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14. Januar 2009, 05:46 Uhr

Hot-Dog-Rundtour in L.A.

Alligator im Brötchen

Der typische Bewohner von Los Angeles gilt als ernährungsbewusst und sportlich. Gleichzeitig ist die Stadt eine Hochburg der Hot-Dog-Kultur. Moritz Piehler begab sich auf die Suche nach dem besten Wurstbrötchen der Stadt - für Diät-Fans ist sein Rundgang nicht geeignet.

Tom Cruise war schon da. Burt Reynolds und Barbara Streisand auch. Und von den Bildern an den Wänden blicken die grinsenden Gesichter unzähliger weiterer Schauspieler auf die lange Schlange hinab, die sich vor Pink's gebildet hat. Zu fast jeder Tageszeit stehen die Würstchen-Anhänger in Massen vor dem kultigsten der Hot-Dog-Stände in Los Angeles in der La Brea Avenue, um einen Hot-Dog "Herr der Ringe" (mit extra vielen Zwiebelringen) oder einen extralangen "Rosie O'Donnel Long Island Dog" zu bestellen. Hinter dem Tresen wuseln sechs Bedienstete umher zwischen Ketchup- und Senfspendern und riesigen Töpfen voller Sauerkraut und natürlich den dampfenden Würstchen in verschiedenen Ausführungen. Pink's ist der Höhepunkt einer Hot-Dog-Rundtour durch die Stadt.

Ein Hot-Dog ist vielleicht der amerikanischste aller Snacks. In ihm vereint sich Fast Food, Geschäftstüchtigkeit und Variabilität. In den USA herrscht ein beständiger Disput über die Mutterstadt des Snacks. Ähnlich wie in Deutschland ein Streit um die beste Currywurst zwischen Berlin und Hamburg ein harmloses kulinarisches Gespräch binnen Sekunden in ein wütendes Wortgefecht verwandeln kann, sollte man in New York besser nicht die Qualität der Hot-Dogs aus Los Angeles loben.

Für eine selbstorganisierte Hot-Dog-Tour durch Los Angeles muss man zunächst aus der gewaltigen Menge der Stände auswählen, muss Kriterien wie Lage, Tradition und Bewertung in Online-Rankings in Erwägung ziehen. Und die Kapazitäten des eigenen Magens. Denn auch wenn ein Hot-Dog meistens eher ein Snack als eine Mahlzeit ist, ist die Masse an Brot und Fleisch auf die Dauer nicht zu unterschätzen.

Brat-Brüder in Lederhosen

Eigentlich wäre es angemessen, im Baseball-Stadion der LA Dodgers zu beginnen. Denn kaum etwas ist so eng verknüpft mit dem Selbstbild amerikanischer Populärkultur wie Hot-Dogs und Baseball. Aber der Ticketpreis würde in keinem Verhältnis zum Wurstbrötchen-Genuss stehen. Deshalb beginnt die Tour bei den Brats Brothers, die mit ihrer deutschen Tradition werben. Stolz stellen sich sich auf ihren Schildern als "nach europäischen Standards ausgebildete Fleischer" vor.

Die beiden Filialen in Los Angeles sind von außen eher unscheinbar, innen mit vereinzelten deutschen Accessoires wie Bayern-Fahne und Bierkrügen versehen. Roland, der jüngere Brat-Bruder, steht selbst am Grill, er hat in München Ingenieurwesen studiert und nach seinem Ruhestand gemeinsam mit Bruder Peter die Idee für den Gourmet-Hot-Dog-Stand entwickelt. "Ich wollte nicht einfach zu Hause sitzen. Und die deutschen Bratwürste haben mir schon immer am besten geschmeckt", erzählt Roland, der, anders als die Abbildung auf dem Schild des Ladens vermuten lässt, nicht in Lederhosen arbeitet.

Mit einem gewöhnlichen deutschen Bratwurststand haben die Brats Brothers wenig gemeinsam, das Besondere ist ihre Bandbreite an Variationen. Klassiker sind natürlich ebenfalls im Repertoire, aber unter den mehr als 20 verschiedenen Hot-Dogs stechen vor allem die Exoten ins Auge. Die Brüder haben sich Varianten wie Büffel-Hot-Dogs oder auch Straußen- und Alligatoren-Hot-Dogs erdacht.

