Londons Bahnhof St. Pancras Kathedrale mit Glasdach

Feierstimmung in London: Nach umfangreichen Renovierungsarbeiten wird heute Queen Elizabeth II. den Bahnhof St. Pancras offiziell eröffnen. Der Prachtbau soll der Startschuss für ein neues Zeitalter im britischen Personenverkehr sein.

Von Ronan Thomas, London


London bekommt ein neues Aushängeschild - und Englands marodes Verkehrssystem macht ein großen Schritt in die Hightech-Zukunft: Am 14. November wird St. Pancras International, einer der ältesten Bahnhöfe der Hauptstadt, nach einer Generalüberholung wiedereröffnet. Gleichzeitig wird nach elf Jahren Bauzeit eine neue Hochgeschwindigkeitsverbindung in Richtung Eurotunnel eingeweiht. 5,9 Milliarden Pfund (knapp 8,5 Milliarden Euro) wurden insgesamt investiert, das ist die größte Investition aller Zeiten in das britische Schienennetz.

Der 1868 eröffnete Londoner Bahnhof wurde komplett erneuert, sieben Fernzugverbindungen und sechs Tube-Linien werden hier verkehren. Trotz der baulichen Eleganz der Fassade eröffnet sich die wahre Pracht erst im Inneren des Bauwerks: Die viktorianische Architektur erinnert an eine Kathedrale, die metallene Dachkonstruktion wurde durch ein atemberaubendes Glasdach ersetzt. Natürliches Licht flutet den 70 Meter breiten Innenraum.

Metallteile, geschwärzt von dem Dampf und Ruß eines Jahrhunderts, glänzen jetzt in einer neuen himmelblauen Lackierung. In den unteren Stockwerken, die ursprünglich als Lager für Bierfässer dienten, eröffnet eine edle Shopping-Mall. Im Wartebereich können internationale Geschäftsreisende ihren Durst an Europas längster Champagner-Bar stillen und dabei die Eurostar-Züge bei der Ein- und Abfahrt beobachten.

Gotische Hotelpracht neben dem Bahnhof

Auch das angrenzende Midland Grand Hotel, ein weiteres Meisterwerk Londoner Architekturkunst, das aus Batman-Filmen und Spice-Girls-Videos bekannt ist, wurde generalüberholt. Gebaut von George Gilbert Scott im Jahr 1876, ist das Gebäude so hollywoodfilmhaft gotisch, dass der Betrachter erwartet, an den Türmen Fledermäuse umherflattern zu sehen. Die Kathedrale von Salisbury war eines der Vorbilder des ersten Londoner Hotels, das über einen Aufzug verfügte. Wenn Gäste damals den Lift zum ersten Mal benutzten, bot ihnen ein Concierge Brandy gegen die Nervosität an. In den dreißiger Jahren verwüsteten Mitglieder des australischen Kricket-Teams eines der oberen Stockwerke, weil sie eine spontane Bowling-Partie für eine gute Idee hielten.

Kurz darauf, im Jahr 1935, schloss das Hotel, um Büros für Bahnangestellte Platz zu machen. In den sechziger Jahren konnte nur der Einsatz des britischen Dichters Sir John Betjeman das Gebäude vor der Zerstörung durch Bulldozer retten. Ab 2009 können nicht nur Geschäftsreisende die Opulenz des alten Bauwerks genießen, die Marriott-Kette wird hier ein Fünf-Sterne-Haus mit 200 Zimmern und mehreren Luxus-Apartments eröffnen.

Und direkt nebenan starten die Verbindungen zum Eurotunnel. Denn die Eurostar-Züge werden in Zukunft nicht mehr vom Bahnhof Waterloo International, sondern von St Pancras über ein neues, etwa 40 Kilometer langes Schienenstück namens "High Speed 1" verkehren. Von dort rasen sie 109 Kilometer weit durch Kent zum Eingang des Kanaltunnels in Folkestone, wobei sie mit fast 300 km/h die neuen Haltestellen Stratford und Ebbsfleet durchfahren. Das ist zwar nicht ganz so schnell wie der französische TGV (320 km/h Spitze) oder die deutschen und japanischen Schnellzüge – doch immerhin nah dran und Balsam für die britische Eisenbahner-Seele nach Jahren erbärmlicher Leistungen im Schienenverkehr.

