Mailand Eine Stadt formt den schönen Schein

Kann man in Milano leben? Unmöglich sagen die einen. Die andern tun's - und das schneller als irgend sonst. Wie Mailand zu einem Brennpunkt der Mode und des Designs geworden ist und wie Mailänder dafür sorgen, dass diese Weltgeltung auch in Zukunft erhalten bleibt.

"Mailand ist ekelhaft." Oliviero Toscani, Fotograf und ehemaliger Kommunikationschef von Benettons vereinigtem Farbenimperium, kennt sich aus in der Stadt, in der er aufgewachsen ist. In Mailand sterbe man elegant: "Hingerichtet von verseuchter Luft und fehlender Kultur, man erstickt und verblödet - aber mit Designerbrille und modischen Schuhen." Kaum war sein Beitrag im "Corriere della Sera" erschienen, wurde die Tageszeitung mit einer Flut von Leserbriefen überschüttet. Endlich sagt einer die Wahrheit, ein Idiot ist er, er hat den Finger auf die Wunde gelegt, er ist doch selbst ein Markenpropagandist, stimmt genau, er ist ungerecht ... Die Debatte ging über Tage.

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Mailand: Hauptstadt der Eleganz

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Sicher, Toscani provoziert, aber er wirft auch Schlaglichter auf typische Mailänder Widersprüche: Die Stadt ist eigentlich nicht schön, weder elegant wie Florenz noch monumental wie Rom, aber sie ist die Hauptstadt der Eleganz, der schönen Kleider wie der schön geformten Dinge. In den Führungsetagen der Bankhäuser und Finanzunternehmen regiert knallharte Wirtschaftslogik, und zugleich kann es keine italienische Stadt mit der lombardischen Metropole aufnehmen, wenn es um Musik oder Theater geht, um Kunstgalerien und um Buchverlage.

Konsum bestimmt den Alltag, Mailand ist führend in Werbung und PR, aber sieben Universitäten und viele Forschungseinrichtungen machen die Stadt zu einem angesehenen europäischen Wissenschaftszentrum. Eine rechtsliberale Stadtregierung von Berlusconis Gnaden kam in den vergangenen Jahren nicht ohne die fremdenfeindliche Kleinbürgerpartei Lega Nord aus, und doch gibt es hier durchschnittlich mehr Freiwilligen- und soziale Hilfsorganisationen als anderswo im Land.

Der Norden übernahm die Gebrauchskultur

Mailands Widersprüche lassen sich als Triebfeder einer äußerst dynamischen Stadt in einem ebenso dynamischen Umfeld verstehen. Das eigentliche Gemeindegebiet für 1,3 Millionen Einwohner ist eher bescheiden, das Zentrum zwischen Duomo und Castello, den Galerien im Brera-Viertel und den Edelboutiquen rund um die Via Montenapoleone kann man zu Fuß erkunden. Aber längst hat die Stadt ihre Gemeindegrenzen übersprungen, mehr als sechs Millionen Menschen leben und arbeiten in der Region zwischen Lago Maggiore und Gardasee, zwischen Lugano und Parma. Das ist einer der dichtest besiedelten und reichsten Landstriche Europas. Sogar das europäische Großunternehmen DaimlerChrysler hat sein Designzentrum in diesem Hinterland gegründet.

In Como entstehen die Mercedestypen der Zukunft, an denen sich mit einem Prototyp auch Giorgio Armani beteiligt hat. In dieser Zone mit ihren verstopften Straßen und verträumten Kanälen, mit urbanen Scheußlichkeiten und alten Kirchen wächst die Kreativität. Nord-italienische Tüchtigkeit verbindet sich mit Tradition. Wer Mode und Design macht, versteht sich als Handwerker, der eine industrielle Mentalität haben muss, lokal verwurzelt ist und global operieren will. Dolce & Gabbana eröffneten gerade einen neuen Showroom in New York, Armani hat einen Superstore nach Shanghai gebracht.

Angefangen hat diese Entwicklung ausgerechnet in den bedrückenden Zwanziger- und Dreißigerjahren, als Mussolini in Rom von antiker Größe träumte. Während Venedig, Florenz und Rom als Kulturstädte propagiert wurden, überließ man dem Norden die Gebrauchskultur. Am Mailänder Polytechnikum, der wichtigsten technischen Universität Italiens, lernten Architekten wie Giuseppe Terragni oder Gio Ponti. Ponti, der mit dem Palazzo Montecatini im scharfen Kontrast zur faschistischen Monumentalarchitektur stand und zum Vater der Mailänder Moderne wurde, gründete 1928 die heute noch führende Designzeitschrift "Domus".

Terragni schuf in den dreißiger Jahren in Como stilbildende Bauten des Rationalismus. Mit dem von Giovanni Muzio 1932 entworfenen Palazzo dell'Arte am Rande des Mailänder Parco Sempione bekam die Triennale für Handwerk, Design und Architektur einen sehenswerten Sitz. Außerdem besitzt die Triennale den Grundstock für ein zukünftiges Designmuseum mit Exponaten von Bellinis mythischer Olivetti-Schreibmaschine Lettera 35 bis zu Zanusos und Sappers Klappradio.