In einem ganzen Bataillon gleichförmiger Flaschen verbergen sich Honigsenf und Chiliketchup, scharfe und saure Saucen für jeden Sonderwunsch. Manche der Beilagen sind Belege für die deutschen Wurzeln der Besitzer, Sauerkraut und Kartoffelsalat vervollständigen die Mahlzeit. Bei den Zutaten haben sich die Brüder dem Publikum angepasst, alle Hot-Dogs sind frei von Geschmacksverstärkern, ein wichtiges Verkaufsargument in einer ernährungs- und körperbesessenen Stadt wie Los Angeles.

Hollywood-Kultur im Eisenbahnwaggon

In wesentlich prominenterer Lage befindet sich das Carneys, ein traditionsreicher Hot-Dog und Burger Diner direkt auf dem berühmten Sunset Boulevard. Carneys ist stilecht in einem alten Eisenbahnwaggon angesiedelt. Das Publikum sind Familien und Feuerwehrmänner, aber auch Filmstars und Luxustouristen, die im angesagten Designhotel "The Standard" gegenüber wohnen.

Der Blick auf den Sunset Boulevard durch die Zugfenster des gelben Waggons ist kaum zu überbieten. Das Restaurant, gegründet 1968 und fester Bestandteil der Hollywood-Kultur, beschränkt sich dann auch strikt auf die Basics. Fünf verschiedene Hot-Dogs werden angeboten, mit zwei Wurstsorten und den klassischen Zutaten: Relish, Zwiebeln, Käse, Chili.

Im Carneys hält man nicht viel von wilden Ausflügen ins kulinarische Neuland und wird dafür belohnt. Im vergangenen Jahr wählten die Einwohner von Los Angeles ihre Hot Dogs zu den besten der Stadt. Seitdem tragen die Mitarbeiter mit noch größerem Stolz die Hemden mit dem wenig bescheidenen Slogan "Die vermutlich besten Hot Dogs der Welt".

Baukasten für den perfekten Snack

Neu auf dem Markt ist das Skoobie's, das die Vormachtstellung der etablierten Hot-Dog-Koriphäen ernsthaft gefährdet. Die Lage mitten auf der Amüsiermeile des Hollywood Boulevard sorgt für ein nicht ganz so illustres Publikum, nachts kommen die Feierwütigen aus den umliegenden Clubs. Der enge Raum erreicht zwar kaum den Charme einer durchschnittlichen Ruhrpott-Frittenbude. Aber in der Reisebibel "Lonely Planet" ist das Skoobie's der Konkurrenz schon dicht auf den Fersen.

Obwohl die Atmosphäre an die Souvenirläden und Fast-Food-Restaurants angepasst ist, hat das Skoobie's eigene Qualitäten. Das Besondere sind die selbsthergestellten Pommes Frites, zu denen eine spezielle Aioli-Sauce gereicht wird. Die Kunden belegen hier ihre Wurstsemmel selbst, die Extras für ein selbstgebautes Hot-Dog stehen kostenlos zur Verfügung.

Aber bei all den Gratis-Zutaten sollte man jetzt nicht zu sehr reinhauen, denn als Abschluss der Tour wartet ja noch das Pink's: eine Ikone der Hot-Dog-Stände, ein familiengeführtes Unternehmen seit 1939, das sich damit rühmt, nicht nur das beste Chili-Hot-Dog der Welt zu haben, sondern auch erste Wahl der Hollywood Stars zu sein. Gegründet wurde der Stand von Paul Pink, so die Legende, um in der Depression nach 1929 billiges Essen unter die Leute zu bringen. Und auch in den wirtschaftlich unsicheren Zeiten des heutigen Amerikas finden die Hot-Dogs wieder zahlreiche Abnehmer.

Pink's bietet seinen Kunden eine große Bandbreite an Varianten, auch wenn die Grundkomponenten konstant sind. Vor allem in der Namensgebung der Kreationen ist der altehrwürdige Stand Spitzenreiter. Auf der Karte stehen unter anderem ein "America the Beautiful Dog" und der "Walk of Fame Dog". Und die lange Warteschlange, die sich auch an einem Sonntagnachmittag bis auf den Parkplatz erstreckt, spricht für sich. Wer es einmal zur Kasse geschafft hat, sinkt zufrieden mit seinen Pappkisten voller Hot-Dog-Varianten auf sein Plastikstühlchen. So macht Recherche Spaß. Aber eines ist sicher: Morgen gibt es den ganzen Tag nur Salat.

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