Kreuzfahrt Vom Winde verweht

Im Kreuzfahrttourismus etabliert sich zunehmend eine Nischenwirtschaft - das Segeln "unter Tuch". Auf den Großseglern geht es eher familiär zu, die steife Etikette kann zu Hause bleiben.


Das Leben an Deck in aller Ruhe genießen: Die Großsegler bieten deutlich weniger Passagieren Platz als die meisten Kreuzfahrtschiffe mit reinem Motorenantrieb
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Das Leben an Deck in aller Ruhe genießen: Die Großsegler bieten deutlich weniger Passagieren Platz als die meisten Kreuzfahrtschiffe mit reinem Motorenantrieb

Hamburg - Dem Seglerlatein zufolge mag am Mast kratzen, wer den Mut dazu hat. Vielleicht hilft es, und die Flaute verliert sich in einer frischen Brise - vielleicht aber kommt auch ein Sturm auf. Crew und Passagiere der neuzeitlichen Luxussegler bleiben von derart schwierigen Entscheidungen verschont: Starke Motoren und modernste Navigationstechniken sorgen für eine Pünktlichkeit in den Fahrplänen, die denen der klassischen Kreuzfahrtschifffahrt nicht nach steht.

Die Kreuzfahrt "unter Tuch" mit festen Fahrplan ist ein kleines, aber wachsendes Segment im Kreuzfahrttourismus. Viele der Schiffe sind erst in den vergangenen Jahren gebaut worden, um dem Markt Rechnung zu tragen. Gemeint sind nicht die klassischen Aktiv- und Jugendsegler wie die legendäre "Alexander von Humboldt", sondern echte Kreuzfahrtschiffe, auf denen seglerisches Können für die Passagiere weder Voraussetzung noch zwingender Unterrichtsstoff ist.

Segelt seit 1994 auf der Nostalgiewelle mit: Die "Lili Marleen" bietet Platz für bis zu 50 Kreuzfahrt-Passagiere
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Segelt seit 1994 auf der Nostalgiewelle mit: Die "Lili Marleen" bietet Platz für bis zu 50 Kreuzfahrt-Passagiere

Diese Segelschiffe können grob in drei Kategorien eingeteilt werden. Zum einen gibt es die High-Tech-Segler wie die "Wind Song", die "Wind Star" und die "Wind Spirit" der Reederei Windstar-Cruises in Seattle im US-Bundesstaat Washington. Sie alle wurden erst Ende der achtziger Jahre gebaut und eher auf amerikanischen Geschmack getrimmt. Hier muss kein Matrose mehr in die Schwindel erregenden Höhen der Masten steigen - die Segel werden mit Motorkraft ausgefahren. Die Bordsprache ist Englisch.

Eine weitere Kategorie sind die Großsegler mit allen üblichen Einrichtungen eines großen Kreuzfahrtschiffes: 228 Passagiere kann zum Beispiel der im Jahr 2000 fertig gestellte "Royal Clipper" mitnehmen, nach Angaben der Reederei White Star Clipper in Miami im US-Bundesstaat Florida das "größte wahre Segelschiff, das jemals gebaut wurde". Mit fünf Masten und 5200 Quadratmetern Tuch bietet es wohl auch die größte Segelfläche, mit der je ein Schiff ausgerüstet wurde. Auf der "Star Clipper" und der "Star Flyer" der selben Reederei finden je 170 Passagiere Platz. Neben Englisch wird auch Deutsch gesprochen. Eine Einführung in die Segelkunst ist möglich. Die Schiffe haben Pools an Bord, die "Royal Clipper" gleich drei.

Gutes Essen gehört dazu: An Bord von Segelkreuzfahrtschiffen wie der "Sea Cloud" kommen auch Freunde kulinarischer Genüsse auf ihre Kosten
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Gutes Essen gehört dazu: An Bord von Segelkreuzfahrtschiffen wie der "Sea Cloud" kommen auch Freunde kulinarischer Genüsse auf ihre Kosten

Um deutschsprachige Kundschaft mit individuellem Urlaubsinteresse bewerben sich vor allem Hapag-Lloyd Kreuzfahrten in Hamburg mit den beiden Schiffen "Sea Cloud" und "Sea Cloud II" sowie die Reederei Deilmann in Neustadt/Holstein mit ihrer "Lili Marleen".

