Karneval in Venedig "Die Leute müssen was zu gucken haben"

Mit dem "Engelsflug" hat die Hochphase des Karnevals in Venedig begonnen. Im Wettbewerb der Kostüme hat die Deutsche Tanja Schulz-Hess zweimal den ersten Platz belegt. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview berichtet sie über Schikanen der Jury - und erzählt, wie sie Berlusconi eine lange Nase verpasste.


SPIEGEL ONLINE: Unzählige Kostüme für den Karneval von Venedig haben Sie schon kreiert. Ist das Putzsucht?

Schulz-Hess: Ich kann nicht verleugnen, dass da die kleine Rampensau zu ihrem Recht kommt. In erster Linie habe ich aber Spaß am Machen. Ich sehe es gerne, wie eine Idee sich zu einem fertigen Gewand entwickelt und eine eigene Persönlichkeit bekommt. Natürlich genieße ich es auch, wenn ich mit dem Kostüm durch Venedig gehe, sehe, wie die Menschen ehrfürchtig staunen, und dann "Complimenti" sagen und sich sogar bedanken.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Gewänder sind sehr aufwendig. Haben Sie das gelernt?

Schulz-Hess: Nein, gar nicht. Ich kann bis heute weder Schnitte machen, noch eine gerade Naht nähen. Wenn ich eine Nähmaschine anfasse, gibt es ein Unglück. Letztes Jahr ist mir bei einem Schuhnähkurs in London sogar die Maschine abgebrannt - und ich hatte die Lehrerin gewarnt! Ich arbeite mit einer Heißklebepistole. So habe ich auch mein Brautkleid geklebt.

SPIEGEL ONLINE: Zweimal hat mit Ihnen eine Deutsche den ersten Platz beim Kostümwettbewerb gewonnen. Wie finden das die Italiener?

Schulz-Hess: Die Italiener haben damit kein Problem. Die sind total offen, auch die Amateure unter den Teilnehmern. Dagegen würden die Organisatoren lieber Einheimische gewinnen lassen. Aber es gibt zu wenige Italiener, die mitmachen, und nur vereinzelt Venezianer. Die meisten sind Österreicher, Franzosen und Deutsche. Im vergangenen Jahr hat das Komitee mir quasi "verboten", wieder zu gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Und? Halten Sie sich dran?

Schulz-Hess: Nein, natürlich nicht. Man sagt ja auch nicht zu einem olympischen Gewinner, dass er nächstes Mal nicht mitmachen darf. Allerdings halte ich mich dieses Jahr im Wettbewerb eher etwas dezent versteckt, und da einige Freundinnen gerne einmal ein Kostüm anziehen wollten, habe ich neun Gewänder für sie gebastelt. Wie die aber aussehen, kann ich nicht verraten.

SPIEGEL ONLINE: Wieso nehmen so wenig Venezianer teil? Was halten die Italiener vom Karneval?

Schulz-Hess: Die meisten Venezianer flüchten zum Skifahren oder woanders hin, um dem Trubel zu entkommen. Die Venezianer haben und hatten immer schon ein ambivalentes Verhältnis zu den Touristen. Viele leben von den Gästen, sind aber auch gleichzeitig sehr genervt. Außerdem darf man nicht vergessen, dass Venedig sowieso nur noch etwa 60.000 Einwohner hat.

SPIEGEL ONLINE: 2008 haben Sie mit "Luna Park", einem Vergnügungspark als Kleid, im Jahr davor als "La Montgolfiera" mit einem Heißluftballon auf dem Kopf gewonnen…

Schulz-Hess: Ja, den goldenen Stoff habe ich in einem Geschäft in Venedig gefunden. Der Rock ist die Hälfte unseres Wäschekorbs und der Ballon eine chinesische Laterne mit Haaren aus dem Afro-Shop. Der Kopfschmuck war 1,6 Kilo schwer und fast einen Meter hoch. Man konnte mich auf dem Markusplatz mit der Kopfdeko schon weithin erkennen.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen Sie auch politische Themen auf?

Schulz-Hess: Ja, mir machen gerade diese Themen Spaß, weil man damit Aktuelles kommentieren kann. So ist Silvio Berlusconi mal auf meinem Rock gelandet. In jenem Jahr hatte er gesagt, dass er sehr keusch leben und keine Lügen erzählen würde. Da habe ich sein Bild auf das Porträt eines Narren der Commedia dell'Arte montiert und ihm eine lange Nase verpasst. Dazu das Bild der Columbina, der Figur der simplen, aber bauernschlauen Dame, die mit dem Narren liiert ist und Berlusconis Frau darstellen sollte.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Schulz-Hess: Die Leute müssen was zu gucken haben: Ich nehme die Grundform des 18. Jahrhunderts, eine Mischform des Barock und Rokokos. Das bedeutet Korsage und Krinoline aus Metall, Manteau, viel Dekolleté, kurze Ärmel, viel Spitze und schöne alte Brokatstoffe, dazu meist Accessoires wie Handtasche, Fächer und Schuhe, die ich auch passend zum Gewand umbaue.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Konkurrenz nicht riesig?

Schulz-Hess: In den letzten Jahren wachsen immer weniger Kostümemacher nach. Ich bin eine der wenigen und jüngeren, die das intensiv machen. Unter den 1,5 Millionen Besuchern sehe ich 500 bis 1000, die sich ein bisschen mehr Mühe geben, 400 davon richtig. Am Schluss bleiben 30 Masken übrig. Das sind in den letzten Jahren immer die gleichen Akteure. Die basteln das ganze Jahr an den Kostümen und geben meist kleine Vermögen aus.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie?

Schulz-Hess: Ich brauche im Schnitt 30 Stunden und zwischen 20 und 60 Euro für ein Kostüm. Ich bin das ganze Jahr über auf Flohmärkten unterwegs und finde dort Laura-Ashley-Stoffe, Spitze und vieles, was mich inspiriert. Außerdem horte ich alte Vorhänge aus den fünfziger und sechziger Jahren. Wenn Stoffe vergilbt sind oder Patina haben, wirken sie erst richtig schön.

SPIEGEL ONLINE: Was fasziniert Sie am venezianischen Karneval? Warum nicht Köln?

Schulz-Hess: Köln ist mir zu laut. Kamelle, Wagen, Humptata und Alkohol sind nicht mein Ding. Ich liebe die poetische Stille in Venedig. Das ehrerbietende Grüßen und Verbeugen der Kostümträger untereinander ist schön und wärmt mein Herz. Außerdem ist Venedig mit all seinen bröckelnden Fassaden, Palazzi und Ratten nicht nur Kulisse, sondern macht mindestens die Hälfte des Karnevals aus.

Das Interview führte Antje Blinda

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