Jogging durch Berlin Sexy, weil arm

Kultur, Historie, Promis – überall gefühlte Wichtigkeit. Wer sich an die Bedeutsamkeit Berlins gewöhnt hat, schätzt etwas anderes: eine Gelassenheit, die Deutsche sonst nur aus dem Urlaub kennen. Hajo Schumacher joggt in gemächlichem Tempo durch die Hauptstadt


Neulich war wieder mal Besuch da, ein alter Kumpel aus Hamburg, ein angenehmer Gast. Wer in Berlin wohnt, zumal im Zentrum, hat dauernd Besuch. Die Wohnung wird zum permanenten Beherbergungsbetrieb mit angeschlossenem Stadtführer-Service. Zugleich sind Arbeits- und Familienfunktion empfindlich eingeschränkt. So ähnlich müssen sich unsere New Yorker Freunde früher gefühlt haben, als deren Wohnung ein dauerndes Matratzenlager war.

Was früher Manhattan war, ist heute Berlin. Hipstadt. Abenteuerstadt. Besucherstadt. Weltstadt.

Alle paar Tage ist jemand am Telefon, Kulturfreund, Gastarbeiter, Neugieriger, Rheinländer oder Power-Shopper, der erst umständlich nach dem Befinden fragt und dann endlich herausrückt mit der Sprache. Also, ob es, ääh, zufällig dieses nette kleine Gästezimmer noch gebe, für eine Nacht, höchstens zwei. Aber bitte keine Umstände!

Klar, antwortet der Berlin-Bewohner, kein Problem. Als Hauptstädter leidet er an diesem furchtbar schlechten Gewissen, weil er ja von allen anderen Deutschen mitfinanziert werden muss und die Taxifahrer angeblich so unfreundlich sind. Gäste von auswärts zu beherbergen, zu beköstigen, zu amüsieren - das ist eine Art Zivildienst, ein ständiges und nicht immer leichtes Abarbeiten von Schuldgefühlen wegen des Länderfinanzausgleichs.

Wer dann nach etwa zehn Jahren Berlin-Aufenthalts zu einem dieser Anrufer erstmals nein sagt, einfach nur nein, ganz ohne sich eine Ausrede zu überlegen, der weiß, dass er endlich ein Berlin-Fortgeschrittener ist, der sich des Gefühls süßsaurer Metropolen-Arroganz weder erwehren kann noch will. Er hat seinen Beitrag zur Berliner Imagekampagne geleistet. Zum Dank reduziert sich der Freundeskreis auf die wirklich Netten.

Neulich also war netter Besuch da, einer, der länger nicht mehr in der Stadt war und dem der Sinn am Sonntagmorgen nach ein wenig Sport stand, aber auch nach Sightseeing und etwas Geplauder. Der perfekte Gast also. Wir schnürten die Laufschuhe, trabten los, bald an den Schaufenstern des KaDeWe entlang, wo die Dessous so gewagt an den Plastikpuppen wehten, dass in München sofort ein Kardinal wettern und die Frauenbeauftragte zetern würde.

Wöchentlich schnürt eine Hollywood-Actrice vorbei

Seitdem es in diesem Kaufhaus einen Shop-im-Shop samt Behandlungskabine für die Naturkosmetik von Dr. Hauschka gibt, schnürt nahezu wöchentlich eine Hollywood-Actrice vorbei, bisweilen im Zustand fortgeschrittener Depression, weil niemand sie erkennen will. Gut so. Denn die eine, uncoole Sorte Berliner beteiligt sich von Natur aus gern an Menschenaufläufen, was die andere, coole Sorte Berliner nervt. Zugegeben, wenn Bruce Willis im "Bocca di Bacco" an der Friedrichstraße speist, dann verwandelt sich die zweite auch schon mal in die erste Sorte und starrt durch die Frontscheibe. Aber nur ganz kurz.

