunde bleiben, wie sie ist: kaufmännisch erfolgreich und irgendwie maritim. Das eine gefällt den Investoren, das andere den Touristen. Aber als Modell für die Stadt des 21. Jahrhunderts, zu dem die Eigenwerbung das Projekt erklärt, macht die HafenCity finanziell dann doch zu viele Schlagzeilen und maritim zu viel Schlechtwetter.

Dieser Text stammt aus dem "Mare"-Sonderheft Hamburg, Juni 2012.