Echter Londoner: Popsie Deer wurde in Jamaika geboren und betreibt seit Jahrzehnten in Brent eine Plattenladen.
Echter Londoner: Popsie Deer wurde in Jamaika geboren und betreibt seit Jahrzehnten in Brent eine Plattenladen.
Foto: Dörte Nohrden

Reisen ins Brexit-Land London - jetzt erst recht!

Auch nach dem Brexit genügt für EU-Bürger der Personalausweis, um nach London zu reisen. Nach Brent verirrt sich bisher kaum ein Tourist - der offizielle Kulturbezirk des Jahres ist eine echte Entdeckung.

Von Dörte Nohrden

Popsie Deer ist einer dieser Menschen, den andere gern als Unikat bezeichnen, als "wahre Institution" - und der stolz darauf ist. "I am part of the furniture", sagt der 71-Jährige, während er - weißer Vollbart, schwarze Baskenmütze - zwischen Vinyl und CDs in seinem Plattenladen steht. Er ist "Teil des Mobiliars" in seinem winzigen, Reggae-beschallten Ladengeschäft im Londoner Stadtteil Harlesden.

Harlesden gehört zum Bezirk Brent in Londons Nordwesten, rund 30 U-Bahn-Minuten entfernt von Westminster Abbey und Big Ben – aber Lichtjahre entfernt davon, ein Ort zu sein, an den es Touristen verschlägt. Brent hat weder die Noblesse von Chelsea noch das Hippe von Soho. Aber Brent hat Potenzial. So sehen es zumindest die Verantwortlichen der Initiative "London Borough of Culture". Brent ist 2020 offizieller Kulturbezirk von London. 

Inspiriert durch das Konzept europäischer Kulturhauptstädte will London Kunst- und Community-Projekte fördern, auch und gerade in weniger bekannten Vierteln. Dem Aufruf von Londons Bürgermeister Sadiq Khan folgend, hatten 22 von 32 Bezirken vor über zwei Jahren ihre Konzepte eingereicht. Als Erstes gewann Waltham Forest im Nordosten den Titel. Brent ist nun der zweite Londoner Kulturbezirk, dem die City Hall 1,35 Millionen Pfund zur Verfügung stellt.

Ein echter Geheimtipp

Kulturelle Infrastruktur gebe es bisher kaum in der Gegend, sagt Lois Stonock, dafür aber viel Originalität. Stonock ist die künstlerische Leiterin des zehnköpfigen Kulturteams, das den Bezirk in diesem Jahr ins Rampenlicht rücken will. Die Institutionen hätten Brent zuvor "nicht auf dem Schirm gehabt", sagt Stonock. Dabei ist es ein echter Geheimtipp.

Brent ist einer der größten Bezirke der britischen Hauptstadt und einer der multikulturellsten. Über 50 Prozent der fast 340.000 Einwohner wurden außerhalb von Großbritannien geboren. Einst prägten vor allem irische und jamaikanische Einwanderer die Gegend.

Auch Popsie Deer kam aus Jamaika her, im Alter von zwölf Jahren. Im London der Siebziger eröffnete er an der Harlesden High Street seinen Plattenladen Starlight Records, und er gründete das gleichnamige, unabhängige Musiklabel. Mit zahlreichen Reggae-Größen wie Dennis Brown und Johnny Osbourne nahm er Alben auf. Und er ging mit Bob Marley auf Tour. "Ein ziemlich wildes Leben" sei das gewesen - und mehr noch: eine Freundschaft. Deer wurde sogar Patenonkel von Marleys Sohn Julian.

Die legendäre Zeit liegt lange zurück. Früher habe es mehr Musik gegeben in Harlesden, sagt Deer, mehr Klubs, auf der High Street auch zwei Kinos und große Geschäfte wie Marks & Spencer. Heute ist das alles verschwunden.

Dafür sind da nun brasilianische Cafés, afrikanische Friseursalons, karibische Takeaways. Gemüsehändler offerieren "Halal Meat", und schräg gegenüber vom Handy-und-SIM-Karten-Shop "Kabul Plaza" wurde eine Kirche in einen irischen Pub verwandelt. Statt aus Liederbüchern wird hier freitags Karaoke gesungen.

