Kapstadt Schillernde Diva Afrikas

Kein Wunder, dass ihre Landsmänner sie "Schlappstadt" nennen - Kapstadt hat viel zu schöne Strände, zu schönes Wetter und ein zu cooles Lebensgefühl. Zerstreuung und Entspannung sind hier Programm.


Kapstadt - Sollte jemand Kapstadt mit einem einzigen Eigenschaftswort beschreiben, es würde auf "lekker" hinauslaufen. Die Vokabel entstammt dem Afrikaans, der Sprache der kapholländischen Einwanderer Südafrikas. Das Wort kann lecker heißen, aber auch großartig, fabelhaft oder fantastisch. Die Adjektive passen durchweg auf Kapstadt, denn hier ist so ziemlich alles "lekker": das Stadtbild, die Strände, das Wetter, der Wein, nicht zu vergessen das Lebensgefühl - eine einmalige Mischung aus afrikanischer Lockerheit und europäischer Tradition.



Dieser angenehme Lebensstil ist allerdings auch für das sogenannte Kap-Koma verantwortlich, das sich zum Teil in Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit niederschlägt. Bei gutem Wetter lockt halt der Strand mehr als die Arbeit. Was man eigentlich heute besorgen könnte, wird gern auf morgen verschoben. In Johannesburg, wo traditionell länger und härter gearbeitet wird, hat Kapstadt deshalb seinen Ruf als "Schlappstadt" weg. Ein weiteres Eigenschaftswort, das auf Kapstadt passt, ist "überraschend".

Überraschend ist zum Beispiel die Tatsache, dass Kapstadt Südafrikas einzige Großstadt ist, in der die Schwarzen nicht die größte Bevölkerungsgruppe stellen: Sie zählen mit etwa 800.000 der gut drei Millionen Kapstädter nur ein knappes Viertel der Einwohner. Die Farbigen - Nachkommen weißer Siedler, schwarzer Einheimischer und asiatischer Zuwanderer - stellen mit 1,5 Millionen die größte Gruppe.

Die Weißen sind mit 650.000 Köpfen vertreten - das ist Rang drei. Zwar dominieren sie noch heute, 16 Jahre nach dem Ende der Apartheid, das Straßenbild in der Innenstadt, doch verstärkt sind in den Boutiquen, Bars und Cafés auch Schwarze und Farbige aus der sich neu bildenden Mittelschicht zu finden.

Koloniale Pracht mit Blick auf den Tafelberg

Das ist besonders gut im ersten Haus am Platz zu beobachten, dem "Mount Nelson". Jeden Nachmittag wird in dem Grandhotel der Afternoon Tea zelebriert. Wie damals, als Südafrika britische Kolonie war. Vornehme Herrschaften laden sich an dem üppig mit Torten und Petit Fours bestückten Büffet die Teller voll und tafeln einträchtig auf der Terrasse, mit Blick auf den Tafelberg, der hoch über Kapstadt thront. Doch anders als früher, als die Nobelherberge allein den Weißen vorbehalten war, genießen schwarze, farbige und weiße Gäste den Nachmittagstee inzwischen gemeinsam.

Manchmal sind berühmte Zeitgenossen unter den Gästen: Die Hollywood-Stars Ethan Hawke und Donald Sutherland wurden in der Nobelherberge bereits gesichtet, ebenso Jacques Chirac und Muammar al-Gaddafi. Bill Clinton dagegen nicht. Der sagte ab, weil die Hotelleitung nicht bereit war, ihm zuliebe die Palmenallee an der Auffahrt abzusäbeln. Das hatten Clintons Sicherheitsbeamte aus Furcht vor möglichen Heckenschützen anlässlich seines Staatsbesuchs gefordert.

Und so stieg der damalige US-Präsident im "Cape Grace" ab, dem zweiten Luxushotel der Stadt, das mitten in der Victoria & Alfred Waterfront liegt - ganz ohne Palmen. Früher war das Viertel Teil des alten Hafens, heute ist es ein quirliges Einkaufs- und Amüsierviertel, das jährlich über 20 Millionen Besucher anzieht. Ein Touristen-Ghetto ist die Waterfront zum Glück nicht: In den Hunderten Shops, Cafés und Bars tummeln sich mindestens so viele Einheimische wie Besucher.

