Kapstadt Auferstanden aus Ruinen

Hippies, Kreative und Investoren zieht es von weit her in die Mutterstadt Südafrikas. Beim Anstieg auf den Tafelberg treffen die verschiedensten Lebensentwürfe Kapstadts aufeinander - ein Mikrokosmos für die Vielfalt einer Stadt, die sich rasant entwickelt.

Von Sven Lager


Götter wohnen hier oben, Wolkenfetzen hängen an ihren Schultern. Das ist mein erster Eindruck, als ich das Plateau durch den engen, moosbewachsenen Platteklip Gorge von Westen her erreiche. Es ist ein sonniger Tag Ende März im afrikanischen Herbst. Blau glüht der Fels im Licht. Mein Herz schlägt schnell, vom Aufstieg und der Nähe zum Himmel.

Dunst liegt über den Schiffen und den spinnenbeinigen Kais des kilometerlangen Hafens. Unter mir die City Bowl, die rechtwinkligen Linien der Altstadt, die getragen wird von den Flanken des Tafelbergs und dem Lion’s Rump, dem Körper des Löwen. Die Berge bilden zusammen ein L, in dessen Öffnung die Stadt aufs Meer sieht. Unscharf die steilen Straßen, die zwischen den flachen, bunten Häusern des Kapmalaienviertels nach oben steigen.

Der Aufstieg auf den Tafelberg ist prosaisch. In langen Reihen glänzen die Autos, ein Parkwächter winkt. Er kommt aus dem Kongo. Oder Togo. Liberia? Manchmal ist es sogar ein Zulu oder Xhosa von hier, ein Homeboy. "Sharp, sharp" rufen wir uns zu, heben die Daumen, dann steige ich die ersten Felsstufen hoch. Vor mir schnaufende Mütter, unwillige Kinder, forsche Väter, unternehmungslustige Studentengruppen, Rentner mit Wanderstöcken. Und ehemalige Präsidenten.

Hoher Besuch auf dem Wahrzeichen der Stadt

"Was dit Frederik de Klerk, Mariaan?" fragt der hagere Bure im Karohemd seine Frau. "Ja, ja, die ou man het wragtag die berg geklim" – "der alte Mann hat tatsächlich den Berg erklommen", antwortet sie, blauer Lidschatten über den roten Wangen. Afrikaans klingt lustig. Die beiden lachen. Der frühere Präsident Frederik de Klerk, der mit Nelson Mandela nach 1990 die Apartheid abschaffte, er hat noch Saft, Donnerwetter! Wir nicken uns zu. Er ist deutscher und schottischer, sie holländischer und polnischer Abstammung. Nein, sie sprechen kein Deutsch, leider. Eine Großmutter sprach noch Jiddisch. Sie heißen Kurzewski.

Keine Minute später tausche ich mit einem kapmalaiischen Hünen Telefonnummern. Falls ich mal windsurfen will. Wie wir darauf gekommen sind? Wind, Kap, Sonne. Jesus ist der Weg, sagt er und zeigt auf den steilen Pfad vor uns. Seine goldene Uhr funkelt wie ein Versprechen.

Die erste halbe Stunde des Aufstiegs spenden die Zweige kleinerer Bäume Schatten. Sandfarben, rot und ocker der Fels, fröhlich das Gemisch vieler Sprachen. Es verebbt langsam, der Atem geht schneller, steil steht die Bergwand vor uns.

Es ist schwer, sich die Stadt am Kap vorzustellen, wie sie war, als Jan van Riebeeck im 17. Jahrhundert mit den ersten Siedlern kam, um Gemüse und Wein anzubauen für die skorbutgeplagten Flotten der Handelsschiffe. Ihr Ziel war das Reich der Gewürze, Holländisch-Batavia und Indien.

Zu stürmisch für Portugal

150 Jahre vor ihnen waren die Portugiesen gekommen und hatten wieder abgedreht. Zu stürmisch die See. Das Kap tauften sie Cabo tormentoso, stürmisches Kap. Wären sie an einem Tag wie heute gekommen, Kapstadt hieße Rio de África, Kaffee und Oliven würden am Tafelberg wachsen. Stattdessen dann die Holländer, Kalvinisten und Gehorsame eines Gottes, der Fleiß belohnt, Sparsamkeit wie Handel. Da hieß das Kap längst nach der "Guten Hoffnung", das südliche Ende der Welt war umrundet, noch bevor Kolumbus Indien im Westen suchte.

Auf halber Höhe zum Schlund frischer Wind. Kaum Vegetation. Nur der allgegenwärtige feinblättrige Fynbos, Erika und bunte Proteen, die von den lustigen alten Weibern an der Adderley Street verkauft werden. In der Bucht unten stehen die Tanker still auf dem gleißenden, friedlichen Atlantik. Der Eindruck täuscht. Von Mandelas Kampfgefährten hat es keiner geschafft, die zwölf Kilometer von Robben Island zu schwimmen.

Weiter unten säumen Wracks aller Nationen die tückischen Felsen. Hier weht die erste Kälte aus dem Schlund herunter. Oben die weißen Wolkenbüsche, die sich nicht lösen wollen. "Meeresberg" nannten die Ureinwohner den Tafelberg, lange bevor die ersten Schiffe kamen. Der Name beschreibt die Magie des Massivs, das unter der sizilianisch heißen Sonne Wolken aus dem Dunst des Meeres gebiert.

Ausbeutung durch Siedler und Seeleute

Für die Jäger, die Khoikhoi und San, war der Abend ein Fest – wenn die Sonne am Horizont erlegt wurde, war das Abendrot ihre blutige Schulter. Aber die Kultur der "Hottentotten" und "Buschleute" ist ausgestorben, nur ihre Physiognomie verewigt in den hohen Wangenknochen Mandelas und der Coloureds, der Farbigen, deren Heimat Kaapstad ist und das umliegende Weskaap, das Western Cape.

Die europäischen Siedler und Seeleute waren grob. Sie stahlen den widerspenstigen Buschleuten das Vieh, nahmen ihnen ihre Frauen. Dann holten sie sich Sklaven aus Madagaskar, Indien, Malaysia, Indonesien. Ließen Gärten anlegen, pflanzten Weinreben und zeugten Kinder.

Dawid Malan war ein Ehrenmann hugenottischer Abstammung und einflussreicher Herr über das Gut Vergelegen, zu einer Zeit, als man im Ballsaal des Kapstädter Kastells Menuett tanzte. In einer kalten Augustnacht des Jahres 1788 brannte er mit der dunklen Sklavin Sara durch und floh ins wilde Hinterland. Jahre später kam er zurück, mit verwildertem Herzen und als Anführer leseunkundiger Buren, die sich gegen die herrschenden Engländer auflehnten. Sie rebellierten für das Recht, jeden auszumerzen, der nicht weiß war – Buschmänner, Xhosa, Sklaven und deren Nachkommen, wie sie Dawid Malan selbst hinterlassen hatte. Das war die Rache an seiner Geliebten und deren Kindern, an einer fröhlichen Kolonie mit bunten Nachkommen.



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