Was es in Brent zu sehen gibt

Brents einzige bekannte Sehenswürdigkeit ist das Wembley-Stadion, ansonsten ist der Bezirk auf dem Touri-Stadtplan ein weißer Fleck. Doch wer nach einem Fußballspiel sofort wieder in die Jubilee Line in Richtung Zentrum steigt, verpasst das pompöse Antlitz des Neasden-Tempels, dem größten Hindu-Tempel außerhalb Indiens. Er verpasst auch Steak Pie und Sausage Sandwich im Ace Café, einem bei Bikern beliebten Kult-Lokal. Und würde sich überhaupt eine große Portion Londoner Subkultur entgehen lassen.

Ein Tipp für den Abend: das Kiln Theatre, Brents geschichtsträchtige Bühne, die auch ein Kino beherbergt. Am 16. Februar sind hier zum Beispiel die Oscarpreisträgerin Helen Mirren und "Downton Abbey"-Star Jim Carter live zu sehen, bei einem Gespräch über Mirrens Leben .

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Was Sie in Brent nicht verpassen dürfen

Foto: Jason Hawkes/ Jason Hawkes/ Brent 2020

"Wir wollen, dass mehr Leute herkommen und sich umsehen", sagt die Kulturteam-Chefin Lois Stonock. Zahlreiche Kultur- und Community-Projekte stehen für das Kulturjahr auf dem Plan. Sie finden etwa in den Stadtteilen Harlesden, Willesden, Kilburn und Wembley statt, die allesamt zu Brent zählen: Stadtteilbibliotheken vernetzen sich und kooperieren mit Künstlern, um das "Museum of all Brent Life" zu erschaffen. Im Queen's Park wird im Sommer das "Book Festival" zelebriert.

Im Herbst wird mit dem "Bass Weekender" ganz Harlesden im Zeichen des Reggae stehen. Und ein besonderer Höhepunkt: die Street Party auf der Kilburn High Road am 11. Juli. Es ist der Tag vor dem EM-Finale, das im Wembley Stadion ausgetragen werden wird. Großbritannien wird dann nicht mehr zur EU gehören – doch für EU-Bürger reicht vorerst immer noch der Personalausweis, um ins Land zu kommen, hat die britische Regierung versichert. "Wir wollen trotzdem mit Fans aus ganz Europa unsere multikulturelle Community feiern", sagt Stonock. 100.000 Menschen werden erwartet.

Doch was hat Brent von alldem? "Uns interessiert, wie verschiedene Kulturen eine Community entwickeln können", sagt Stonock. Es geht um Stolz, um Identität, darum, wie sich die Menschen hier auf ihre Wurzeln besinnen und sie zelebrieren können. Man wolle "der Welt erzählen, wer wir sind". Aber auch auf die Armut im Viertel will man hinweisen, auf "Beratungsbedarf" und "kostenlose warme Mahlzeiten".

Geist der Toleranz

Am Kulturprogramm beteiligt ist die britische Bestsellerautorin Zadie Smith, die derzeit an einem Stück schreibt, das ebenfalls noch in diesem Jahr im Kiln Theatre aufgeführt werden soll. Die Tochter eines englischen Vaters und einer jamaikanischen Mutter wuchs in Willesden auf und widmete dem Stadtteil mit "London NW" vor einigen Jahren einen eigenen Roman. Auch in anderen Büchern verarbeitet sie den Geist dieser Gegend, der geprägt ist von Diversität und Toleranz.

"Ich habe hier in all den Jahren keine einzige brenzlige Situation erlebt", sagt Popsie Deer in seinem Plattenladen. "Außer, dass Leute mal laut werden, wenn jemand ihnen den Parkplatz wegschnappt." Brent sei ein schönes, ein harmonisches Viertel, Leute aus der ganzen Welt ziehe es hierher. Aus Afrika, Schweden, Brasilien, Rumänien, auch aus Deutschland.

Brents neuer Kulturtitel bringe der Gegend die Aufmerksamkeit, die sie gut gebrauchen könne. Popsie Deer könnte er Kundschaft bringen. Für ihn auch eine Art Kulturauftrag: "Die jungen Leute wissen ja nicht mal mehr, was ein Plattenspieler ist."

Sein Label ist längst an Trojan Records übergegangen, doch das kleine Geschäft betreibt er weiter. "Meine vier Jungs sind erwachsen, wer weiß, vielleicht übernehmen sie es noch", sagt Popsie Deer. "Musik ist mein Leben, meine Liebe." Und Brent? Vielleicht bald nicht mehr nur die Gegend mit dem Wembley-Stadion.

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