Lago Maggiore Die Minibar aus dem 16. Jahrhundert

Der Lago Maggiore ist der Deutschen liebster See, sagen selbst die Einheimischen. Kein Wunder, liegen nicht nur mondäne Orte wie Ascona an seinem Ufer, sondern auch versteckte Kleinode wie Cannobio.
Von Frank Schneider und Leda Monza

Ein bisschen ins Grübeln kommen die Autofahrer schon, wenn sie in der Nähe der italienisch-schweizerischen Grenze am Westufer des Lago Maggiore die italienische Ortschaft Cannobio durchfahren. Ohne abgeteilte Bürgersteige führt die Straße an ihrer engsten Stelle zwischen Häusern hindurch und fast direkt über die Piazza vor einer alten Kirche. Schritttempo ist angesagt. Wer aber glaubt, dass er auch nur ansatzweise etwas von der Ortschaft gesehen hat, liegt so falsch wie selten.

Selbst der Blick in die Seitenstraße verrät auf die Schnelle gar nichts von der pittoresken Schönheit des mittelalterlichen Zentrums. Die mit grobem Kopfsteinpflaster belegte schmale Hauptstraße führt auf eine spitzwinklig angelegte Hausecke zu. Der Brunnen vor den schlichten Arkaden ist genauso stilecht wie die engen Gassen ringsum. Blumenverzierte Balkone darüber, Stimmengewirr in der Luft. Selbst Pferdekutschen hätten Mühe hier Platz zu finden - und diese Szenerie ist seit der Renaissance nicht verändert worden.

Patrizierhäuser aus dem 15. Jahrhundert

Über dem Bogengang an der alten Straße zum Seeufer kündet ein kleines, unauffälliges Schild davon, daß sich hinter der historischen Fassade das Hotel Pironi befindet. Der Blick in die ebenso schlichte wie wirkungsvoll gestaltete kleine Empfangshalle zeigt, welches Schmuckstück das alte Gebäude auch innen ist.

Luigi Vietti, auf antike Einrichtungen und Landhäuser spezialisierter Architekt, schuf ein Ambiente, das mit kühler Eleganz Neugier weckt. So muss sich die automatische Schiebetür immer wieder öffnen, um beinahe andächtig staunenden Tagesgästen des Ortes einen Blick zu gestatten.

Die meisten Schränke in den Zimmern des Pironi stammen aus dem 16. oder 17. Jahrhundert, also tatsächlich aus der Zeit, als die Gebrüder Pironi das Haus von einem Mönchsorden kauften. Willkommene Konzessionen an die Neuzeit in den individuell eingerichteten Zimmern ist die Minibar - unauffällig versteckt im Antikschrank. Den hinteren Frühstücksraum zieren aufwendige Fresken, die dokumentieren, dass der Ort den Mailänder Fürsten zugetan war. Wenn Vivaldi sehr dezent die musikalische Kulisse gibt, mag man sich tatsächlich ein wenig in der Zeit zurückversetzt fühlen.

Treppen in die Vergangenheit

Der Straße folgend erreicht man die Uferpromenade - und ein typisches Stück Italien. Restaurants mit Tischen vor dem Haus und Fassaden aus dem 16. und 17. Jahrhundert lassen keinen Zweifel daran, dass man sich schon auf der Südseite der Alpen befindet. Wer es vorzieht, hier am Ufer zu wohnen, wird sich im Hotel "Il Portico" mit seinem hauseigenen Restaurant wohl fühlen.

Zwischen den Restaurants, Bars und Läden am Ufer führen immer wieder Treppen hinauf in die grob gepflasterten, engen Gassen. Man sieht den alten Häuser an, dass sie noch aus denselben Steinen bestehen, die vor langer Zeit verbaut wurden. Eine dieser Gassen führt zu einem weiteren Hotel, der ehemaligen Poststation von Cannobio. Im "Antica Stallera" stehen längst keine Pferde mehr, dafür werden die modernen Reisenden auch im Restaurant durch eine exzellente Küche verwöhnt.

Schlucht mit Kirche

Nicht erst im Mittelalter herrschte Leben in und um Cannobio. Eine schmale, uralte Brücke führt über die steile Schlucht "Orrido di St. Anna" im Valle Cannobina. Direkt neben den steilen Felsen steht eine Kirche aus dem 17. Jahrhundert. Dahinter schmiegt sich das kleine Restaurant "Grotta di St. Anna" an den Hügel, von dem auch die Einheimischen aus der Region schwärmen.

Gegenüber des Kirchenportals führt ein Weg hinunter ans Wasser. Das breite Flussbett mit den großen Kieselsteinen lädt im Sommer zum Bade, allerdings kommt das Wasser aus der Schlucht zuvor hoch oben aus den Bergen - es ist immer recht kühl und nicht jedermanns Sache.

An der Furt flussabwärts geht es den Hang hinauf wieder zur kleinen Strasse, die zurück nach Cannobio führt. Hier liegt der ältere Teil des Dorfes, denn am See siedelte man erst ab dem 10. Jahrhundert. Die Umgebung lädt zu weiteren Spaziergängen und Wanderungen ein. Obwohl das "dolce far niente" - das süße Nichtstun - in der Espresso-Bar am See in Cannobio ganz sicher auch seinen Reiz hat.

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