Motorboot statt Megastau Hallo! Nil-Taxi!

Was in Stockholm, Venedig oder Hamburg schon Alltag ist, entdecken die Kairoer erst jetzt: den städtischen Personenverkehr auf dem Wasser. Die ersten drei Nil-Taxis haben ihren Betrieb in der Stadt der höllischen Staus aufgenommen.

Kairo: Auf dem Nil kommen Pendler schneller ans Ziel
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Kairo: Auf dem Nil kommen Pendler schneller ans Ziel


Zumindest in einer Sache sind sich wohl alle Bewohner von Kairo einig: Der Verkehr ist die Hölle. Als besten Transportweg entdecken die Bewohner der ägyptischen Hauptstadt nun in wachsender Zahl den Nil. Ein frisch gestarteter Taxiservice mit schnellen Motorbooten hilft, den Hupkonzerten und Abgasschwaden auf den verstopften Straßen zu entgehen - und den Weg zur Arbeit in Rekordgeschwindigkeit zurückzulegen.

"Ich komme ausgeruht und nicht mehr so gestresst im Büro an", freut sich Ahmed Amin, der bisher fast vier Stunden am Tag im Verkehr feststeckte. Längere Fußwege eingerechnet, habe er dank des Nil-Taxis den Zeitaufwand für An- und Abfahrt um rund 30 Prozent reduzieren können, berichtet der Mitarbeiter einer internationalen Organisation. "Und dazu kommt die Besserung meiner Laune und meiner Arbeitsleistung, seit ich nicht mehr am Steuer sitzen muss."

Auf der Strecke vom südlichen Stadtteil Maadi bis Ramlet Boulak nördlich der Innenstadt fahren die Flusstaxis an Bürotürmen und prächtigen Villen vorbei. Das Tempo ist so hoch, dass der im Nil schwimmende Unrat und die kaputten Baracken am Ufer kaum ins Auge fallen.

Autobahn auf dem Fluss

Der Ticketpreis von 30 ägyptischen Pfund (rund 3,30 Euro) übersteigt zwar die Möglichkeiten der meisten Kairoer. Aber die Nilroute ist eine große Erleichterung für diejenigen, die für fast das gleiche Geld bislang jeden Tag mit dem Straßentaxi fuhren oder am Steuer des eigenen Autos in den infernalen Staus der Megalopole feststeckten, die fast 20 Millionen Einwohner zählt.

Wenige Schritte von einer Anlegestelle der Nil-Taxis entfernt sind die Straßen so blockiert, dass Zweiräder auf die Bürgersteige wechseln und die Taxis den Motor ausgestellt haben. "Sollen sie ruhig die neuen Boote nehmen", sagt Taxifahrer Sajjed Ali. "Offen gesagt, weniger Fahrgäste zu haben, wäre für mich in Ordnung, wenn die Straßen dafür weniger verstopft wären."

Magdi Kirollos Ghali und Amr Abul Seud sind die Betreiber der schwimmenden Taxis. "Wir haben hier quasi eine große Autobahn, die aber seit Jahrzehnten ungenutzt blieb", erklärt Ghali die Geschäftsidee. Der Nil ist auf seinem Weg bis zur Mündung im Mittelmeer die Lebensader Ägyptens. Er dient dem Fischfang, dem Tourismus und sogar dem Sport, aber das Potenzial des Stroms für den städtischen Personenverkehr wurde niemals wirklich erschlossen, meint Ghali.

Die ersten drei Wassertaxis sind unterwegs

Ihre Idee verfolgen die beiden Gründer schon seit sechs Jahren. Damals griffen sie das Konzept des öffentlichen Nil-Busses wieder auf, der bis in die sechziger Jahre betrieben wurde. Zwar preiswert, aber langsam, oft unzuverlässig, laut und unbequem, stellten die Buskähne ihren Betrieb seinerzeit ein.

Ghali, der seit 2001 in der Schifffahrt tätig ist, reiste mit seinem Geschäftspartner um die Welt, um sich vergleichbare Projekte anzuschauen. Die politischen Umbrüche verzögerten das Vorhaben noch einmal, aber jetzt sind die ersten drei Nil-Taxis endlich gestartet. Ab Juli sollen Spezialboote mit niedrigem Dieselverbrauch hinzukommen, die 15 Passagiere fassen können. Und der Businessplan sieht vor, dass in zwei Jahren 30 Flusstaxis unterwegs sind, die täglich 15.000 Passagiere befördern.

"Da die Nil-Taxis den schlimmsten Verkehr in der Innenstadt umfahren, könnte das funktionieren und die Straßen entlasten", meint Scherif Jussef, ein Fahrgast. "Nach unseren Berechnungen gibt es dann im Zentrum von Kairo drei Prozent weniger Autos", erläutert Ghali und betont: "Das sieht in Prozent nach nichts aus. Aber bedenken Sie, wie viele Fahrzeuge weniger das wären."

abl/AP



insgesamt 4 Beiträge
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Herzbubi 10.06.2013
1. was in Hamburg schon Alltag ist?
von Hamburg lernen heisst siegen lernen - ich habe es jetzt verstanden. sogar die ganze Welt
JohannaPink 10.06.2013
2. Komisch...
... ich bin vor ein paar Jahren in Kairo mit einer öffentlichen Fähre, dem Nil-Bus, gefahren. Deutlich nach den sechziger Jahren. :) Der fährt allerdings nicht bis nach Maadi, wo die Reichen wohnen. Die Taxis, die sind tatsächlich neu.
Vox libertatis 10.06.2013
3. Problem ägyptisches Militär
Was gebraucht würde, wären grössere Fähren und eine dazugehörige Infrastruktur mit vielen Hafen-Haltestellen wie in Bangkok. Während meiner vier Jahre in Kairo, mit dazugehörigem Verkehrschaos im Alltag, wurde mir häufig gesagt, dass solche Pläne am Militär scheitern würden, dem viele Grundstücke am Nilufer gehören und welches letztendlich die Erlaubnis geben müsste.
Datenscheich 10.06.2013
4. Solarboote wären noch besser
Wer schafft es, die Kairiner von den Vorteilen der brennstofflosen Solarboote zu überzeugen?! Genug Vorbilder gibt es - vom Selbstbau bis zur Serie: http://www.buch-der-synergie.de/c_neu_html/c_11_13_mobile_anwendungen_elektroschiffe_1.htm#Solarschiffe
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