"Kunst verliebte sich in die Industrie"

Die Aufbauzeit nach dem Zweiten Weltkrieg, nachdem die Innenstadt Mailands zerstört worden war, gilt als eigentliche Geburtsstunde der Mode- und Designerstadt. Kultur und schöne Formen gingen eine beispiellose Symbiose ein. Als Erstes wurde in Rekordzeit die Scala wieder aufgebaut, Giorgio Strehler und Paolo Grassi gründeten das Piccolo Teatro, Vittorio de Sica drehte seinen neorealistischen Märchenfilm "Das Wunder von Mailand", und Michelangelo Antonioni nahm 1950 in "Chronik einer Liebe" bereits die Kritik an der Mailänder Gesellschaft vorweg, die in leeren Formen erstarrt und Kontaktlosigkeit mit Hyperaktivität überspielt.

Die "Kunst verliebte sich in die Industrie", schrieb Gio Ponti. Design wurde eine Form des Seins. Einrichtungshäuser wie Kartell übertrumpften bald die bis dahin führenden Skandinavier, mit Achille Castiglioni oder Ettore Sottsass verschaffte sich die erste Generation Mailänder Designer Weltgeltung. Ihr folgten Gae Aulenti, Mario Bellini oder Aldo Rossi. Mit dem IED, dem europäischen Designinstitut, entstand eine bedeutende Ausbildungsstätte Europas, an der heute Schüler aus 64 Ländern lernen. Inzwischen sind IED-Niederlassungen in Barcelona, Madrid, Rom und Turin gegründet worden.

Als dann das "Prêt-à-porter", Kleidung von der Stange, auch im öffentlichen Ansehen die "Haute Couture" verdrängte und die wechselnden Stile bestimmte, war es nur folgerichtig, dass Mailand in den Siebzigerjahren neben Paris, London und New York zur führenden Modestadt wuchs.

Die Modewochen im März wie im September bestätigen trotz aller Konjunkturschwankungen diese Spitzenstellung. Dann wird die Stadt von der internationalen Karawane der Models, Stilisten und Journalisten überfallen. Man reißt sich um Einladungen zu Armani oder Krizia, Trussardi oder Prada, Versace oder Ferré. Die In-Treffpunkte wie das Radetzky am Corso Garibaldi, das Corso Como 10 oder das Gran Café Fashion (Corso di Porta Ticinese) haben (fast) rund um die Uhr geöffnet.

Und die Boutiquen und Showrooms im sündhaft teuren Modeviertel hinter dem Dom spielen mit wechselnden Masken alle das gleiche Stück: Auftritt der neuen Kollektionen. Auf diesen Bühnen wird gezeigt, was die Welt ein halbes Jahr später trägt. Die Mode ist nicht nur ein bedeutender Wirtschaftszweig, mit der Scala, den Verdi-Opern und noch vor Leonardo gilt sie als "testimonial" für die Bekanntheit Mailands in der Welt und dafür, dass das Image einer grauen Industriestadt nun abgelegt ist.

Seltener Nebel in der Basilica Sant' Ambrogio

In alte Fabrikanlagen ziehen Unternehmen aus der Branche der schönen Formen. Armani hat sich hinter der Porta Genova von Tadao Ando ein eigenes "Theater" in ein ehemaliges Nestlé-Werk einpassen lassen. In der früheren Maschinenfabrik Ansaldo baut David Chipperfield eine ganze "Città delle Culture" (Eröffnung für 2008 geplant). Dieses Viertel rund um die Via Tortona entwickelt sich zum neuen Mode- und Designerzentrum. Auch in anderen Stadtteilen tut sich was: Hinter dem Lambrate-Bahnhof etwa, wo einst Lambretta-Scooter oder Faema-Espressomaschinen gefertigt wurden, haben der Architekturverlag Editrice Abitare oder Galeristen wie Massimo De Carlo einen weiteren Kulturpol geschaffen.

Mailand ist eine Stadt, die durch ihre Widersprüche Vorurteile geradezu anzieht. Zum Beispiel, dass es hier im Winter immer neblig ist. Längst haben Veränderungen des Binnenklimas dafür gesorgt, dass die Nebel weit vor den Stadtgrenzen Halt machen. Man muss schon Glück haben, wenn man an einem Novembermorgen durch den Vorhof der Basilica Sant' Ambrogio spaziert und Nebel sich ausbreitet.

Dann aber fühlt man sich plötzlich aller Zeiten enthoben. Romanische Kapitelle und Marmorsäulen, Mauerinschriften und Loggia verschwimmen zu schemenhaften Signaturen brüchiger Schönheit. Und man begreift: Die Moden von heute, der Verstand und das Gefühl für Formen und ästhetische Botschaften kommen von ganz weit her.

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