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London und die deutsche Bratwurst: "Yes, we really are German"

Foto: Marc Schäfer

Lokal Herman ze German in London "Our Wurst is ze Best"

Deutsche und ihre Bratwurst: Das ist das Klischee, auf dem Azadeh Falakshahi und Florian Frey ihr Lokal Herman ze German in London aufgebaut haben. Jetzt eröffnet die dritte Filiale - und der Wurst-Appetit der Briten scheint noch lange nicht gestillt.

Azadeh Falakshahi und Florian Frey hatten eigentlich ganz andere Pläne: Sie zog vor neun Jahren nach Brighton, um Fotografie zu studieren. Er kam der Liebe wegen nach und arbeitete in der englischen Küstenstadt als Friseur. Am Donnerstag eröffnet das Paar aus Baden nun in der schicken Charlotte Street im Stadtteil Fitzrovia bereits das dritte Lokal in London.

Bei Herman ze German  gibt es Würste aus ihrem Heimatort im Schwarzwald - und die Briten können nicht genug davon bekommen.

Zur Lunchtime bilden sich in den ersten beiden Shops in Soho oder am Bahnhof Charing Cross nicht weit vom Trafalgar Square regelmäßig lange Schlangen. Die Kunden lieben die Würste, bei jedem zweiten hapert es dennoch an der Bestellung. "Can I get a, eh..., Brockwurst?", stammelt ein Banker im Anzug - unsicher, ob er eine Brat- oder eine Bockwurst nehmen sollte. Oder doch lieber beides?

Der Verkaufsschlager ist die Currywurst mit der hausgemachten Sauce in vier Schärfestufen. Fast drei Jahre haben die beiden Jungunternehmer an ihr herumgewerkelt, bis die Rezeptur aus ihrer Sicht perfekt war.

Deutschland ist in London angesagt wie nie

Mit dem dritten Laden nähert sich das Paar aus dem Wiesental bei Lörrach nun einer neuen Größenordnung: mehr als 50 Sitzplätze, zwei Theken auf zwei Etagen - und jede Menge etablierte Konkurrenz in der Nachbarschaft. Das Risiko ist dennoch gering. Deutschland ist auf der Insel angesagt wie nie - und damit auch seine Speisen.

"Der Hype hat sicher viele Gründe. Berlin spielt da eine große Rolle, aber es liegt auch daran, dass uns Deutschen und Engländern so langsam bewusst wird, dass wir gar nicht so unterschiedlich sind, wie wir immer tun", sagt Falakshahi. Von der plötzlichen Zuneigung der Engländer für Deutschland wollen die Gastronomie-Querensteiger profitieren. "Herman" ist auf Expansionskurs.

In den Läden spielen Falakshahi und Frey elegant mit den Klischees und schaffen es dabei, cool zu sein. Die Gäste sitzen zum Teil auf Kirmesbänken. Die Wände sind mit Fleischwölfen dekoriert. Aus den Lautsprechern auf den Toiletten erklingen deutsche Märchen. Sauerkraut und Bier nach dem Reinheitsgebot gehören genauso auf die Speisekarte wie Schni-Po-Sa (Schnitzel, Pommes, Salat). Die Schnitzel kommen natürlich auch aus dem "Black Forest". Ihre kohlehydratfreie Mahlzeit heißt "No Carbs, Fräulein".

Und im Fenster in Soho steht ein Schild: "Yes, we really are German". "Weil wir nicht den Stereotypen entsprechen, hat uns das am Anfang niemand geglaubt", sagt die 31 Jahre alte Falakshahi, die im Alter von zweieinhalb Jahren mit ihrer Familie aus Iran nach Süddeutschland übergesiedelt ist.

Würste von Herman ze German vielleicht bald im Supermarkt

Von der ersten bis zur zweiten Eröffnung dauerte es drei Jahre. Zwischen Herman 2 und Herman 3 verging etwas mehr als eins. In den nächsten zwölf Monaten sollen zwei bis drei weitere Lokale dazukommen. Auch ein Franchise-Konzept ist denkbar. "Aber erst später. Wir tun gut daran, uns auf London zu konzentrieren und es zu perfektionieren. Wir wollen nicht, dass die Marke verwässert", sagt Falakshahi.

