Kulturhauptstadt Liverpool Kein Tag ohne Party

Feiern ohne Ende: Liverpool hat sich für sein Jahr als Europas Kulturhauptstadt viel vorgenommen. Die einstige Industriestadt am River Mersey zelebriert die Künste, ihre Musik, ihr kulturelles Erbe und ihre Vielfalt. Das Programm ist über weite Strecken atemberaubend.

Von Edgar Klüsener


Es gibt derzeit viel zu feiern in Liverpool. Das 800-jährige Stadtjubiläum zum Beispiel. Dafür kommt sogar die Queen in die Stadt im unwirtlichen Nordwesten Englands. Liverpool dankte es ihr mit Jon Bon Jovi. Der alternde Melodie-Rocker spielte für sie in einem Theater auf, klang mehr denn je wie eine weichgekochte Version von Bruce Springsteen, und die Königin lächelte am Ende sogar leicht. Sie weiß schließlich, was Liverpool der Krone in einigen der vergangenen 800 Jahre wert gewesen ist. Und - es hätte schließlich schlimmer kommen können.

Denn der Ort an der Mündung des River Mersey war einmal die bedeutendste Hafenstadt des britischen Empires. Über Liverpool lief der Handel mit den britischen Kolonien in Nordamerika und in Afrika. Welthauptstadt des Sklavenhandels war Liverpool damals. In den letzten beiden Jahrzehnten vor der endgültigen Abschaffung der Sklaverei im Jahre 1807 verließen jährlich 120 bis 130 schwere Frachtschiffe den Hafen, vollgeladen mit afrikanischen Sklaven, die unter unbeschreiblichen Bedingungen unter Deck zusammen gepfercht waren.

Rund drei Viertel des gesamten europäischen Sklavenhandels lief in dieser Zeit über Liverpool, schätzt der britische Historiker David Richardson. Als das britische Parlament 1807 den Sklavenhandel schließlich untersagte, war Liverpool eine der reichsten Handelsstädte der Welt. Der Verlust der Haupteinnahmequelle – , traf die Kaufleute der Stadt zu einer Zeit, in der im eigenen Hinterland, in den Webereien und Textilfabriken von Lancashire und Manchester, gerade die industrielle Revolution ausbrach. Die Textilbarone nutzten Liverpool als ihren Ausfuhrhafen, die Sklavenhändler sattelten kurzerhand auf Webwaren um, und der Reichtum der Stadt wuchs weiter.

Bankrotte Stadt in Agonie

Wer sich Liverpool heute von der irischen See aus nähert, die imposante Front mächtiger, weißer Gebäude vom Wasser aus in ihrer vollen, bombastischen Pracht sieht, der bekommt eine Ahnung von der einstigen Kraft, Größe und Bedeutung dieser Stadt. Seine überragende Bedeutung für das britische Weltreich verlor Liverpool erst im 20. Jahrhundert.

Das lange Sterben der nordwestenglischen Hafenstadt begann bereits in den frühen Fünfzigern. Zuerst verschwanden die Arbeitsplätze im Hafen, einst der größte Handelshafen Großbritanniens und heute nur noch ein mittelprächtiger Containerhafen. Dann starben die Werften. Was blieb, waren trostlose, heruntergekommene Arbeiterviertel, eine bankrotte Stadt in Agonie, die der Strukturwandel unvorbereitet getroffen hatte.

Und doch, selbst in den schwärzesten Tagen hatte die Stadt ihren eigenen, spröden Reiz. Dafür sorgten schon die Liverpudlians selbst. Ein ganz eigener Menschenschlag, eine extravagante Mischung aus Iren – Liverpool wird nicht ganz zu Unrecht Irlands größte Stadt genannt -, den Nachfahren von afrikanischen Sklaven, Engländern und Walisern, Deutschen und Polen, Indern und Pakistanern, die im Laufe der vergangenen Jahrhunderte zu Scousers zusammengewachsen sind.

