Londons Olympia-Wildwasserkanal Schaumbad in der Betonwanne

Die Olympischen Spiele in London beginnen erst im Juli, doch der Wildwasserkanal kann als erste Austragungsstätte schon jetzt genutzt werden. SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Carsten Volkery hat den Parcours ausprobiert - und platschte ins Eiswasser.

Lee Valley White Water Centre

Es ist Mitte Januar, der Londoner Himmel ist so grau wie das Wasser, und der Wetsuit schützt nur unzureichend gegen die Außentemperaturen. Nein, einladend sieht dieses Wasser nicht aus. Fünf Grad ist es kalt, und es schießt mit einer Geschwindigkeit von 13.000 Litern pro Sekunde zwischen den grauen Betonwänden entlang. An den Blöcken, die alle paar Meter aus dem Wasser ragen, bilden sich metertiefe, weiße Strudel.

Die Stromschnellen seien "sehr anspruchsvoll", versichert unser Steuermann Scott Tiley, als er das Schlauchboot ins Wasser schiebt. Er spricht aus Erfahrung, hat einige Jahre als Rafting-Führer am südafrikanischen Sambesi und am indischen Ganges gearbeitet. Wir sind sechs Journalisten aus vier Ländern, und wir glauben ihm aufs Wort.

Das Lee Valley Whitewater Centre ist die neu gebaute künstliche Wildwasseranlage im Norden Londons. Ende Juli finden hier die olympischen Slalomwettbewerbe statt. Schon jetzt trainieren die Kanuten der britischen Mannschaft täglich zwei Mal auf der Strecke, um sich einen Heimvorteil zu sichern. Sie könnten es im Sommer mit einem deutschen Titelverteidiger zu tun bekommen: Kanufahrer Alexander Grimm gewann vor vier Jahren in Peking Slalom-Gold, musssich aber für London noch qualifizieren.

Stromschnellen und Legosteine

Der Olympia-Parcours ist 300 Meter lang, der Höhenunterschied zwischen Start und Ziel beträgt 5,5 Meter. Die Blöcke im Wasser lassen sich beliebig verschieben und übereinander anordnen, um Wasserschnellen mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden zu erreichen. "Sie sind wie Legosteine", erklärt Stephen Bromberg vom Whitewater Centre. Groß genug allerdings, um selbst ein stabiles Raft mit sieben Insassen zu kippen, wenn es im falschen Winkel auf eine der Barrieren trifft. "Get in", brüllt Scott jedes Mal, wenn wir nicht rechtzeitig ausweichen können - und wir kauern uns auf den Boden, Stechpaddel in die Höhe.

Die Wildwasseranlage ist die einzige Austragungsstätte, die schon vor Beginn der Spiele von der Öffentlichkeit benutzt werden kann. Sie war bereits im Dezember 2010 fertig, und die Olympia-Planer legen Wert darauf, dass die millionenteuren Sportstätten nicht vor sich hin gammeln. Im Sommer 2011 war der Rundkurs zunächst für ein halbes Jahr im Probebetrieb. Die Nachfrage war so groß, dass die Strecke seit Donnerstag nun erneut für einige Monate geöffnet ist. Bis zum 9. April darf hier jeder gegen Eintritt raften oder Kanu fahren. Dann beginnt der Bau der Zuschauertribüne mit 12.000 Sitzen.

Vorkenntnisse sind beim Raften nicht nötig. Man muss nur bereit sein, im kalten Wasser zu landen und unsanft durch den Betonkanal gespült zu werden. Die Wahrscheinlichkeit, über Bord zu gehen, ist recht hoch - zumindest nach der Erfahrung unserer Journalistengruppe. Beim fünften Durchlauf legt sich das Schlauchboot in einem Strudel quer, fünf Mann rutschen über Bord. Wie bei der Eingangsunterrichtung gelernt, klammern wir uns an das Sicherheitsseil am Raft und lassen uns durch die Wirbel schleifen, bis Scott einen nach dem anderen wieder ins Boot zieht.

Voller Erfolg im Sommer

Für so manchen Teilnehmer scheint das kalte Bad das wahre Ziel dieses Abenteuers zu sein. Anders sind die begeisterten Juchzer kaum zu erklären, wenn mal wieder eins der Boote in der Umgebung kentert. "Nochmal", bettelt die Kollegin vom "Daily Telegraph" am Ende unserer Fahrt.

Die bisherigen Erfahrungen mit zahlendem Publikum lassen die Olympia-Planer hoffen, dass die Wildwasseranlage auch nach den Spielen profitabel weiterlaufen kann. Jeder Tag im vergangenen Sommer sei ausverkauft gewesen, sagt Bromberg. Statt der erwarteten Einnahmen von einer Million Pfund flossen 1,7 Millionen Pfund (etwa zwei Millionen Euro) in die Kasse. Ein Viertel davon kam von Firmen, die ihren Betriebsausflug aufs Wasser verlegten.