Das britische Bahnunternehmen Eurostar, das Zugverbindungen von London nach Paris und Brüssel anbietet, will damit die Fahrzeiten um je 25 Minuten verringern. Die Fahrt von London nach Paris wird damit zwei Stunden und 15 Minuten dauern, von London nach Brüssel eine Stunde und 51 Minuten. Allein nach Paris sollen täglich 17 Züge von St. Pancras aus verkehren. Weitere Ausbaupläne versprechen eine Zehn-Milliarden-Pfund-Investition in die sich über 40 Kilometer erstreckende "Thames Gateway Region" sowie eine zusätzliche Bahnverbindung für die Olympischen Spiele 2012.

Neues Flugterminal, Entlastung der Tube

Bekommt also Großbritannien nach Jahrzehnten von Fehlmanagement, Geldmangel, übermäßiger Bürokratisierung und Vernachlässigung endlich das Verkehrsnetzwerk, das es verdient? Ganz so schnell wird das wohl nicht gehen, denn auch wenn die Route zum Eurotunnel jetzt eine moderne High-Speed-Verbindung mit dem Kontinent erlaubt und St. Pancras in neuem Glanz erstrahlt - die Verkehrsinfrastruktur hat immer noch massive Mängel. Da gibt es die Probleme mit dem völlig überlasteten Flughafen Heathrow und den Mangel an schnellen Zugverbindungen nach Nordengland und Schottland. Ganz zu schweigen von der häufig bestreikten und zu Stoßzeiten überfüllten Londoner Tube.

Doch es gibt Hoffnung für die Zukunft: Zum einen wird London-Heathrow im März 2008 sein neues Terminal fünf eröffnen. Mit einer Kapazität von 30 Millionen Passagieren zusätzlich zu den bisherigen 67 Millionen pro Jahr wird das den Ruf des Flughafens verbessern – vielleicht gehören dann Negativschlagzeilen über Passagierchaos, verloren gegangene Gepäckstücke und die höchste Verspätungsrate Europas der Vergangenheit an. Zum anderen stellte Gordon Brown Anfang Oktober das Bahnprojekt Crossrail vor – für insgesamt 16 Milliarden Pfund (23 Milliarden Euro) soll damit bis zum Jahr 2017 die Strecke von Maidenhead bis Essex von London abgetrennt und eine seit langem überfällige Ost-West-Verbindung geschaffen werden.

Doch zunächst soll der neue Reisekomfort zwischen London und dem Eurotunnel neue Passagiere weg von den Flugzeugen hin zur Bahn locken. Denn auch wenn hier 80 Millionen Fahrgäste von England aus unterwegs waren, seit der Tunnel 1994 eröffnet wurde - im Vergleich zu dem französischen Hochgeschwindigkeits-Angebot hatte die britische Seite bislang wenig zu bieten. Während die Eurostar-Züge in hohem Tempo durch Frankreich und Belgien rauschten, schlichen sie auf der Insel auf einem vorstädtischen Gleisnetzwerk, das Mitte des 19. Jahrhunderts geplant und gebaut wurde, behäbig Richtung Waterloo International. Als die Vorsitzenden der staatlichen französischen Bahnlinie SNCF Anfang der neunziger Jahre an einer Testfahrt nach Waterloo teilnahmen, sollen sie nur hilflos gelacht haben, als gemächlich die Londoner Vororte vorbeizogen.

Mit der neuen Route und der wiedererstrahlten gotischen Schönheit von St. Pancras ist dieses anglo-französische Gefälle zumindest teilweise aufgehoben. Für die Franzosen hat das auch psychologisch und geschichtlich gesehen Vorteile – sie müssen nicht länger an einer Station namens Waterloo ankommen, wenn sie nach Großbritannien wollen.



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