Las Vegas' ältestes Hotel Vom Spieltisch zum Klo in 30 Sekunden

Das wahre Herz von Las Vegas liegt fernab vom Casino-Trubel des "Strips". Das winzige Golden Gate Hotel in der Downtown, das älteste am Platz, hat allen grotesken Mutationen des Spielermekkas getrotzt - ein Anachronismus in einer Stadt, die ihre Vergangenheit lieber in die Luft sprengt. Wie lange hält es sich noch?

Aus Las Vegas berichtet


Golden Gate Hotel (historisches Foto): "Wahres Herz" der Stadt

Golden Gate Hotel (historisches Foto): "Wahres Herz" der Stadt

Las Vegas - John F. Miller kam mit der Kutsche aus Südkalifornien. Mehrere Tage dauerte die Reise, und als er sein Ziel endlich erreichte, da gab's da nicht viel zu sehen: ein paar elende Hütten, zwei Schotterstraßen, die sich im Wüstenstaub kreuzten, eine Eisenbahnlinie, eine Reihe unbebauter Grundstücksparzellen. Doch Miller störte das nicht, der junge Spekulant hatte es ja genau auf diese Parzellen abgesehen. Genauer gesagt, auf die wertvollsten: die an der Kreuzung.

Denn die Bahngesellschaft ließ die Grundstücke versteigern, auf einer Auktion unter freiem Himmel, an eben jener Kreuzung von Main Street und Fremont Street. Miller erstand drei Gevierte für 1750 Dollar und schickte sich sofort mit siebtem Geschäftssinn an, darauf ein Hotel mit Spielhalle zu bauen - das erste Hotel am Ort, das erste Haus aus Beton statt aus Holz, das erste mit elektrischem Licht, das erste mit Telefon. Telefonnummer: 1.

Der Tag dieser Grundstücksauktion war der 15. Mai 1905 - der Gründungstag von Las Vegas. Fast exakt 100 Jahre später sitzt Millers Erbe, der 45-jährige Unternehmer Mark Brandenburg, in seinem düsteren Büro, in selbigem Hotel, an selbiger Straßenkreuzung von Main und Fremont, heute eine etwas heruntergekommene Ecke, fernab vom Touristentrubel der Casinos und Megaresorts am "Strip". "Willkommen im wahren Herzen von Las Vegas", schmunzelt Brandenburg.

Der Rechtsanwalt als Hotelier

Der Hotelier hat Recht. Sein Haus an der Kreuzung, mit einer seit einem Jahrhundert fast unveränderten Bausubstanz, ist die eigentliche Keimzelle von Las Vegas. Ein Anachronismus in dieser neongrellen Chamäleon-Stadt, deren Bewohner sich um ihre Geschichte und Wurzeln wenig scheren. Die die Bauten lieber schnell abreißen oder sprengen, bevor sie alt werden können.

Nicht so Brandenburgs Golden Gate Hotel & Casino. Ein Relikt aus Pioniertagen, hat es bis heute irgendwie durchgehalten, hat all den grotesken Mutationen getrotzt, mit denen sich Las Vegas immer neu erfindet. Es hat keine Achterbahn auf dem Dach wie das New York, New York, keine tanzenden Fontänen wie das Bellagio, keinen Eiffelturm wie das Paris, keinen Canal Grande wie das Venetian. Dafür hat es die Aura eines Wildwest-Saloons, Shrimp-Cocktails für 99 Cents und, inmitten der Slotmaschinen, einen mechanischen Konzertflügel, der "Lady Be Good" klimpert.


Während Mogul Steve Wynn gerade für fast drei Milliarden Dollar seinen jüngsten Casino-Klotz an den "Strip" setzt, zerbricht sich Brandenburg den Kopf, wie er die Lohnnebenkosten seiner Angestellten decken soll. Er ist der Anti-Wynn. Das zeigt schon sein Büro: Die Möbel sind aus blassem Furnier, in der Ecke dürstet ein Gummibaum, und im schiefen Regal verstauben Jurabücher ("Dynamische Plädoyers"), denn in seinem früheren Leben war der Underdog-Hotelier mal Rechtsanwalt.

