Island In der Heißmangel Europas

Der Flug von Deutschland nach Island dauert nur vier Stunden. Doch wer in Reykjavík vom Flieger in den Geländewagen umsteigt, um das Landesinnere zu erkunden, begibt sich auf eine Zeitreise zum Ursprung der Erde.

Von Frank Wald


Land Rover Experience Tour
Emmerling

Land Rover Experience Tour

Ingo versteht diese Leute nicht. "Die kommen mit nagelneuen Autos hierher und finden es auch noch toll, damit im Dreck zu wühlen." Schon seit einigen Wochen führt der Isländer, der eigentlich Ingólfur Stefánsson heißt, von allen aber nur Ingo gerufen wird, die "Land Rover Island Experience Tour" durch seine Heimat. "Diese Strecken hier sind doch scheußlich. Kein Isländer würde hier freiwillig mit einem neuen Auto herumfahren." Isländer sicher nicht, aber Deutsche. Erst recht, wenn sie mit den Geländewagen-Raubeinen Land Rover Discovery und Defender unterwegs sind. Denn hier, in diesem Außenposten Europas, auf halber Strecke zwischen Moskau und New York, finden Offroad-Fans das, wonach sie in Deutschland vergeblich suchen: keine Straßen, kaum Menschen und viel Landschaft, durchzogen von Flüssen und Schotterpisten, die nur mit Geländewagen zu befahren sind.

Island - eine Insel der Extreme und Kontraste. Rund 100.000 Quadratkilometer Erde, erschaffen aus Feuer und Eis mit magisch-mythischen Landstrichen. Malerisch gefärbte Wiesen und Täler wechseln mit bizarr geformten Lavafeldern, erloschene und aktive Vulkane mit schroffen Bergketten und unberührten Hochebenen, einsame Kraterseen mit tosenden Wasserfällen. Es raucht aus Erdspalten, Bäche dampfen durch die Wiesen, Geysire schießen kochendes Wasser in die Höhe, es gluckst und blubbert gräulich-grün aus Schwefellöchern. So ähnlich muss es in grauer Vorzeit auf der Erde ausgesehen haben. Fehlt nur, dass im nächsten Moment der Dino um die Ecke schlappt.

Das Leben spielt sich an den von Buchten und Fjorden zerklüfteten Küsten ab. Von den 270.000 Isländern wohnt

Entlang an zerklüfteten Küsten
Emmerling

Entlang an zerklüfteten Küsten

knapp die Hälfte in der Hauptstadt Reykjavik. Das Landesinnere besteht größtenteils aus unbewohnten Berggegenden, ewigem Gletschereis von der Größe Korsikas und Vulkangebieten. Mit insgesamt 200 dieser Erdschlote gehört Island zu den vulkanisch aktivsten Ländern der Erde. Im Schnitt findet alle fünf Jahre ein Ausbruch statt, wobei es sich jedoch meistens um Spaltenausbrüche handelt. Der Aktivste ist Mount Hekla. Seit dem 12. Jahrhundert ist der nervöse Vulkan über 20-mal ausgebrochen, das letzte Mal 1999. Und da wollen wir hin.

"Aufsitzen!", ruft Dag Rogge im kalauernden Befehlston. Der Camel-Trophy erfahrene Offroad-Spezialist und sein Team organisieren seit 20 Jahren Geländewagen-Expeditionen in alle Winkel der Welt. Wir starten in Reykjavik. Die letzte Nacht im Hotel. Die nächsten fünf werden wir uns mit den Dachzelten bescheiden müssen. Die Autos sind zudem mit Navigationsgeräten, Satellitentelefon und Funk ausgerüstet. Unabdingbar in den einsamen Gegenden der Insel - und für die Sprüche unterwegs.

Wir passieren das Ortsausgangsschild von Reykjavik, biegen von der Route No.1, der einzigen durchgängig ausgebauten Straße, die sich ringförmig um die gesamte Insel schlängelt, rechts ab. Das war's dann für die nächsten Tage mit dem asphaltierten Untergrund. Schon nach wenigen Kilometern querfeldein erreichen wir Hengill, das zweitgrößte Hochtemperaturgebiet Islands. Ein Geothermal-Kraftwerk, dass wir passieren, versorgt die Heizungen der Hauptstadt mit Energie. Und davon gibt es hier mehr als genug. Allein unter dem Gebiet des Gletschers Torfajökull schlummert ein Energiepotenzial von 1500 Megawatt. Und wir hatten uns noch tags zuvor gewundert, dass die Isländer ihre Straßen und Fußwege mit Fußbodenheizungen ausstatten.

Island ist voller Naturschauspiele. Vor allem die Vielfalt der vulkanischen Formationen gehört zu dem Einfallsreichsten, was sich Islands Natur ausgedacht hat. Quadratkilometer weit erstrecken sich erkaltete Lava-Felder durch die Landschaft. Etwa ein Zehntel der Inselfläche ist mit diesen bizarren Gesteinsformationen bedeckt. So muss es wohl auf dem Mond aussehen, dachte sich auch die Nasa und bereitete in den sechziger Jahren ihre Astronauten hier auf den Trip zum Erdtrabanten vor. Und auch heute nutzen Regisseure die skurrile Landschaft als Filmkulisse. "Vor einigen Monaten hatte ich die Leute von Paramount hier. Die suchten eine passende Landschaft für den Film 'Tomb Raider'", erzählt Ingo.

