Kreuzköllner Hotel Campen unterm Betonhimmel

Camping, aber mit Komfort? Kreuzberger Nähe, aber ohne Partytouristen? Wer im Berliner Hüttenpalast absteigt, kann beides haben. In einer renovierten Fabrikhalle betreiben zwei Frauen ein Hotel mit Outdoor-Charme: Die Betten stehen in alten Camping-Hängern und Holzhütten.

Hüttenpalast

Was den kommerziellen Tourismus in Berlin angeht, ist Franz Thum ein Experte. Alle paar Wochen jettet der sympathische Wiener mit dem Fünftagebart von der österreichischen in die deutsche Hauptstadt. "Ich verkaufe hier Souvenirs", sagt Thum. Bei der Wahl seiner Unterkunft in Berlin ist der Handelsreisende anspruchsvoll. Verschiedene Hotels in der Stadt habe er ausgetestet, bis ein Freund ihm den "Hüttenpalast" empfahl, der in jenem Szeneviertel liegt, das wegen seiner Lage an der Grenze zwischen den Bezirken Kreuzberg und Neukölln auch "Kreuzkölln" genannt wird.

Es war ein Volltreffer. "Ich habe hier eine Bleibe gefunden, wo man nette Leute trifft", sagt Thum und nimmt im üppig begrünten Hof des Hotels einen Schluck Limonade. Außerdem werde Individualität großgeschrieben, was ihm gefalle.

Tatsächlich ist das die Kernkompetenz des Hüttenpalasts: Nirgendwo sonst in Berlin können die Gäste zu jeder Jahreszeit unter einem Betonhimmel campen und ihr Lieblingszimmer selbst aussuchen. Seit gut einem Monat hat das Hotel geöffnet, dessen Herzstück eine 200 Quadratmeter große Fabrikhalle aus der Blütezeit der Industrialisierung ist. Dort gruppieren sich drei Camping-Hänger und mehrere Holzhütten zu einer heimeligen Wagenburg.

Betrieben wird der Indoor-Campingplatz von Silke Lorenzen und Sarah Vollmer. Die beiden jungen Frauen leben schon lange im Kiez und vermissten eine adäquate Unterkunft für Freunde und Familie. "Wohin mit den Großeltern, wenn man die nicht ins Best Western am Hermannplatz stecken will?" Bald entstand die Idee, selbst ein Hotel zu eröffnen. Nach wochenlanger Suche seien sie schließlich auf die Räume einer ehemaligen Staubsaugerfabrik gestoßen. Nachdem die Finanzierung stand, begann man mit den Renovierungen, suchte im Internet nach geeigneten Campingwagen - und wurde fündig.

Herzensbrecher und Schwalbennest

Heute wartet links vom Eingang Silke Lorenzens Favorit: Als "Herzensbrecher" erlebt ein renovierter Hänger der DDR-Marke Nagetusch seinen dritten Frühling. "Das Gefährt aus den fünfziger Jahren war in einem schlimmen Zustand", sagt Sarah Vollmer, "wir mussten es aus Dresden gar auf einem Hänger abholen." Nun bietet in der Metallröhre ein kuscheliges Doppelbett Platz für zwei Gäste. Nebenan steht das "Schwalbennest", der einzige Hotelhänger aus Westproduktion, Marke Knaus.

Das Frühstück - Croissants und Kaffee werden jeden Morgen in der Hallenmitte deponiert - können seine Bewohner in einer winzigen Sitzecke mit stoffbezogenen Sesseln einnehmen. Wer will, beginnt den Tag mit anderen Gästen in einer der vielen Sitzecken.

In der hintersten Ecke der Halle markieren Birkenstämme den Standort des kleinsten Zimmers: Der Hänger vom Typ "Queck junior" wog vor dem Umbau lediglich 400 Kilo, selbst Trabis konnten ihn bewegen. Eine Wandvertäfelung aus weiß lackiertem Holz sorgt heute dafür, dass kein Zweitakter das Ungetüm wegschleppen könnte. Die Innengestaltung übernahm ein Künstler aus dem Kiez.

Camper-Design von befreundeten Künstler

Die Kooperation mit kreativen Geistern aus der Umgebung war den Betreiberinnen von Anfang an wichtig. "Wir wollten die Energie in unserem Freundes- und Bekanntenkreis nutzen und den Protagonisten eine Plattform geben", sagt Sarah Vollmer. Die Gründerinnen selbst geben Vollgas, packen überall dort an, wo es brennt. Sich selbst bezeichnen sie als "talentierte Generalisten ohne den absoluten Superjob". Während sich Silke Lorenzen als ehemalige Event-Managerin um kaufmännische und organisatorische Aufgaben kümmert, entwarf die studierte Modedesignerin Vollmer das Design der Halle.

"Der Gedanke der Gemeinschaft gefiel uns, aber wir wollten unseren Gästen trotzdem eine gewissen Grad an Intimität bieten", so Vollmer. Herausgekommen sei dabei das "Raum-im-Raum-Konzept".

Diesem Gedanken folgen auch die drei Holzhäuschen in der Halle. Unter ihnen befindet sich der "alte Palast", Vollmers persönlicher Favorit. Gebaut wurde die Hütte aus dem Holz des alten Fabrikempfangs. Für die Gestaltung des Inneren im zeitgemäßen Achtziger-Stil sorgte die Künstlerin Marion Andrieu. Deren Atelier liegt zwei Stockwerke weiter oben. "So bildet der Palast eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart dieses Ortes", so Vollmer. Und wer will, kann dem rustikalen Kubus gleich aufs Dach steigen. Dort wartet eine bequeme Liegefläche auf Gipfelstürmer und verwandelt die Hütte in ein Vierbettzimmer. Wie auf einem richtigen Campinglatz müssen die Gäste sich Toiletten und Duschen teilen.