Hinzu kommen die Nachfahren einer der ersten arabischen Siedlungen in Nordeuropa und der ersten chinesischen Gemeinde in Europa. Das Ergebnis ist nicht nur ein lokaler Dialekt – Scouse –, der schon wenige Meilen außerhalb Liverpools kaum noch verstanden wird, sondern auch eine enorme kulturelle und künstlerische Vielfalt, die Liverpool nicht erst seit den Beatles zu einer der kreativsten Großstädte Europas macht. Kein Wunder ist es daher, dass sich hier der einzige Ableger der renommierten Londoner Tate-Galerie angesiedelt hat.

Euphorie statt Depression

Dass Liverpool zudem im kommenden Jahr Europas Kulturhauptstadt wird, ist willkommener Anlass für viele weitere kleine und große Feste. Da kann sich die alte Hafenstadt endlich mal wieder selbst feiern. Denn es geht seit einiger Zeit auch prächtig aufwärts mit Liverpool. Und damit ist nicht nur der FC gemeint, der gerade in amerikanische Hände gewechselt ist und nun von großem Geld, neuem Glitzerstadion und dem Gewinn der Champions League träumt. Der Wandel hinter und neben der als Weltkulturerbe geschützten historischen Waterfront ist unübersehbar.

Überall ragen Kräne in den Dezemberhimmel, schießen neue Gebäude hoch. Wie das Erscheinungsbild der Stadt wechselt auch die Stimmung. Von Depression ist längst nichts mehr zu spüren, Optimismus, wenn nicht gar Euphorie wären schon passendere Beschreibungen des gegenwärtigen Gemütszustands der Stadt und ihrer Bewohner. Da stört noch nicht einmal der Hauch von Immobilienkrise, der sich seit dem Zusammenbruch der Kreditmärkte über England ausbreitet.

Ab Januar soll die Welt zu Gast sein am River Mersey, und sie soll mit glänzenden Augen bestaunen, was Merseyside alles zu bieten hat. Das ist Einiges, erheblich mehr jedenfalls als 'nur' das Beatles-Museum, die Albert Docks, Tate Modern North oder Anfield. Das sind Museen von internationalem Rang wie das World Museum oder die Open Eye Art Gallery, das sind Konzerthallen, Galerien, Cafés, Clubs und Theater.

"Liverpool - The Musical" mit Ringo Starr

Kein Tag ohne Party, ist eine der Maximen Liverpools. Schon die Auftaktveranstaltung in der zweiten Januarwoche zeigt, wo es für den Rest des Jahres lang gehen wird. Für die hat sich die Stadt ein eigenes Musical schreiben lassen. In der einzigen Aufführung von "Liverpool – The Musical" stehen neben vielen anderen Stars auch Ringo Starr und Dave Stewart auf der Bühne. Ringos Kumpel aus alten Beatles-Zeiten, Paul McCartney, wird übrigens mit seinem Auftritt am 1. Juni im Stadion des FC Liverpool das Liverpool Sound Festival krönen. Dessen Programm dürfte im kommenden Sommer so ziemlich jedem europäischen Rockfestival Konkurrenz machen.

Das weitere Programm fürs Kulturjahr umfasst neben vielen weiteren musikalischen Events auch eine spektakuläre Klimt-Ausstellung in der Tate Galerie (30. Mai bis 31. August), die LeCorbusier-Ausstellung in der Kathedrale (2. Oktober 2008 bis 18. Januar 2009), Filmfestivals, Tanz- und Theaterpremieren, die MTV Europe-Awards und einiges mehr.

Wem der Trubel in der Stadt zu viel wird, dem bietet das Umland übrigens exzellente Ausflugsziele: Auf der anderen Seite der irischen See, nur eine kurze Schifffahrt entfernt, lockt Irland. Die malerischen Küstenlandschaften und die menschenleeren, wunderschönen Hügel von Nord Wales reichen bis fast an Liverpool heran. Wer's eher lieblich mag, findet im reichen Cheshire viel fürs Auge. Und schließlich hat Merseyside selbst auch hübsche Küstenorte zu bieten. Direkt an der Bezirksgrenze zum Beispiel finden sich die lang gestreckten Sanddünen und Pineiwälder von Formby.

Wer sich 2008 auf Liverpool einlässt, sollte also schon ein bisschen Zeit mitbringen.



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