Island Heiße Quellen und ewiges Eis

Zwischen Feuer und Eis: Wer den entsprechenden Mut mitbringt, kann auf dem größten Eisfeld Europas die Spuren aktiver Vulkane erkunden. Islands Vatnajökull-Gletscher macht's möglich.

Von Oliver Abraham


Ein lauter Knall. Reflexartig drehen die Besucher die Köpfe - und sehen gerade noch, wie der Eisturm in sich zusammenfällt. Was gerade noch die Front eines riesigen Gletschers bildete, liegt nun im Wasser. Über die Lagune schallt das Echo vom Abbrechen der ungeheuren Eismassen.

Surreale Landschaft: Am Nordrand des Vatnajökull-Gletschers treffen Eiswüste und terrakottafarbene Hügel aufeinander
Foto: Oliver Abraham

Surreale Landschaft: Am Nordrand des Vatnajökull-Gletschers treffen Eiswüste und terrakottafarbene Hügel aufeinander

Wann kommt die große Welle? Gar nicht! Nur langsam wenden die Besucher den Blick von der Wand aus Eis. Die Trümmer des Eissturzes treiben auf dem Wasser. Für kurze Zeit nur, denn am anderen Ufer kocht der See. Fire & Ice - eine bizarre Landschaft. Am Vatnajökull. In Island.

Unter Europas größtem Eisfeld tut sich die Erde auf. Mitten durch Island verläuft die große Atlantische Bruchzone - zwei Erdplatten bewegen sich voneinander weg. Der Bruch macht den Weg frei für gigantische Energien aus dem Erdinneren, die Bruchzone wird von zahlreichen aktiven Vulkanen begleitet. Die brechen zwar nur alle Jubeljahre einmal aus, dann aber mit unvorstellbaren Folgen.

Wer genug Mut und ausreichend Kondition hat, kann sich auf den Weg zu den Naturgewalten machen. Einen halben Tagesmarsch von der Schutzhütte Sigursdskáli entfernt, öffnet sich im Eispanzer eine riesige Vertiefung. Der Gletscher ist an dieser Stelle bis auf den blanken Boden weggeschmolzen, an seiner tiefsten Stelle hat sich ein See gebildet.

Dampfende Fumarolen und braunes Eis: Am Rand des Vatnajökull-Gletscher treffen Gegensätze aufeinander
Foto: Oliver Abraham

Dampfende Fumarolen und braunes Eis: Am Rand des Vatnajökull-Gletscher treffen Gegensätze aufeinander

Die mitunter riskante Wanderung sollte nur mit einem erfahrenen Gletscherführer gewagt werden. Aufgeregt sitzen die wenigen Teilnehmer der "Fire & Ice-Tour" in der engen Küche und wärmen sich mit Tee, packen Rucksäcke für den Tag - Schokolade, Thermoskannen mit Heissem, kräftiges Brot mit reichhaltigem Belag. Es ist noch dunkel, als Führer Thorhallur zum Aufbruch mahnt.

Thorhallur sucht einen Weg am Ufer des Wildwassers, bald kommen die beiden Teleskop-Stöcke zum Einsatz. Über den tosenden Fluß spannt sich eine Brücke aus Eis, nur über sie kann der Quellfluss des Jökullsá-á-Fjöllum - Islands wohl wildestem Gletscherfluss - sicher gequert werden. Thorhallur geht voran, testet die Tragfähigkeit, die Abenteurer im Gänsemarsch und den Blick starr nach vorn gerichtet hinterher. Bloß nicht hinunterschauen.

Abenteuerlich: Wer mit dem Rucksack Islands Gletscher erkunden will, sollte Kondition und Mut mitbringen
Foto: Oliver Abraham

Abenteuerlich: Wer mit dem Rucksack Islands Gletscher erkunden will, sollte Kondition und Mut mitbringen

Endlich auf dem Eis geht es zügiger voran. Und immer schön im Gänsemarsch hintereinander weg, sagt Thorhallur. Wer abseits der Gruppe über das Eisfeld läuft, könnte in Gefahr geraten. Denn nur das geübte Auge des Gletscherführers erkennt die Spalten, die es überall auf der Eisfläche gibt.