Wir könnten ein paar Schlenker laufen, vorbei an bedeutsamen Mietshäusern, in denen Walter Benjamin, Marlene Dietrich, Otto Dix, Drafi Deutscher, Loriot, Bert Brecht, Rudolf Diesel oder Egon Erwin Kisch gewohnt haben, alle im Umkreis von einem guten Kilometer. Aber wir wollen ins Grüne. Also geht es Richtung Interconti, wo die panische amerikanische Politspitze traditionell absteigt, was lästige Straßensperrungen mit sich bringt. Hinter dem Hotel endlich, keine fünf Minuten vom Ku'damm, beginnt die Weite des Tiergartens, gleich jenseits des Landwehrkanals. Die Brücke überspannt nicht nur das schmale Wasser, sondern auch das Mahnmal für die Kommunistin Rosa Luxemburg, deren Leiche 1919 in den Kanal geworfen wurde.

Spätestens hier fleht der Besucher um Gnade: zu viele Namen, zu viel Geschichte, zu viel Wichtigkeit. Der adoleszente Berlin-Bewohner stutzt kurz. Er hat sich daran gewöhnt, dass diese Stadt wie wenige andere in Europa mit historischer und kultureller Bedeutung aufgeladen ist, die sie automatisch an ihre Bürger weitergibt. Prominenz, Kultur und Historie ballen sich in Berlin in anstrengender Dichte. Im Zentrum gibt es kaum eine Ecke, an der nicht irgendetwas passiert ist, was man in Bielefeld oder Bamberg für welterschütternd halten würde, in Berlin aber für völlig normal.

Wichtigkeit gibt es hier seit 200 Jahren und davon nicht zu knapp. Nach Preußen und den Nazis, Rosinenbombern und Russen, DDR und Mauer, Kennedy und Weizsäcker, Wiedervereinigung und Großbaustelle - da muss schon einiges geboten werden, um den historisch gestählten Berliner zu beeindrucken. 60 Milliarden Euro Schulden jedenfalls sind kein Grund zur Panik, schon gar nicht, wenn erst nächstes Jahr mit der Rückzahlung begonnen werden soll.

Das beste Sushi der Stadt, aber nicht für jedermann

Wir laufen durch den großen, kühlen, leeren Park Richtung Großer Stern, einen immensen Kreisverkehr, der sich um die Siegessäule windet, die von einstigen Kriegstriumphen kündet. Auf der anderen Seite tauchen wir erneut ins Grün, sind erleichtert, dass die Love Parade dieses Jahr nicht hier stattfindet, und laufen auf die japanische Botschaft zu, die im Zweiten Weltkrieg zerstört und zufällig zwei Jahre vor dem Mauerfall wieder aufgebaut worden war. Hier wird das beste Sushi der Stadt serviert, leider nur für geladene Gäste.

Gleich hinter der Philharmonie, dem Arbeitsplatz von Daniel Barenboim und Sir Simon Rattle, liegt der Bendlerblock, der durch Tom Cruises Filmfeier endlich bundesweit bekannt wurde. Wenigstens will Cruise in Berlin nicht wohnen, anders als man es immer von Brad Pitt und Angelina Jolie hört. Kein Hollywood-Schauspieler hätte es näher zur Berlinale. Der Hauptstädter indes hat die Nase langsam voll von Cruise, Brangelina und prominente Menschen, die allein durch ihre Anwesenheit Verkehrschaos auslösen. Aus Protest werden wir diesmal den Filmfestspielen fernbleiben und all den kohlensäureperlenden Partys mit den immergleichen Frohgesichtern. Am Ende gehen wir natürlich doch wieder hin.

Tatsache ist: Zentralberlin bedeutet Party ohne Ende. Entsprechend überfüttert ist die Kundschaft. Die No-show-rate liegt oft bei zwei Dritteln, das heißt: Von 1000 verschickten Einladungen bestätigen 600 Menschen ihr Kommen, am Ende tauchen aber nur 200 auf. Für die Kalkulation von Büffets eine immense Hürde.

Das Luxusproblem Berlins ist es, dass da immer noch drei, vier Konkurrenzveranstaltungen laufen, bei Verbänden, in Landesvertretungen, Galerien oder irgendwelchen Hinterzimmern, wo das Essen womöglich besser ist oder die Kanzlerin anwesend. Der Gast will gerade fragen, ob er eine dieser vielen Einladungen vielleicht haben könnte, kommt aber nicht dazu, weil ihm erklärt wird, dass links in diesem Bürohaus nahe dem Potsdamer Platz im siebten Stock ein Original von Starfotokünstler Andreas Gursky hänge.



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