Hotel Grand Amour in Pariser Rotlichtviertel Die große Liebe

Die Gegend südlich des Pariser Ostbahnhofs gilt als verruchtes Rotlichtviertel - und das wird mittlerweile fleißig genutzt. Das Hotel Grand Amour zeigt den Gästen stolz seine Vergangenheit als Stundenhotel.

Hotel Amour/ Theo Baulig

Von , Paris


Für ein ehemaliges Stundenhotel ist es ein ironisch-anzüglicher Ort: Das Pariser Hotel Grand Amour liegt in der Straße der Treue, der Rue de la Fidélité. Dieser Name geht auf einen Nonnenorden zurück, dessen fromme Mitglieder während der Französischen Revolution enteignet wurden.

Seither blieb die Gegend eher weltlichen Freuden zugetan. Und bis heute hat die Straße südlich vom Pariser Ostbahnhof nicht den besten Ruf: Einst berüchtigt für Prostitution, Sexshops und Drogenhandel, haftet dem Multikulti-Stadtteil noch immer der Hauch des verruchten Rotlichtviertels an. Ein Ruf, der mittlerweile eifrig gepflegt wird.

Denn das Quarre zwischen Faubourd-Saint-Denis und Faubourg-Saint-Martin ist zur angesagten Gegend geworden, in der Lifestyle auf Pariser Authentizität trifft. "Hier hat noch nicht die Schickeria das Sagen", urteilt Paris-Kenner Kai Jünemann, der Frankreichs Hauptstadt jahrzehntelang aus der Perspektive des Fotografen beobachtete. "Im Gegenteil: Im 10. Arrondissement mischt sich altes Paris mit Nordafrika, Asien und den jungen Kreativen aus aller Welt."

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10. Arrondissement in Paris: Die Welt in einem Stadtteil

Im Schnittpunkt dieses Kosmos liegt das Hotel Grand Amour. Eröffnet Ende 2015, fügt es sich in das Schema klassenübergreifenden Nebeneinanders: Auf den Lederbänken des Restaurants in der Lobby pausieren Werbefilmer vom Dreh, im schmucken Patio servieren Kellnerinnen im Mini den Happy-Hour-Drink.

Eine der besten Hotelbars der Stadt

"Eine Adresse zwischen Tradition und Exotik", urteilt die Stil-Beilage des Magazins "L'Express" über das Hotel-Restaurant. Die Speisekarte kommt "neoklassisch" daher, dank der Cocktails kürte die "Financial Times" den Ausschank zu den "neuen fünf besten Hotelbars von Paris".

Gegenüber werden derweil per Sackkarre vor dem Geschäft für exotische Lebensmittel Kartons angeliefert, daneben drängt sich Kundschaft vor dem afrikanischen Frisiersalon. Zur Nachbarschaft gehört ein Restaurant für Speisen aus Martinique, ein Reisebüro ebenso wie das angesagte Café La Fidélité.

Von dort sind es nur ein paar Schritte zu den ehemaligen Stadttoren Saint Denis und Saint Martin: Dönerbuden, Falafelstände, indische Restaurants, französische Bistros, Asia-Lebensmittelgeschäfte und Fleischereien für Muslime. Dazwischen einige Sex-Läden, Klubs, Stundenhotels und diskret flanierende Prostituierte. "Keine Gegend für vorgestanzte Touristenmotive, aber ein Ort, wo Paris noch lebt", sagt Jünemann, der als Fotografie-Professor an der FH-Dortmund lehrt.

Das Grand Amour wird in dieser Szenerie zur Edelabsteige. Es gehört zum Gaststätten-Imperium der Brüder Costes. Und wie das kleinere Hotel Amour in Pigalle setzt der große Ableger auf edles Ambiente und gehobenes Preisniveau: Das Zimmer kostet zwischen 150 und 250 Euro.

Teppichboden mit Phallus-Design

Gestaltet wurde das Gebäude von Graffiti-Künstler André Saraiva: "Es war Liebe auf den ersten Blick", erinnert sich der Sohn portugiesischer Flüchtlinge, der in Schweden aufwuchs.

In der Straße der Treue hielt sich der 44-jährige Unternehmer, oft beschrieben als Guru der Design- und Fashionwelt, an die Vorgaben der Vergangenheit. Wie schon zuvor im kleineren Hotel Amour wurde die pikante Vergangenheit nicht ausradiert, sondern explizit betont: Die Gänge glänzen in Rosa, Bodenbeläge und Deko sind gespickt mit erotischen Zitaten. An den Wänden hängen Fotos und Zeichnungen von entblößten Menschen, der eigens entworfene Teppichboden ist im Phallus- oder Vagina-Design gehalten.

Saraiva, bekannt für seine grinsenden Kopffüßler ("Mister A"), machte bereits vor zehn Jahren in New York, Tokio und Los Angeles als Stilist von Konzept-Klubs und Party-Events Karriere, bevor er sich als Hotelier versuchte. Ob gemütlich-schwüle Bordell-Atmosphäre (Deckenspiegel inklusive) oder Dachzimmer-Ambiente - die Strichmännchen des Künstlers sind im Hotel Grand Amour allgegenwärtig. Sie schmücken Speisekarten, Wände und die Kacheln im Duschbad. Sie erscheinen als Signaturen, die wie eine ganz persönliche Einladung Saraivas an seine Gäste wirken.

Das Bistro sei der Wiener Kaffeehaus-Kultur entlehnt, sagte er dem US-Magazin Harpers Bazar. "Ich war immer interessiert an Plätzen, die Menschen verbinden: Nachtklubs, Cafés, Hotels. Das ist ein großer Teil meiner Kunst."

So wollte der Künstler das Hotel, in dem er selbst über ein Apartment verfügt: als "Treffpunkt, der Menschen zusammenbringt". Das ist geglückt.

Bistronomie-Trend in Paris
insgesamt 2 Beiträge
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ijf 06.07.2016
1. Amüsant...
Der Artikel steht sei drei Tagen samt Forum im Spon, aber - es scheint den anderen Lesern zu gehen wie mir: da fehlen einem irgendwie die Worte. Obwohl die Idee der individualisierten Zimmer charmant ist, möchte ich ungern in einem Hotel übernachten, dessen Auslegware Phalli und ähnliches zeigt, oder wo im Zimmer die Wanne direkt neben oder vor dem Bett steht... auch die vor einigen Jahren aufgekommene innenarchitektonische Unsitte der "durchsichtigen Badezimmer finde ich einfach nur daneben. Und die wenigen Aufnahmen des näheren Umfelds würden mich erst recht von einer Buchung über 150-250 Euro pro Nacht in diesem Hotel abhalten. Da reißt auch die von FT gepriesene Hotelbar nix mehr raus (der Hotelbar-Hype ist doch auch schon einige Jahre vorbei, dachte ich)...
rjlegrand 06.07.2016
2. Quarre?
Was soll denn das jetzt sein? Ein Quartier? (=Viertel) oder ist das deutsche Karree gemeint? Wie schon einer meiner Lehrer sagte: Glückswörter sind Fremdsache!
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