Jenseits von Manhattan Backstein und blühende Gärten

New York bedeutet für viele Touristen Central Park und Ground Zero, Broadway und Wall Street, Empire State Building und Times Square - alles Orte in Manhattan. Doch es lohnt sich, den Hochhausschluchten einmal den Rücken zu kehren und das etwas andere New York zu erleben - zum Beispiel in Brooklyn und auf Staten Island.


Straßenbild in Brooklyn Heights: Geprägt von rotem Backstein
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Straßenbild in Brooklyn Heights: Geprägt von rotem Backstein

Brad Smith lebt schon sehr lange in New York, doch er bezeichnet sich nicht als New Yorker. "Ich bin aus Brooklyn", sagt der 72-Jährige, als wäre der Zusammenschluss der fünf heutigen Stadtbezirke des "Big Apple" vor 107 Jahren für ihn ganz unwichtig. Und wenn Brad von New York redet, dann meint er immer nur Manhattan, die Insel auf der anderen Seite des East River.

Brad Smith ist in Brooklyn zu Hause, mit der U-Bahn 30 Minuten entfernt von Midtown Manhattan. Hier kennt er jeden Winkel und zeigt ihn gerne auswärtigem Besuch. Der Rentner mit dem grauen Schnauzbart ist ein "Big Apple Greeter", ein freiwilliger Stadtführer, der kostenlos Touristen seine Nachbarschaft präsentiert. Bei Brad Smith bedeutet das: Touren durch Brooklyn Heights, ein Viertel voller drei- und vierstöckiger Backsteinbauten aus dem 19. Jahrhundert.

"Hier wohnen die Menschen, die in New York arbeiten", sagt Brad und meint natürlich wieder Manhattan. Nun ist es nicht so, dass das Wohnen in Brooklyn Heights billiger wäre: Im Monat 2000 bis 3000 Dollar Miete (1640 bis 2460 Euro) werden für eine Zwei-Zimmer-Wohnung fällig, ähnlich wie in vielen Vierteln Manhattans. Die Preise sind es also nicht, die Brooklyn Heights attraktiv machen, es ist die Atmosphäre in den von Bäumen gesäumten Wohnstraßen.

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New York mal anders: Stadtviertel mit Aussicht

An der Montague Street, der Hauptstraße des Viertels, reihen sich kleine französische Restaurants und China-Imbisse an Boutiquen und Läden voller Krimskrams. Im Gemeindesaal der Kirche St. Ann and the Holy Trinity ist samstags Kunsthandwerkermarkt: Designer aus Brooklyn zeigen und verkaufen ihre Ketten, Broschen und Ringe. Nicht alles ist Kunst, vieles Kitsch - aber es ist von hier. "Die Designer kommen alle aus der Nachbarschaft", schwört Brad.

Kunst steht für viele Menschen in Brooklyn im Mittelpunkt ihres Alltags. Williamsburg, ein anderer Teil des großen Stadtbezirks, sei "der Ort mit der vermutlich größten Konzentration von Künstlern in der ganzen Welt", sagt Brad, während er mit seinen Gästen die "Rotunda Gallery" ansteuert. Als dort und in 15 anderen Galerien im April und Mai die Ausstellung "Project diversity" mit den Werken lokaler Maler und Bildhauer gezeigt wurde, hatten sich 600 Künstler um die Teilnahme beworben. Nur 200 konnten ausgewählt werden.

Blick auf die Skyline

Galerien, Ateliers, Künstlertreffs - all das gibt es in Manhattan natürlich auch. Was dort aber fehlt, ist das, was Brooklyn Heights an seiner Promenade bietet: den Blick auf die Wolkenkratzerlinie entlang des East River.

Von Brooklyn Heights geht es steil bergab zu einem anderen beliebten Aussichtspunkt mit Manhattan-Panorama: Fulton Ferry Landing, bis in die 1920er Jahre der Anlegepunkt für die Fähren nach "New York", wie Brad Smith sagen würde, ist heute eine Anlegestelle für Wassertaxis, dazu ein sehr beliebter Ort für Hochzeitsfotos und bereits Teil des Dumbo-Bezirks. Dumbo ist die Abkürzung für "Down Under the Manhattan Bridge Overpass" ("Unter der Manhattan-Brücken-Überführung"). In diesem Teil Brooklyns sind ebenfalls viele Künstler zu Hause, in alten Lagerhäusern werden Theaterstücke aufgeführt oder Designermöbel ausgestellt. Und hier ist auch nach Einbruch der Dunkelheit einiges los.

Das wird von Staten Island wohl kaum jemand behaupten. Ähnlich wie nach Brooklyn dauert auch in diesem Fall die Anreise nur ein paar Minuten: Die in Orange gestrichene Staten-Island-Fähre verkehrt rund um die Uhr, und ihre Benutzung ist zum Erstaunen vieler Touristen seit 1997 kostenlos. Die Überfahrt beginnt am Battery Park an der Südspitze Manhattans, wo auch die Transferboote zur Freiheitsstatue und zur Einwandererinsel Ellis Island ihre Passagiere aufnehmen. Anders als bei Brooklyn, das seinen Großstadt-Charakter trotz der eher entspannten Atmosphäre rund um die Montague Street nicht verleugnen kann, ist Staten Island jedoch "eine völlig andere Welt", wie es Susan McAnanama ausdrückt, die Ausflugstouren auf die Insel veranstaltet.

Wie eine Provinz in Connecticut

Staten Island ist fast schon Kleinstadt-Amerika und könnte problemlos ein paar hundert Kilometer nach Norden, Westen oder Osten versetzt werden, irgendwo in die Provinz von Connecticut zum Beispiel. New York, die "Stadt, die nie schläft", macht hier oft sogar einen eher verschlafenen Eindruck. Wer die Lust an den Hochhäusern und der Hektik Manhattans verliert, kann sich bei einem Ausflug auf die Insel entspannen.

Die Fahrt über die Straßen von Staten Island führt an liebevoll gestrichenen Holzhäusern und akkurat geschnittenen Buchsbaumhecken entlang. Strom- und Telefonkabel liegen nicht unterirdisch, sondern werden über hohe Masten geführt - die Wolkenkratzer Manhattans sind fast noch in Sichtweite, doch von Großstadt plötzlich keine Spur mehr. Und dann ist das erste Ziel erreicht: "Historic Richmond Town", ein Freilichtmuseum, das Staten Island zeigt, wie es um 1830 war.

Laiendarsteller demonstrieren zum Beispiel, wie einst über offenem Feuer Cracker gebacken wurden, im Raum nebenan wird Wolle am Spinnrad produziert. Und bei "M. Black Fine Groceries & Provisions" zeigt der Blick in den Verkaufsraum voller dunkler Holzregale eine Vielzahl von Fässern, Schubladen und Schachteln - fast so wie im Wilden Westen.

Wer nach Staten Island kommt, sucht vielleicht genau das. Vom Bootsanleger nahe des Kulturzentrums aus scheinen die Wolkenkratzer Manhattans wieder greifbar nahe und wirken doch wie aus einer anderen Welt. "Wir haben hier alle Möglichkeiten", sagt der Pizzeria-Besitzer James McBratney: "Die Vorzüge Manhattans liegen vor der Haustür, und doch führen wir ein ländliches Leben im Grünen." Vor allem deshalb sei er das, was er ist: "ein überzeugter Staten Islander". Brad Smith aus Brooklyn ist längst nicht der einzige Lokalpatriot in New York.

Christian Röwekamp, gms



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