Käfertaxis in Mexico-City Wie der Taco

Noch bevölkern die grün-weißen Käfertaxis wie Heerscharen von Insekten die Straßen von Mexico-City. Doch irgendwann soll Schluss sein mit den betagten deutschen Droschken. Nicht jeder mag sich aber so ohne weiteres vom alten Boxer-Gefährt verabschieden, wie Autor Lasse Dudde erfuhr.


Grün-weißes Käfertaxi: Sein Verschwinden ist nur noch eine Frage der Zeit
Lasse Dudde

Grün-weißes Käfertaxi: Sein Verschwinden ist nur noch eine Frage der Zeit

Er hat gesehen, dass ich auf der anderen Straßenseite nach einem Taxi Ausschau halte und deshalb schnell gestikuliert. Eigentlich wollte er ja mit seiner Tochter, die gerade aus der Schule gekommen ist, ein Eis essen gehen. Doch Kundschaft ist Kundschaft, deshalb wird eilends der am Straßenrand geparkte Käfer aufgeschlossen. Und noch bevor ich über die Beifahrertür eingestiegen bin, hat sich die Achtjährige bereits zwischen ihrem Papa und der Fahrertür eingezwängt.

Er heißt Juan und hat etwas von einem zahnlosen freundlichen Nilpferd. Er fragt besser noch einmal nach: "Ermita? Zur Metrostation?" Dann wird das Schlüsselchen gedreht, und im Heck erwacht urdeutsche Volkswagen-Nostalgie zu neuem Leben.

Früher war das Ding wohl mal rot, man sieht's immer noch innen an der Lackierung der Holme. Baujahr 1993, also immerhin bereits mit Einspritzer und Drei-Wege-Katalysator. "Seit acht Jahren gehört er mir", sagt Juan und flüstert fortan jedes Mal seiner neugierigen Tochter ins Ohr, was der Ausländer auf der Rückbank eben wieder gefragt oder gesagt hat.

Schwer zu sagen, was der alte Käfer gelaufen ist, denn das Zählwerk hat offenbar schon vor Jahren bei Tachostand 453.376 seinen Geist aufgegeben. Sicher ist eins: Der Volkswagen hatte bereits über 200.000 Kilometer auf der Uhr, als Juan ihn übernahm. Und er läuft und läuft und läuft immer noch. Wie in der alten Käferwerbung eben. Und das könnte wohl endlos so weitergehen.

Wenn da nicht die die Behörden in Mexico-City wären. Denn die machen seit Anfang 2003 dem guten alten VW-Käfer-Taxi zunehmend den Garaus. Vor allem solchen Exemplaren wie Juans, die zehn Jahre und älter sind und jetzt nach und nach die Betriebserlaubnis verlieren: zu alt, zu umweltbelastend, zu unsicher, zu gefährlich, so lautet das staatliche Urteil über die teutonische Droschke, die seit Jahrzehnten zum mexikanischen Straßenbild gehört wie der Taco: Vor genau 50 Jahren wurde der Käfer in Mexikos Straßenverkehr eingeführt, und noch heute sollen es immer noch zwischen 70.000 und 80.000 "Vochos" sein, die im legendären Boxer-Sound allein durch die Straßen der Megastadt dröhnen.

Straßenflitzer: 15 Minuten, ein Euro Gangsterabwehr: Mancher Käferpilot sitzt im Käfig Konkurrenz: Die Käfer sind nicht mehr alleine
Invasion: Noch sind es 70.000 und 80.000 "Vochos" auf den Straßen der Megastadt Juan in seinem Taxi: Er hat etwas von einem zahnlosen freundlichen Nilpferd BU Volkswagen-Oldtimer: 15.000 Peso Verschrottungsprämie für jeden stillgelegten Käfer

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Doch längst ist nun auch in der einstmals letzten Käferproduktionsstätte im Volkswagenwerk in Puebla Schluss mit dem Käfer. Dort, etwa hundert Kilometer südöstlich der Hauptstadt, wird unter anderem der New Beetle gebaut. Und so ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch - irgendwann - in Mexiko der alte "Kraft-durch-Freude-Wagen" ganz aus dem Straßenbild verschwindet. Auch und gerade, obwohl der Käfer mit einem Listenpreis von um die 74.000 Pesos (heute etwa 4200 Euro) früher konkurrenzlos billig gewesen ist.

Was er heute eben gar nicht mehr wäre. Denn längst gibt es günstige Alternativen sowohl aus Fernost als auch aus dem eigenen Hause: VW Pointer heißt der und ist eine Art mittelamerikanischer Polo mit vier Türen. Was praktischer ist.

Juan winkt ab: "Ich habe sechs Kinder und bringe alle nur durch, weil ich fast ständig am Steuer sitze, Reparaturen wegen der simplen Käfer-Technik notfalls selbst ausführen kann und ein neuer Wagen einfach nicht zu bezahlen wäre."

Taxipiraten ohne Lizenz

Auch in Juans rundem Oldtimer fehlt, wie bei allen Käfer-Taxis, der Beifahrersitz. Dadurch können die Fahrgäste relativ bequem im Heck des Zweitürers einsteigen und ihr Gepäck dort ausbreiten, wo im Augenblick die Schultasche von Juans Tochter verstaut ist. Der Sicherheitsgurt vom Beifahrer dient in aller Regel zum Zuziehen der Beifahrertür.

Nicht immer bleibt die aber geschlossen, sondern wird gelegentlich, vor allem nachts, von Gangstern aufgerissen, die sich dann entweder vom Fahrgast sämtliche Bar- und Wertbestände aushändigen lassen oder gleich das ganze Gefährt erbeuten - manch Käferpilot hat deshalb zur Vorsorge oder aus einschlägiger Erfahrung einen Käfig um seinen Arbeitsplatz anfertigen lassen.

Juan bringt das aber nicht vom rechten Glauben ab. Seit 30 Jahren fährt er deutsche Käfer durch die Straßen des 25-Millionen-Einwohner-Molochs. Und er möchte das möglichst lange weiter tun. Da interessieren ihn auch nicht die 15.000 Peso Verschrottungsprämie, die ihm die Stadtverwaltung anbietet für den Fall, dass er den Abkömmling von Ferdinand Porsches "Volksauto" in den verdienten Ruhestand bugsiert.

"Statt sich an den unschuldigen Käfern zu versündigen, sollten sich die Behörden lieber mal um die taxis piratas kümmern", meint Juan. Das sind die vielen Taxifahrer, die ganz ohne Lizenz unterwegs sind und nur ganz selten aufgegriffen und - samt Gefährt - aus dem Verkehr gezogen werden. Dabei hofft die Stadtverwaltung gerade durch den sukzessiven, aber obligatorischen Modellwechsel den Freibeutern ein Häkchen zu schlagen.

15 Minuten haben wir zur Metrostation gebraucht. Macht 13 Pesos, knapp einen Euro. Wie lebt man davon? "Es geht", sagt Juan, "aber man braucht eben ein einfaches Auto, das fährt und keine Anstalten macht."

Sagt es über den verwaisten Beifahrerraum hinweg, um dann mit einem beherzten Zug am zweckentfremdeten Sicherheitsgurt die Tür zuzuziehen. Ein Winken und dann poltern sie los. Nämlich: Er muss jetzt schnell mit seiner Tochter Eis essen gehen.



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