"Sogar Nachbarn wollten hier übernachten"

Zum Hotel gehört auch ein Café mit kleiner Küche. An den Tischen parliert internationales Publikum, französische, spanische und englische Wortfetzen fliegen durch den Raum. Den Eindruck von Kreuzköllner Multikulti komplettieren zwei Väter, die mit Kleinkindern vor Kuchentellern sitzen. "Amerikaner, Australier, Spanier, unsere Gäste kommen aus der ganzen Welt", sagt Sarah Vollmer.

Trotzdem sei das Café eine beliebte Anlaufstelle für Freunde und Nachbarn. Die Verwurzelung im Kiez schütze den Hüttenpalast vor Kritikern, denen Gentrifizierung und Touristenströme im Viertel ein Dorn im Auge sind. "Das allseits bekannte Rabaukentum passiert doch eher in den Massenbunkern", sagt Vollmer. Von denen hebe man sich schon durch das unkonventionelle Konzept ab. "Es wollten sogar schon Leute aus der Nachbarschaft hier übernachten."

Damit man den persönlichen Kontakt zu den Gästen nicht verliere, seien mehr als die maximal 30 Betten - neben der Fabrikhalle stehen noch sechs klassische Hotelzimmer zur Verfügung - vorerst nicht geplant.

Trotzdem kann man den Hüttenpalast als unvollendetes Gesamtkunstwerk betrachten. Mittelfristig ist laut Sarah Vollmer nämlich geplant, in einem ruhigen Hinterhof des Gebäudes eine Außensauna einzubauen. Die zugehörige Dusche soll in einer englischen Telefonzelle Platz finden, die seit Jahren im Hof ein tristes Dasein fristet. Diese Aussichten jedenfalls dürften auch den Stammgast Franz Thum begeistern. Der Wiener und andere Gäste könnten zukünftig dann in die paradoxe Situation geraten, drinnen zu campen und draußen zu saunen.



insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
Aschmersal 18.08.2011
1. Gute Idee.
Zitat von sysopCamping, aber mit Komfort? Kreuzberg, aber ohne Partytouristen?*Wer im Berliner Hüttenpalast absteigt,*kann beides haben. In einer renovierten Fabrikhalle betreiben zwei Frauen ein Hotel mit Outdoor-Charme: Die Betten stehen in alten Camping-Hängern und Holzhütten. http://www.spiegel.de/reise/staedte/0,1518,780789,00.html
Coole Sache. Auch wenn sich die beiden damit wahrscheinlich keine goldene Nase verdienen.
mmueller60 18.08.2011
2. x
Zitat von AschmersalCoole Sache. Auch wenn sich die beiden damit wahrscheinlich keine goldene Nase verdienen.
Richtig, bei 30 Gästen maximal kann kein großer Umsatz zusammenkommen. Als alter Kapitalist würde ich mich bei solche Artikeln über finanzielle Hintergründe interessieren - einfach aus Neugier, mehr als über irgendwelche Künstler aus dem Bekanntenkreis, die da irgendeinen Stil zusammenbasteln. Wem gehört die Halle und wer mietet sie, wer trug die Sanierungskosten, muß sie geheizt werden, ist das kein (wertvolles, innerstädtisches!) Bauland, betreiben die beiden Damen das nebenberuflich oder wollen sie das letztlich mit Vollzeitgehalt machen, haben sie für das Handwerk teure Profis engagiert oder können sie alles vom Hallensanieren bis zum Einbau der neuen Fenster selbst (Respekt!), können die beiden auch Wohnanhänger restaurieren?
felisconcolor 18.08.2011
3. Wundervoll
Ich wünsche den beiden viel Erfolg mit ihrer Idee UND das ihnen die Banken nicht kurz vor der letzten Rate den Kredit kündigen. Coole Sache Bin ja öfter mal in Berlin Ich liebe auch schräge Cafés
mmueller60 18.08.2011
4. x
Zitat von mmueller60Richtig, bei 30 Gästen maximal kann kein großer Umsatz zusammenkommen. Als alter Kapitalist würde ich mich bei solche Artikeln über finanzielle Hintergründe interessieren - einfach aus Neugier, mehr als über irgendwelche Künstler aus dem Bekanntenkreis, die da irgendeinen Stil zusammenbasteln. Wem gehört die Halle und wer mietet sie, wer trug die Sanierungskosten, muß sie geheizt werden, ist das kein (wertvolles, innerstädtisches!) Bauland, betreiben die beiden Damen das nebenberuflich oder wollen sie das letztlich mit Vollzeitgehalt machen, haben sie für das Handwerk teure Profis engagiert oder können sie alles vom Hallensanieren bis zum Einbau der neuen Fenster selbst (Respekt!), können die beiden auch Wohnanhänger restaurieren?
Nehm ich teilweise zurück - die Webseite ist wieder zu erreichen und die Kosten pro Zimmer liegen bei 40 bis 130 (!) Euro pro Nacht, ich hätte nach der Beschreibung mit Hostelpreisen gerechnet.
Joachim Baum 18.08.2011
5. ...
Ein Symptom unserer Zeit? Den Kitzel erleben ohne ihm aber wirklich ausgesetzt sein? Der seltsame Hang zu Retroautos z.B., außen "nostalgisch" erscheinen, aber innen auf keinen technischen Schnickschnack verzichten wollen.
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