Übernachtung für einen Dollar

"Ich bin in Wahrheit nur ein Jurist", kokettiert Brandenburg, der mit seinem Kraushaar und seinem beigen Freizeithemd eher aussieht wie einer der Touristen unten an der Bar. "Vom Casino-Betrieb habe ich gar keine Ahnung. Ich bin hier nur das kleine Kind am Tisch."

Golden Gate Hotel heute: "Wir sind ein Boutique-Hotel"

Golden Gate Hotel heute: "Wir sind ein Boutique-Hotel"

Und doch war es ihm vorgezeichnet. Nicht nur weil er, eine Seltenheit hier, wirklich in Las Vegas geboren ist. Sondern wegen seines Stiefvaters Italo Ghelfi. Der Italo-Amerikaner mit Halbglatze und dunkler Sonnenbrille war 1955 von San Francisco nach Las Vegas umgesiedelt, um sein Geld zu machen. Gemeinsam mit Freunden kaufte er eine Absteige, die der vorherige Besitzer Sal Sagev getauft hatte - Las Vegas, rückwärts. Ghelfi und seine Jungs renovierten das Haus und benannten es nach dem Wahrzeichen ihrer Heimat: Golden Gate.

Da schien das Hotel seine besten Jahre längst hinter sich zu haben. Vorbei die Zeiten, da die Lokalzeitung das Hotel noch als "erste Klasse" rühmte und "eine komfortable Hospiz", wegen seiner "großen" Zimmer (neun Quadratmeter) und der Dampfheizung. Damals stand das Haus allein auf weiter Flur, und die Übernachtung kostete einen Dollar.

Das Zentrum aller Lustbarkeiten

Ein historisches Foto, das Brandenburg in seinem Büro hat, zeigt einen nackten Bau, davor Männer in Kitteln und Cowboyhüten. Im ersten Stock blickt eine Frau in einem langen Kleid aus einer offenen Tür herab, die auf einen noch nicht existenten Balkon führt. Die Frau hieß Rosa und arbeitete im Casino, Besitzer John Miller heiratete sie kurz darauf.

Es waren die Wildwest-Jahre. Spielschulden wurden mit der Kugel geregelt, und die Fremont Street wurde erst 1925 gepflastert. Im Jahr darauf montierte Miller ein elektrisches Leuchtzeichen an die Fassade, Vorläufer des Neon-Gewimmels, für das Las Vegas berühmt ist. Später setzte er noch ein Stockwerk drauf, denn schräg gegenüber begann sich die erste Konkurrenz zu rühren, das Hotel Apache, und das hatte einen Aufzug und eine Klimaanlage.

Dann kam das erste Todesstoß für die Fremont Street: 1945 eröffnete Mafia-Strohmann Benjamin "Bugsy" Siegel das Flamingo - weit weg vom Ortskern, am Las Vegas Boulevard. Die Art-Déco-Eleganz des Flamingos begründete eine neue Ära, es folgten das Desert Inn, das Sahara, das Sands, das Riviera, das Dunes, das Stardust. Der Las Vegas Boulevard, nun "Strip" genannt, war plötzlich das Zentrum aller Lustbarkeiten.

Kein elektronischer Firlefanz

Ghelfi & Co, die neuen Besitzer des Golden Gates, konterten mit Meeresfrüchten. Ihr Shrimp-Cocktail für 50 Cents wurde schnell zur Legende; die Leute kamen allein deswegen an die Fremont Street. Doch das half nichts gegen den Abstieg, genauso wenig wie die moderne, fensterlose Metallwand, die Ghelfi vor die Westernfassade des Hotels schrauben ließ.