Wegweiser raus dem Nirgendwo für "Bigfoots"
Emmerling

Wegweiser raus dem Nirgendwo für "Bigfoots"

Plötzlich, mitten im Nirgendwo, Straßenschilder. Rechts geht's nach Linaregur, links nach Krakatindur und geradeaus nach Saeringsdaquissl. Namen wie aus Tolkiens "Herr der Ringe". Einheimische in so genannten "Big Foots" kommen uns entgegen. Diese Geländewagen mit höher gelegtem Chassis und XXL-Bereifung im 48-Zoll-Format sind häufig zu sehen. Für Isländer das Alltagsgefährt, um ins Landesinnere, zu den Gletschergebieten oder im Winter an Omas Kaffeetafel zu kommen. Unsere Land Rover schaffen es auch mit der normalen Serienbereifung zu den berühmten Geysiren.

Im Thermalgebiet Haukadalur angekommen, erleben wir alle paar Minuten die Eruption des aktivsten Wasserkochers "Strokkur" - und eine Reisegruppe Japaner. Gespannt stehen sie, die Kameras im Anschlag, um das dampfende Erdloch. Das kochende Wasser kräuselt sich, wölbt sich zu einer großen Blase, zerplatzt

Magisch-mystisches Island: Das Land der Geysire
Emmerling

Magisch-mystisches Island: Das Land der Geysire

wenige Augenblicke später ohne Vorwarnung und spuckt mit grimmigem Fauchen eine bis zu 30 Meter hohe Wassersäule heraus. Nur wenige Kilometer weiter das nächste Naturereignis: "Gullfoss", einer der größten Wasserfälle Europas, stürzt sich über zwei große Fallstufen mit ohrenbetäubendem Lärm in einen engen Canyon. Bei klarem Wetter formt sich über den zischenden Wasserschlieren ein riesiger Regenbogen, dem der "Goldene Wasserfall" seinen Namen verdankt.

Die nächsten 100 Kilometer werden zum klassischen Offroad-Trial inklusive Reifenpanne. Wir durchqueren wilde Bäche und Wasserlöcher, klettern auf Serpentinen-Pfaden über Gebirgszüge, testen Stoßdämpfer auf Schlaglochpisten, es schüttelt und schaukelt unter den 245er-Stollen der Land Rover, mal mit 80 km/h eingehüllt in Staubwolken, mal im Schritttempo knirschend über scharfkantige Steine. Dann ziehen dicke Wolken auf. Es beginnt zu regnen.

"Dag, Dag" - "Lutz, Lutz", quäkt es aus dem Funkgerät. "Dag hört." "Wir stecken fest. Kannst du uns rausziehen. Wir kriegen nasse Füße." Ein Discovery ist baden gegangen. Bei einer Flussquerung hat er sich in der Furt festgefahren, Wasser läuft in den Innenraum. "Bei Regen sind diese Flüsse unberechenbar", sagt Dag, während er die Seilwinde an der Front seines Defender vorbereitet, mit dem die winkenden Touristen aus dem Schlamassel gezogen werden sollen. "Eben noch Bachläufe mit einfachen Furten, ein paar Stunden später reißende Ströme mit versteckten Felsblöcken." Ingo sitzt auf der Haube des Defender, langsam tastet Dag sich an den Disco heran. Er steckt tief drin, bis zum Auspuff, der wie ein Außenbordmotor tuckert. Ingo kommt nicht an den Abschlepphaken heran.

Also runter mit den Klamotten. Nur mit Badehose bekleidet liegt er bis zum Hals im eiskalten Wasser. Der Regen wird heftiger. Jetzt hat er ihn eingeklinkt. Langsam, ganz langsam zieht die Winsch an und den Discovery aus der Bredouille. Dag kurvt mit seinem Defender im Fluss herum, sucht nach einer passierbaren Stelle. Hier müsste es gehen. Einer nach dem anderen tastet sich durch. Geschafft. Die Aktion hat uns anderthalb Stunden gekostet.

Wir schütteln weiter durch die Landschaft. Langsam färbt sich die Umgebung dunkel - Mount Hekla rückt näher. Wer den schwarzen Vulkan mit seinen bizarren Ausläufern sieht, ahnt, warum dieser Ort in der gesamten katholischen Welt des Mittelalters als Ort der Verdammnis bekannt war. Wir erreichen das Gebiet des letzten Ausbruchs, über das er vor zwei Jahren seinen tödlichen Umhang geworfen hat. Wie eine schwarze Schleppe zieht sich die Landschaft zum Krater hinauf. Hier wächst kein Halm mehr. Erstickt im Ascheregen. Wir nehmen "Gesteinsproben", die porösen Brocken zerbröseln in den Händen. Das Wetter verschlechtert sich, dunkle Wolken verhüllen den Kratergipfel. Wir verzichten auf den zweistündigen Aufstieg und ziehen uns zurück. Es dämmert bereits und das Camp ist noch in weiter Ferne.

Die Geländewagen-Karawane prescht durch Heklas "Kohlenkeller" und zieht einen kilometerlangen Staubschweif hinter sich her. Lavafelder, offenbar älteren Datums, wechseln mit moosbedeckten Ebenen. Die Landschaft wird freundlicher, doch das Wetter grimmiger. Im strömenden Regen erreichen wir unser Camp in Landmannalaugar, einem von Bergen gesäumtes Tal mit heißen Quellen und Campingplatz. Dag und sein Team dirigieren die Land Rover nach Wildwest-Manier zur Wagenburg und spannen eine große Zeltplane dazwischen. Der Regen lässt nach, doch es ist kalt und ungemütlich. "Kein Problem", ruft Dag, "da drüben ist unsere Badewanne." Nur hundert Meter weiter gluckert heißes Wasser aus den Bergen und plätschert in einen kleinen See. Wir springen hinein. Ein ganz heißer T(r)ip, dieses Island.



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