Londoner Doppeldecker Rote Riesen gehen in Rente

Er gehört zu London wie Big Ben und die Beefeaters: der legendäre rote Doppeldeckerbus "Routemaster". Doch seine Stunden sind gezählt, am Freitag wird er seine letzte Fahrt im regulären Linienverkehr absolvieren - trotz aller Proteste nostalgischer Fans.

Von Sebastian Borger


Wie alt er ist, möchte John Arundell nicht so gern erzählen. Jedenfalls alt genug, um sich noch daran zu erinnern, wie das damals war, als Ende der fünfziger Jahre eine neue Generation von Doppeldeckern, die sogenannten Routemaster, die Straßen seiner Heimatstadt London eroberte. "Wir Schuljungen haben das damals nicht so richtig gewürdigt", erzählt der Fahrgast im Bus der Linie 159 zwischen Marble Arch und Streatham.

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Routemaster : Rote Riesen auf Linie

Am Freitag erlebt der mittlerweile im Vorort Dorking lebende Arundell wieder ein Stück Transportgeschichte. Dann stellt die Betreiber-Firma der Linie 159 als letztes Londoner Busunternehmen auf moderne Doppeldecker um und schickt die mindestens 35 Jahre, teils sogar mehr als 40 Jahre alten Busse mit dem charakteristischen offenen Zugang zum Einsteigen hinten links, in Pension. "Schade", findet das Bus-Passagier Arundell. "Ich habe immer gern mit dem Schaffner geplaudert. Außerdem sind doch die neuen Gelenkbusse für Londons Straßen gar nicht geeignet."

Mitten im Advent werden traditionsbewusste Engländer wie John Arundell noch einmal heftig vom Nostalgie-Fieber geschüttelt. Ehe im Herbst die beiden populären Linien 13 und 38 ihre Routemaster ausmusterten, sammelten Enthusiasten binnen weniger Tage mehr als 12.000 Unterschriften zum Erhalt der Londoner Ikone. Dieses Modell sei schließlich in London für die spezifischen Bedürfnisse der britischen Hauptstadt gebaut worden, argumentierten sie, und gehöre zu London wie rote Telefonzellen, schwarze Taxis oder Big Ben. "Schließlich reißt man auch den Buckingham-Palast nicht ab, um einen neuen zu bauen", hieß es treuherzig auf einer Nostalgiker-Website.

Von Bombern zu Bussen

Tatsächlich ist der Routemaster das letzte Busmodell, das speziell auf die Londoner Bedürfnisse zugeschnitten wurde. Das Designteam der Firma AEC und der damaligen Stadtbehörde London Transport erhielt Anfang der fünfziger Jahre den Auftrag, einen Nachfolger für die Oberleitungs-Busse zu konstruieren, deren Ausmusterung bevorstand. Im Zweiten Weltkrieg hatte AEC Lancaster-Bomber gebaut. Aus deren Produktion übernahmen die Bus-Designer den Werkstoff Aluminium, machten die Gefährte dadurch leichter und rostfrei.

Außerdem erhielten die Diesel-betriebenen Routemaster zum ersten Mal Servolenkung und eine Heizung - bis dahin war es zur Winterszeit im Obergeschoss stets "ziemlich kühl" gewesen, erinnert sich Bus-Passagier Arundell. Die neuen Busse hingegen sollten so komfortabel sein wie ein Privatfahrzeug, dabei aber mehr Passagiere aufnehmen können als die O-Busse. "Wir prüften alles sehr genau, bevor wir es für den Routemaster verwendeten. Ich glaube, das war der Schlüssel für den Erfolg", erinnert sich Ingenieur Colin Curtis, der damals zum Design-Team gehörte.

Gut 40 Jahre lang erfreuten sich die Fahrgäste seither an hübschen Details wie den Metallkurbeln, mit denen sich im Oberdeck Fenster öffnen lassen (wenn die Kurbeln nicht gerade klemmen). Oder an der letzten Bank im Oberdeck, die traditionell knutschenden Pärchen vorbehalten blieb. Oder an der Drahtschnur, mit der man den Fahrer zum Stopp an der nächsten Haltestelle animieren konnte.