Pate für die Idee der luxuriösen Nostalgietouren stand die "Sea Cloud", die 1931 in Kiel unter dem Namen "Hussar" für eine amerikanische Millionärserbin gebaut wurde. Auf dem Schiff trafen sich nicht nur Schauspieler und Banker, sondern es diente auch diplomatischen Verhandlungen, bis es im Zweiten Weltkrieg der US-amerikanischen Marine als Patrouillenboot zugeteilt wurde. 1978 wurde die Viermastbark zum Luxussegler umgebaut und von Hapag-Lloyd als Kreuzfahrtschiff eingesetzt. Das Schiff bietet 3000 Quadratmeter Segelfläche. 60 Besatzungsmitglieder kümmern sich um bis zu 69 Gäste.

Seemannsarbeit wie vor Jahrhunderten: Auf manchen Schiffen können die Gäste eine Einweisung ins Segelhandwerk erhalten
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Seemannsarbeit wie vor Jahrhunderten: Auf manchen Schiffen können die Gäste eine Einweisung ins Segelhandwerk erhalten

1994 trat als Neubau die "Lili Marleen" konkurrierend an die Seite der "Sea Cloud", ein nostalgischer Dreimaster mit 1200 Quadratmetern Tuch, der 50 Kreuzfahrtgäste und 26 Besatzungsmitglieder beherbergt. Die weiße Barkantine im Stil der dreißiger Jahre fand rasch ein Publikum, das mit Massentourismus nichts im Sinn hat. Die "Sea Cloud II" schließlich, ebenfalls im Stil der dreißiger Jahre gebaut, ging erst im Februar 2001 auf Jungfernfahrt. Maximal 96 Gäste finden auf dem von Hapag-Lloyd gecharterten Dreimaster Platz. Die Besatzung zählt 56 Köpfe, die Segelfläche misst 2400 Quadratmeter.

Die Tagesstrecken dieser Schiffe sind so berechnet, dass größere Entfernungen auch tatsächlich gesegelt werden können - doch muss der Wind schon mitspielen. So bleibt es denn letztlich eher den Launen der Natur überlassen, wie lange tatsächlich gesegelt wird.

Der neueste Großsegler auf dem deutschen Markt: Die "Sea Cloud II" wurde erst im Februar 2001 in Las Palmas auf Gran Canaria von ARD-Moderatorin Sabine Christiansen getauft
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Der neueste Großsegler auf dem deutschen Markt: Die "Sea Cloud II" wurde erst im Februar 2001 in Las Palmas auf Gran Canaria von ARD-Moderatorin Sabine Christiansen getauft

Die Unterschiede zu den großen Motor-Kreuzfahrtschiffen sind beträchtlich: Smoking und Abendkleid können zum Beispiel zu Hause bleiben. Sportliche Kleidung tagsüber und sportlich elegante am Abend, heißt die Devise. Hier kennt jeder jeden, hier geht es eher familiär zu. Auf einen Pool müssen die Passagiere auf den kleinen Luxusseglern verzichten, ebenso auf ein ausgefeiltes Showprogramm. In den Lounges werden eher Shanties gesungen, als dass ein Band auftritt und Seemannsknoten gelehrt als Musicals aufgeführt. Einkaufspassagen, wie sie auf vielen größeren Schiffen üblich sind, sucht der Reisende hier ebenfalls vergebens.

Die "Lili Marleen" verlässt im Herbst das Mittelmeer in Richtung Kanarische Inseln. Von dort aus geht es nach einem Werftaufenthalt erstmals zu den Galapagos-Inseln im Pazifik, wo Mitte Dezember die Fahrten aufgenommen werden. Die "Sea Cloud" ist bis auf wenige Tage des Jahres ausgebucht. Die "Sea Cloud II" fährt im Herbst im Mittelmeer, überquert im November den Atlantik und steuert im Winter karibische Küsten an. Die Preise für die Nostalgiereisen sind mit denen auf großen motorgetriebener Luxusschiffen vergleichbar.

Michael Segbers, gms



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