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Mudlarking in London: Schatzsuche am Ufer der Themse

Foto: Thomas Flügge

Mudlarking-Tour an der Londoner Themse Mein Schatz!

Über 2000 Jahre lang diente die Themse den Londonern als Müllschlucker. Zur Freude heutiger Schatzsucher. Auf "Mudlarking-Touren" entdecken sie mit etwas Glück Artefakte aus der Römerzeit.
Von Heike Weichler

"Eine rostige Coladose ist bestimmt das Interessanteste, was wir finden werden." Jake, ein Mittvierziger mit Wikinger-Optik, ist nicht sonderlich optimistisch, als unsere kleine Gruppe in Gummistiefeln die glitschigen Stufen zum Themse-Ufer hinuntersteigt. Wir sind fünf "Mudlarker", auf Schatzsuche im Flussschlamm.

"Bleib doch zu Hause und durchwühl die Mülltonnen in deinem Hinterhof", denke ich grummelig. Suchen und sammeln, für mich sind das ernste Angelegenheiten. Ich will etwas Besonderes entdecken, gern von historischer Bedeutung, vielleicht sogar museumsreif.

Es ist ein leicht bewölkter Vormittag. "Konzentriert euch auf Formen, Strukturen und Farben, die sich vom Untergrund abheben", rät unsere Führerin Gesine Garz. Seit 21 Jahren lebt die gebürtige Uelzenerin als Goldschmiedin und Fotografin in England. Durch einen befreundeten Archäologen entdeckte sie ihre Leidenschaft für die Suche nach Artefakten.

Mudlarking hat eine lange Geschichte, erzählt Gesine. Etwa vom späten 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert suchten vornehmlich die Kinder der ärmsten Londoner das Flussufer nach Strandgut ab, um es für ein paar Pennys zu verkaufen: Kohle, Metall, Seile, Knochen, Brennholz. Dagegen ist die heutige Sammellust purer Luxus.

Müllschlucker über Jahrhunderte

Wir schwärmen aus, links und rechts unter der Southwark Bridge. Hier am Nordufer der Themse hat man die besten Chancen, etwas zu entdecken. Die Umgebung ist der am längsten besiedelte Fleck der Stadt.

Über Jahrhunderte reihten sich Anleger für Fähren und Handelsschiffe aneinander, dazu Werften, Handwerksbetriebe und Gasthäuser, alles etwa zwischen der heutigen Blackfriars Bridge im Westen und dem Londoner Tower im Osten. Die Themse war nicht nur Transportweg, sondern auch Müllabfuhr. Was immer die Menschen loswerden wollten, wurde einfach in den Fluss gekippt - sehr zur Freude der Strandsucher heute.

Jake, der sich beim Treffen der Gruppe an der U-Bahn-Station Mansion House als Biologielehrer vorgestellt hatte, hängt sich an Gesine. Streber! Ich versuche mein Glück auf eigene Faust. Schon nach wenigen Schritten im knirschenden Kies sticht mir etwas ins Auge: eine blau-weiß glasierte Scherbe, auf der ich eine Blumenranke erkenne. Viktorianisches Porzellan, also aus dem 19. Jahrhundert, wertlos, aber schön.

Foto: Thomas Flügge

Auf dem Fluss herrscht reger Betrieb: Fähren und Ausflugsboote passieren uns, ihr Kielwasser lässt sanfte Wellen ans Ufer schwappen. Lautsprecheransagen schallen heran, doch so wirklich dringt mir nichts davon ins Bewusstsein - geradezu meditativ bin ich in die Suche versunken.

Plötzlich rufen Margaret und Lester, ein Rentnerpaar aus Winchester, aufgeregt: Ihr 13-jähriger Enkel Simon hat einen großen braunen Knochen aus dem Geröll gezerrt. Der Unterkiefer eines Pferdes, erkennt Gesine. "Auch verendete Tiere wurden im Mittelalter in der Themse entsorgt", erzählt sie. Richtig begeistert ist Oma Margaret nicht, dass Simon den Brocken mitnehmen will. Aber was muss, das muss.