Läuft alles nach Plan, wird es die Brat-, Bock- und scharfe Rindswurst von Metzger Hug aus Steinen mit dem Herman-ze-German-Logo bald auch in englischen Supermärkten geben. "Wir waren als Kinder schon mit unseren Eltern dort einkaufen. Dass wir immer ein Stück Lyoner bekommen haben, hat sich für den Metzger ausgezahlt", sagt der 34 Jahre alte Frey und lacht. In einer Woche gehen in ihren Läden in London rund 800 Kilogramm Wurst über den Tresen.

Wenn Frey und Falakshahi ihre Geschichte erzählen, fangen sie unwillkürlich an zu lächeln. "Natürlich sind wir auch stolz darauf, dass wir etwas aufgebaut haben, das so gut funktioniert", sagt Falakshahi. 2005 ging sie nach England. Bei einem Heimatbesuch lernte sie Frey kennen. Beide verliebten sich ineinander. Frey folgte seiner Freundin schon bald über den Kanal. Das Leben war gut - bis auf die englischen Würste.

"Bratwurstwochen" im Pub und ein Verkaufswagen für Festivals

"Sie sind nicht schlecht, aber nicht mit deutschen zu vergleichen. Die haben wir sehr vermisst", sagt Frey. Schon bald kamen aus der Heimat Carepakete. Im Kofferraum von Freunden oder den Trolleys der Eltern wurde Wurst nach England geschmuggelt. In der eigenen WG teilte das Paar seine Leidenschaft zunächst bei Grillabenden mit Freunden.

Es folgten "Bratwurstwochen" im Pub an der Ecke. Dort wurde eine Agentur aufmerksam und fragte, ob Falakshahi und Frey ihre Würste nicht auf einem Musikfestival anbieten wollen. Die Entscheidung fiel aus dem Bauch - wie viele weitere in der Zukunft auch. Die meisten davon waren offenbar richtig.

Mit geliehenem Geld ersteigerten sie einen Verkaufswagen im Internet. Die Würste lieferte Metzger Hug auf Pump, denn das gesparte Geld war für den Stand draufgegangen. "Wir haben improvisiert und die ganze Nacht vorher mit Freunden Zwiebeln geschnitten", sagt Falakshahi. Am nächsten Tag gingen alle 6000 Würste weg. "Der Ansturm war überwältigend. Damit hatten wir nicht gerechnet", erzählt Frey.

Touristen und Einheimische fotografieren Laden und Logo gerne

Die Frage nach ihrem Konzept ist schnell beantwortet: "Wir haben die Läden so gemacht, wie wir sie toll finden würden." Auch das Erfolgsgeheimnis hört sich einfach an: "Name, Logo und Qualität. Da machen wir keine Kompromisse", sagt Falakshahi. "Und Freunde, denn die haben immer wieder geholfen." Auf die Idee mit dem Namen kamen sie durch einen Bekannten, der in seiner Zeit auf der Insel "Herman the German" gerufen wurde. Das Logo kreierte ein befreundeter Designer für wenig Geld.

Er sorgte auch dafür, dass mit dem "ze" im Firmennamen die oftmals miese "th"-Aussprache der Deutschen aufs Korn genommen wird. "Das ist ein wichtiger Faktor", sagt Falakshahi. "Damit zeigen wir den Engländern, dass wir ihren Humor mögen und uns auch selbst auf die Schippe nehmen können." In der Tat stoppen Einheimische wie Touristen in der Old Compton Street in Soho regelmäßig vor dem Schaufenster - grinsen und fotografieren Logo und Namen.

Zwei Jahre tingelten Falakshahi und Frey über Festivals, bevor sie 2010 erstmals daran dachten, sesshaft zu werden. Wieder kam ein Freund zu Hilfe - diesmal ein reicher mit einem Scheck für den ersten Laden. Zwei Tage war geöffnet, dann verrammelten Frey und Falakshahi wieder die Tür. "Die Abläufe hatten nicht gestimmt. Wir waren viel zu langsam. Für uns war das auch learning by doing", sagt sie heute. Zwei Tage später kam es zur Neueröffnung. Bis heute läuft der Laden reibungslos.

Einen Fehlstart wie damals können sich die beiden Quereinsteiger bei der Eröffnung am Donnerstag nicht mehr leisten. Sorgen machen sie sich darüber nicht. Das Vertrauen in ihr Produkt ist grenzenlos. Falakshani sagt: "Wenn ich etwas gelernt habe, dann dass es in dieser Branche ständig neue Probleme zu lösen gibt - und dass wir sie alle lösen können."

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