1989 begann am "Strip", mit Wynns Urwald-Casino Mirage und dessen künstlichem Vulkan, abermals eine neue Zeitrechnung - die der Megaresorts. Doch Ghelfi war zu alt, um noch zu kämpfen. Das Golden Gate verlor 300.000 Dollar im Jahr, 1990 trat er es an Sohn Craig und Stiefsohn Mark ab. Sie besannen sich auf "den alten Geist", schraubten die falsche Fassade wieder ab, rissen den orangefarbenen Siebziger-Jahre-Teppichboden raus und vermarkteten das Hotel als authentisches Western-Erlebnis: "Das originale Vegas gegen das Mega-Vegas."

Inzwischen schmeißt Brandenburg den Laden alleine. Den Preis des Shrimp-Bechers hat er "unter größten Gewissensbissen" auf 99 Cents angehoben, sonst hat sich nicht viel verändert. Die 106 Zimmer, Pauschalpreis 39 Dollar, sind einfach und muffig, die Spielautomaten nicht mit solch elektronischem Firlefanz ausgerüstet wie ihre Science-Fiction-Enkel am "Strip". "Wir sind ein Boutique-Hotel", sagt Brandenburg, in Anlehnung an den Modebegriff der Branche. "Vom Roulettetisch zum Klo in 30 Sekunden."

Vom Aussterben bedroht

Nicht alle finden das toll. "Was sie in der Werbung nicht erwähnen", mäkelte ein Internet-Kritiker namens Dan neulich über die Shrimps, "ist die sinkende Qualität. Dieses Jahr war keine Ausnahme, mit den allergrausten, salzigsten, mehligsten Schalentieren." Ein anderer rügte den Zimmerservice: "Erwarten Sie bloß keinen schnellen Handtuchdienst."

Auch die Fremont Street ringsum müht sich schwer, den gigantomanischen Themenparks am "Strip" den Markt streitig zu machen. 1995 ließen die anliegenden Hoteleigentümer als Touristen-Attraktion ("unser Vulkan", sagt Brandenburg) für 70 Millionen Dollar einen Baldachin über die gesamte Straße ziehen, mit zwei Millionen Lichtdioden und Lautsprechern von insgesamt 540.000 Watt, und sprachen wegen der allabendlichen Laser-Lightshow fortan vom "Fremont Street Experience".

Trotzdem stehen viele der historischen Fremont-Street-Hotels inzwischen als vom Aussterben bedroht auf der "Casino Death Watch List" des Branchenexperten Nick Christenson: das legendäre Binion's (aus dem Großkonzern Harrah's gerade ausgestiegen ist), das ebenso berühmte Golden Nugget (schon wieder verkauft) - und das Golden Gate, denn "das macht kaum noch Geld".

Steak-Dinner für 4,95 Dollar

Brandenburg winkt ab. "Wir sind die Alternative", sagt er. Soll der Rest von Vegas ruhig nach immer neuen Superlativen hecheln, mit seinen Vulkanen und Tigergehegen, den Elf-Dollar-Martinis, den Nobelrestaurants, den Millionärs-Lounges, den Einkaufspassagen voller Guccis, Fendis und Versaces. Bei Brandenburg gibt's stattdessen ein komplettes Steak-Dinner für 4,95 Dollar. Und das Beste: "Hier können Sie ihre Trümpfe in Ruhe zählen."

Draußen vor der Tür ist die Realität freilich krasser. Tagsüber ist die Fremont Street nur noch ein müdes Echo ihrer selbst. Aus den Lautsprechern tönen die Bee Gees, Bierflaschen liegen herum, das Golden Goose wirbt mit "Weltklasse-Stripperinnen" ("im Moment 15 Girls auf der Bühne"). An Verkaufsständen sitzen gebrechliche Touristinnen und saugen sich durch Nasenschläuche konzentrierten Sauerstoff in die Lungen, 15 Dollar pro Viertelstunde. Geschmacksrichtungen: "Friede", "Klarheit" und "Gemütsruhe".



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