Vermächtnis der Dockarbeiter

Langsam bewegen wir uns am Ufer entlang, Quadratmeter für Quadratmeter wird gründlich inspiziert. Direkt unter der Millenium Bridge ist der Themse-Strand übersät mit weißen Röhrchen und kleinen gewölbten Scherben.

"Das waren die Zigaretten vergangener Jahrhunderte - Tonpfeifen", erklärt Gesine unsere Entdeckung. "Man findet welche aus der Zeit ab etwa 1580, als der Tabak zum ersten Mal aus Amerika nach Europa importiert wurde, bis Anfang des 20. Jahrhunderts." Jake muss seinen Senf dazugeben: "Die wurden fertig gestopft verkauft, geraucht und dann weggeworfen. Besonders von den Dockarbeitern, darum gibt es hier so viele. Je kleiner der Pfeifenkopf, umso älter, weil anfangs der Tabak besonders teuer war."

Jake zupft an etwas im Uferschlamm herum. Man spürt, zu gerne würde er mit einem Taschenmesser nachhelfen. Aber das ist strikt verboten, wie uns Gesine eingeschärft hatte. "Eyes only" lautet die Devise. Gesammelt werden darf nur, was mit bloßem Auge auf dem Themsestrand zu sehen ist und allein mit den Händen geborgen werden kann. Grabwerkzeug oder Metalldetektoren verwenden nur besonders lizensierte Sammler.

Endlich zieht Jake etwas Buntschillerndes heraus. Ein rundes Flaschensiegel mit einem Frauenkopf und der verschlungenen Jahreszahl 1731. "Ein toller Fund", lobt Gesine, "das gehörte mal zu einer Weinflasche. Könnte man schön in Form schleifen und als Anhänger in Silber fassen." Mein Gedanke! Ich sähe das Ding im Geiste schon an meinem Hals baumeln. Wieso bloß muss ausgerechnet Jake diesen Fang machen?

Was war eigentlich dein wertvollster Fund, Gesine? Sie lacht: "Nichts von materiellem Wert. Ein Lederschuh aus römischer Zeit. Der Schlamm hatte ihn luftdicht verschlossen und so über die Jahrtausende konserviert." Jetzt ist das gute Stück restauriert im Museum of London zu sehen.

Äh, danke, Jake

Langsam steigt der Pegel der Themse wieder. Als Gezeitenfluss variiert ihr Wasserstand zwischen Ebbe und Flut um bis zu sieben Meter. Das wühlt zwar immer schön den Flussgrund auf und spült neue Funde nach oben, bedeutet aber auch, dass man rechtzeitig den Rückzug antreten muss und immer die nächste Treppe an der Ufermauer im Blick haben sollte. Einige Mudlarker sollen schon Rettungseinsätze verursacht haben.

Mein Blutdruck steigt, als ich etwas metallisch Schimmerndes im flachen Wasser ausmache. Rasch klettere ich über die rutschigen Steine hin. Hoppla! Ich glitsche ab, Jake packt mich geistesgegenwärtig am Arm. Ich strauchele, bleibe aber auf den Beinen. Äh, danke, Jake.

Mit spitzen Fingern fische ich einen messingfarbenen Knopf zwischen den Steinen heraus. Eine Kanone und eine Krone sind abgebildet. "Das Emblem der Royal Artillery, vermutlich aus dem Ersten Weltkrieg", sagt Gesine. Immerhin. Aus dem Augenwinkel bemerke ich Jakes interessierten Blick. Nun, ich hätte auch lieber sein Glassiegel. Allerdings ist mein Neid ein bisschen beschämend.

Beseelt von unserem Erlebnis stapfen wir, die Stiefel schlammverkrustet, wieder die Treppe an der Ufermauer hinauf. Jemand tippt mir von hinten auf die Schulter. "Möchtest du tauschen? Ich glaube, dir gefällt mein Glassiegel besser als dein Knopf." Jake lächelt verlegen. Ach, Jake, ich wusste gleich, du bist ein feiner Kerl!

Mudlarking-Tour in London