Ansprechen hingegen konnte man den Fahrer nicht. Er thronte in einer eigenen Kabine neben dem Dieselmotor. Für das Wohlergehen der Passagiere war der Schaffner zuständig - einer wie Tony, 40. Der große, breitschultrige Mann hat sechs Jahre auf der Linie 159 gedient. "Ich habe gern mit Leuten zu tun." Zum Glück hat er einen der begehrten Jobs bei der städtischen Verkehrsbehörde Transport for London (TfL) ergattert. "Da kann ich mich auch wieder um unsere Kunden kümmern, das wird schon ok."

Unüberwindliches Hindernis für Rollstuhlfahrer

Oberster Chef von TfL ist Londons Oberbürgermeister Ken Livingstone. "Nur ein Kulturbanause würde die Routemaster einfach abschaffen", hatte der vor seiner Wahl im Frühjahr 2000 getönt. "Die modernen Niederflur-Busse sind sicherer und einfacher zu benutzen", sagt Livingstone heute. Ins gleiche Horn stoßen auch Behinderten-Vertreter. Es gehe ja nicht darum, ob man die Routemaster gut oder schlecht findet, sagt Bob Niven von der staatlichen Behinderten-Kommission. "Aber alle Menschen, auch Behinderte, sollten in der Lage sein, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen."

Für Rollstuhlfahrer, aber auch für Eltern mit Kinderwagen oder Reisende mit viel Gepäck stellten die alten Doppeldecker tatsächlich ein unüberwindbares Hindernis dar. Ihnen kommt die neue Doppeldecker-Generation entgegen. Wo allerdings die gut neun Meter langen Routemaster durch moderne deutsche Gelenkbusse, die Mercedes-Benz Citaro, ersetzt wurden, kommt es vielerorts zu neuen Problemen. Erst zu Wochenbeginn veröffentlichte die Lokalzeitung "Evening Standard" eine Liste von Kreuzungen, auf denen die mit 18 Meter fast doppelt so langen "Bendies" (Lokaljargon) regelmäßig für Verkehrsstaus sorgen. Beim Abbiegevorgang kommen immer wieder sorglose Radfahrer unter die Räder.

Bei TfL verteidigt man die Bendies zwar als effizient, immerhin seien Londons Busse heute um 20 Prozent besser ausgelastet als vor fünf Jahren. Schwierigkeiten mit den mancherorts ziemlich engen Straßen räumt Mike Western von TfL aber ein. "Solchen Problemen stellen wir uns natürlich und versuchen sie zu lösen." Gut möglich, dass die eine oder andere Route wieder auf Doppeldecker umgestellt wird. Das wären dann aber moderne Ein-Mann-Busse, keine Routemaster. Schließlich lautet das Motto der Transport-Beamten: "Nostalgie ist ja schön und gut, aber wir müssen mit der Zeit gehen."

Motorwechsel in zwei Stunden

Das sehen die Routemaster-Enthusiasten natürlich ganz anders. Sie haben sich - very british - in Fanclubs zusammengeschlossen und wärmen sich das Herz mit Geschichten über die Zuverlässigkeit ihrer Lieblinge, das brummende Motorengeräusch, die Leichtigkeit des Motorwechsels. Der hat notfalls, berichtet Schaffner Terry auf der Linie 159, "in zwei, drei Stunden geklappt. Versuchen Sie das mal mit den modernen Bussen."

Terry klammert sich an die Mittelstange am Hinterausgang, als wollte er nie wieder loslassen. Die angebotene Umschulung zum Fahrer hat er ausgeschlagen, "ich habe doch noch nicht mal den Führerschein". Was nun aus ihm wird? Terry zuckt mit den Achseln. "Ich finde schon was", sagt er und sieht nicht besonders froh aus. Seine Zeit als Schaffner ist jedenfalls vorbei.

Immerhin ist TfL den Nostalgikern mit einer ebenso pragmatischen wie liebenswerten Lösung entgegengekommen. Seit Mitte November gibt es in Zentral-London zwei sogenannte Heritage-Routen. Zwischen Aldwych und der Royal Albert Hall (Linie 9) sowie zwischen Trafalgar Square und Tower Hill (Linie 15) verkehren nun altmodische und moderne Doppeldecker im Wechsel. "Die Routemaster fahren jeden Tag von 9.30 Uhr bis 18.30 Uhr", erläutert TfL-Sprecher Paul Mylrey. Zu normalen Fahrpreisen kommen dann nostalgisch gestimmte Londoner und ihre Besucher aus aller Welt auf ihre Kosten. Freilich handelt es sich bei den Nostalgiegefährten um eine Baureihe, in der man hübsche Details wie die klemmenden Fensterkurbeln vergebens sucht.



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