Neben der Olympiastrecke hat die Anlage auch noch eine 160 Meter lange, weniger schwierige Strecke für Anfänger und Kinder. "Hier", so Bromberg, "wird die nächste Generation von Champions heranwachsen".



insgesamt 5 Beiträge
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Stelzi 20.01.2012
1. Nur so nebenbei
"13'000 Liter pro Sekunde" ist doch keine Geschwindigkeit, sondern eine Mengenangabe. Geschwindigkeit wird immer noch in Längeneinheit pro Zeiteinheit formuliert. Physik Grundlagen. Die gelten auch für Journalisten.
alexbunte 20.01.2012
2. Gibt´s in Leipzig/Markkleeberg schon lange
Zitat von sysopDie Olympischen Spiele in London beginnen erst im Juli, doch der Wildwasserkanal kann als erste Austragungsstätte*schon jetzt*genutzt werden. SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Carsten Volkery hat den Parcours ausprobiert - und platschte ins Eiswasser. http://www.spiegel.de/reise/staedte/0,1518,810007,00.html
Um Wildwasserpaddeln oder -raften abseits natürlicher Strecken zu erleben, muss man nicht unbedingt nach London düsen. Markkleeberg (bei Leipzig) hat seit etwa 6 Jahren einen fantastischen Kanupark. Wir haben Freunden zur Hochzeit eine Runde im Raft geschenkt, sind dann selbst mit eingestiegen und hatten wirklich einen großartigen Tag. (Nur die Anreise von der A38 auf den letzten Metern gestaltete sich schwierig; die Ausschilderung ist grottig; kein Hinweis an der richtigen Abfahrt.) Mit 270 Metern Länge etwas kürzer als der in London, aber dank vergleichbarem Höhenunterschied (ebenfalls etwa 5 Meter) dürfte der Adrenalinschub in Markkleeberg dem in London gleichen. Die Preise in Markkleeberg sind zwar auch nicht unbedingt Schnäppchenpreise und für viele Geringverdiener dürfte ein Wildwasserabenteuer auf dem Kanal wohl ein unerfüllbarer Wunsch bleiben, aber mit ca. 40 € kommt man doch noch besser weg als in London (um die 50 £, d.h. ungefähr 60 €). Wollt ich nur mal so erwähnt haben, denn warum immer nur in die Ferne schweifen? Hier gibt´s Bilder und mehr dazu: Kanupark Markkleeberg :: Der Kanupark am Markkleeberger See: Startseite (http://www.kanupark-markkleeberg.com/)
oli345 20.01.2012
3. Leipzig/Markkleeberg
Zitat von alexbunteUm Wildwasserpaddeln oder -raften abseits natürlicher Strecken zu erleben, muss man nicht unbedingt nach London düsen. Markkleeberg (bei Leipzig) hat seit etwa 6 Jahren einen fantastischen Kanupark. Wir haben Freunden zur Hochzeit eine Runde im Raft geschenkt, sind dann selbst mit eingestiegen und hatten wirklich einen großartigen Tag. (Nur die Anreise von der A38 auf den letzten Metern gestaltete sich schwierig; die Ausschilderung ist grottig; kein Hinweis an der richtigen Abfahrt.) Mit 270 Metern Länge etwas kürzer als der in London, aber dank vergleichbarem Höhenunterschied (ebenfalls etwa 5 Meter) dürfte der Adrenalinschub in Markkleeberg dem in London gleichen. Die Preise in Markkleeberg sind zwar auch nicht unbedingt Schnäppchenpreise und für viele Geringverdiener dürfte ein Wildwasserabenteuer auf dem Kanal wohl ein unerfüllbarer Wunsch bleiben, aber mit ca. 40 € kommt man doch noch besser weg als in London (um die 50 £, d.h. ungefähr 60 €). Wollt ich nur mal so erwähnt haben, denn warum immer nur in die Ferne schweifen? Hier gibt´s Bilder und mehr dazu: Kanupark Markkleeberg :: Der Kanupark am Markkleeberger See: Startseite (http://www.kanupark-markkleeberg.com/)
Das ist mir auch als erstes eingefallen als ich die Artikelüberschrift gelesen habe. Man sollte unbedingt mal die Bootsseite wechseln, sonst hat man am Tag danach am Rücken nur auf einer Seite Muskelkater :)
TribbleOO 20.01.2012
4. ...
Zitat von Stelzi"13'000 Liter pro Sekunde" ist doch keine Geschwindigkeit, sondern eine Mengenangabe. Geschwindigkeit wird immer noch in Längeneinheit pro Zeiteinheit formuliert. Physik Grundlagen. Die gelten auch für Journalisten.
Sie können froh sein, dass der Autor eine Einheit verwendet hat, die wenigstens noch SI und mit zusätzlichen Angaben in Geschwindigkeit umgewandelt werden kann. Ich gebe Ihnen Recht: Nur weil man Physik in der 10. Klasse abgewählt hat und Journalist geworden ist sollte man trotzdem die Grundlagen der Physik beherrschen.
TJDab 21.01.2012
5. ...
Zitat von Stelzi"13'000 Liter pro Sekunde" ist doch keine Geschwindigkeit, sondern eine Mengenangabe. Geschwindigkeit wird immer noch in Längeneinheit pro Zeiteinheit formuliert. Physik Grundlagen. Die gelten auch für Journalisten.
Wenn schon klugscheixxen, dann aber richtig bitte. Liter pro Sekunde ist keine Mengenangabe, sondern ein Volumenstrom. Meter pro Sekunde ist ja, wie schon richtig sagten, auch keine Länge.
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