Die Schönste der Stadt: Long Street

Nicht weit von der Waterfront entfernt erstreckt sich die Innenstadt, die hauptsächlich von einer Straße geprägt wird, der Long Street. Sie ist - anders als der Name vermuten lässt - nicht die längste, aber die älteste der Kapstädter Straßen, und eine der schönsten. Sie wurde vor drei Jahrhunderten angelegt und ist fast auf ihrer gesamten Länge eine einzige Sehenswürdigkeit: Viktorianische Gebäude wechseln sich ab mit kapholländischer Architektur, Klassizismus steht neben Art déco.

Die bunt sanierte Pracht aus der Kolonialzeit mit filigranen Balkongeländern und verzierten Säulen ist die Shoppingmeile der Jugend, lebendig wie einst: Retro-Cafés neben Handwerkern, hippe Bars neben Antiquitäten-Shops. Dazwischen der Pan African Market, wo man sich mit afrikanischen Souvenirs eindecken kann, mit Blechschmuck zum Beispiel oder handgeschnitztem Salatbesteck. Ein paar Schritte entfernt, im African Music Store, werden afrikanische Klassiker feilgeboten, von Zulu-Volksmusik bis zu Kwaito, der südafrikanischen Antwort auf House.

Wenige Straßenzüge weiter liegt der Company's Garden, früher der Gemüsegarten der anlandenden Schiffsbesatzungen, heute eine grüne Oase mitten in der Stadt. Gesäumt wird die Parkanlage von Parlament, Synagoge und South African Museum. Das ist bekannt ist für seine lebensgroßen Modelle von Buschmännern, die deshalb so echt wirken, weil die Figuren 1911 nach Gipsabdrücken lebender Menschen gefertigt wurden.

Von der Innenstadt aus hat man einen guten Blick auf den 1087 Meter hohen Tafelberg, sofern dieser nicht - wie so oft - von Wolken verhüllt wird. Rund 300 verschiedene Wege führen Kapstadts Hausberg hinauf, vom Wanderpfad bis zur anspruchsvollen Kletterroute. Doch es geht auch weniger anstrengend: per Seilbahngondel. Der Blick von oben ist sensationell, und Robben Island, die Insel, auf der Nelson Mandela bis Anfang 1990 im Gefängnis saß, scheint beinahe zum Schwimmen nah.

Die besten Weine außerhalb Europas

Apropos Schwimmen: Das kann man in Kapstadt natürlich auch. Bester Platz zum Sonnenbaden, Sehen und Gesehenwerden ist Clifton, Südafrikas berühmtester Strand, an dem sich Familien, Liebespaare und Wellenreiter tummeln. Lange bleibt allerdings kaum jemand im Wasser, denn der Atlantik ist auch im Sommer ausgesprochen kühl; die Antarktis ist schließlich nicht weit entfernt.

Dagegen scheint die Sonne im Sommer oft und lange. Ein Umstand, dem es zu verdanken ist, dass in der Kapregion einige der besten Weine außerhalb Europas gedeihen. Die ersten Weinbauern waren französische Hugenotten, die sich hier ab 1688 ansiedelten, mit wenig mehr als ihren Weinbaukenntnissen im Gepäck. Längst sind die von ihnen gegründeten Weingüter in Stellenbosch, Franschhoek und Constantia weltweit ein Begriff.

Eines der besten Güter gibt es seit 1796. Es heißt Buitenverwachting, was so viel bedeutet wie "jenseits aller Erwartung". Das Weingut machte seinem Namen schon in seinen ersten Jahren alle Ehre, denn seine Produkte waren in Europas höchsten Kreisen begehrt. Napoleon, Fürst Bismarck und das englische Königshaus orderten hier regelmäßig Süßwein.

Von Constantia ist es nicht weit zu jener Landspitze, die Kapstadt den Namen gab: dem Kap der Guten Hoffnung. Man fährt einfach Richtung Süden, bis es nicht mehr weitergeht. Vom Parkplatz ruckelt eine Zahnradbahn zum alten Leuchtturm hinauf, der auf einer Anhöhe thront. Bunte Schilder weisen darauf hin, dass unter dem Turm, wo der Fels ins Meer absinkt, zwei Ozeane aufeinander treffen, der Atlantische und der Indische.

Eine spannende Vorstellung, die nur einen Schönheitsfehler hat: Sie stimmt nicht. Der wahre Treffpunkt der beiden Weltmeere liegt nicht hier, sondern 150 Kilometer weiter östlich am Cape Agulhas, dem offiziellen Südzipfel des Schwarzen Kontinents. Egal, die Aussicht war, ist und bleibt am Kap der Guten Hoffnung die bessere.

Von Gregor Garbassen, gms





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