Nach stundenlangem Marsch ordnen sich vermehrt frische Spalten konzentrisch an. Höchste Vorsicht. Thorhallur geht allein voran, erkundet das Gebiet. In der vergangenen Woche muss ein kleiner Vulkan genau unter dem Eis aktiv gewesen sein. Der eingeschmolzene Dom ist eingestürzt und hat ein Loch geschaffen, groß genug, um ein Mehrfamilienhaus darin verschwinden zu lassen. Thorhallur führt die Gruppe an einer sicheren Stelle bis an den Rand des Abgrunds - ein schwarzes Loch tut sich auf. Es riecht nach faulen Eiern.

Unwirtlich: Bei einer Wanderung werden die bizarren Landschaftsformen Islands am besten deutlich
Foto: Oliver Abraham

Unwirtlich: Bei einer Wanderung werden die bizarren Landschaftsformen Islands am besten deutlich

Am Ende des Eisfelds wagt sich Thorhallur noch einmal vor. Diesmal in einer Welt aus buntem Schlamm und gar gekochten Hängen. Ist das stundenlange Wandern auf dem ebenen Eis schon anstrengend, erfordert der Abstieg erheblich mehr Trittsicherheit und Kraft.

Doch die Mühe lohnt sich: Was die Natur dort täglich neu schafft, gehört zu den wohl einmaligsten und bizarrsten Landschaften der Erde: ein Strand aus Sand und ganz feinem Kies, dahinter eine spiegelglatte Lagune, auf der Eisberge treiben. Am gegenüberliegenden Ufer ragt unvermittelt eine riesige Wand aus Eis auf.

Auf der anderen Seite eine Landschaft in allen erdenklichen Erdfarben: vom Gipsweiß über senf- und terrakottafarbene Hügel bis zu schwarzem Matsch. Am Ufer sind Eisberge gestrandet und schmelzen über zischenden Fumarolen, die übelriechende Gase und kochendes Wasser ausspeien. Neben diesen Höllenlöchern schillert der Boden in allen Erdfarben.

Donnernde Eismassen: Am Ende des Gletschers brechen von Zeit zu Zeit riesige Eistürme ab
Foto: Oliver Abraham

Donnernde Eismassen: Am Ende des Gletschers brechen von Zeit zu Zeit riesige Eistürme ab

Thorhallur mahnt zur Rückkehr. Auf dem Gletscher sollte niemand von der Dunkelheit überrascht werden. Vom höchsten Punkt der Tour zeigt der Führer auf eine Stelle weit entfernt in Richtung Südwest: Dort brach Ende 1996 ein Vulkan unter dem Eis aus und schmolz unvorstellbare Mengen Wasser. So viel, dass die Fluten den bis zu tausend Meter mächtigen Gletscher anhoben - nur um das andere Ende Islands in einer gewaltigen Sintflut zu ertränken.

Ach, und übrigens: Kürzlich, sagt Thorhallur, hat die Erde gebebt, ganz sachte. Das sei bei Vulkanausbrüchen so. Plötzlich erscheint der morgendliche Eissturz in einem völlig neuen Licht.

Informationen:

Die "Fire & Ice Expedition Vatnajökull, Kverkfjöll, Askja" des isländischen Reiseveranstalters BSÌ-Travel startet vom Ort Akureyri oder dem See Myvatn.
Die Gletschertour erfordert ein gewisses Maß an körperlicher Kondition. Der Führer hat ein Funktelefon dabei. Die Verpflegung trägt der Gast selbst, Trinkwasser gibt es aus der Natur.
Die Tour wird noch bis Ende August angeboten, zwei Abfahrten pro Woche.



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