Malé, Hauptstadt der Malediven "Krempel die Ärmel hoch und pack an"

Weiße Strände, bunte Fische und üppig grünes Hinterland: Die Malediven sind bekannt für ihre traumhaft schönen Inseln. In der Hauptstadt zeigt sich die Republik im Indischen Ozean von einer ganz anderen Seite - als ein Land im Umbruch.

Alexandra Frank

Von Alexandra Frank


Ahmar blickt nach unten und seufzt. Wieder ist es ein Stück näher gerückt, das Gebäude unter seinem Balkon, das sich Stockwerk für Stockwerk in die Höhe schraubt. Das laute Klopfen eines Presslufthammers schallt zu ihm herauf, die Baufahrzeuge dröhnen, ein Betonmischer dreht eifrig Runde um Runde.

Bald werden er und seine Frau die Aussicht auf die maledivische Hauptstadt Malé nicht mehr genießen können. Den Blick auf die mächtigen Kronen der tropischen Banyanbäume, die den Sultan-Park säumen. Auf das Minarett der Freitagsmoschee, das sich in den wolkenlosen Himmel bohrt. Auf die pastellfarbenen Hochhäuser der Banken und Fluggesellschaften und auf die türkisen Wellen des Indischen Ozeans.

"Malé platzt aus allen Nähten", sagt Ahmar und schließt die Balkontür. "Jedes noch so kleine Fleckchen Erde wird zugebaut. Uns fehlt es einfach an Platz. Da müssen neue Lösungen her."

Ahmar Mohammed, ein schlanker 30-Jähriger mit dunklem Bart und dichtem Haarschopf, weiß, wovon er spricht. Er ist Urban Designer, ein Städtebauer mit Schwerpunkt auf nachhaltiger Stadt- und Gemeindeentwicklung. Er möchte die Stadt nicht zupflastern, sondern auch Raum für Kultur und Begegnung schaffen.

Nirgendwo sonst im Land merkt man so deutlich wie in Malé, dass in dem Inselstaat die Grenzen zwischen Tradition und Moderne langsam verschwimmen. Lange Zeit waren die Hotelinseln und die Eilande der Einheimischen strikt voneinander getrennt. Erst seit einigen Jahren entstehen außerhalb der Resorts private Gästehäuser für Individualurlauber. Und manche großen Hotels bieten Tagesausflüge in die Hauptstadt an, um Gästen einen Einblick in das Leben der Einheimischen zu ermöglichen.

Künstliche Insel für Malediver und Touristen

Seit mehr als 800 Jahren ist Malé das Zentrum der Malediven. Auf einer Fläche von nur 5,7 Quadratkilometern leben mittlerweile zwischen 120.000 und 150.000 Menschen in Malé. Kaum eine andere Stadt auf der Welt ist so dicht besiedelt.

Während die meisten anderen der knapp 1200 maledivischen Inseln mit weißen Traumstränden gesäumt und oftmals üppig grün bewachsen sind, schmiegen sich in Malé Apartmenthäuser, Bürokomplexe und Regierungsgebäude aneinander. Die Straßen sind verstopft, auf den Plätzen und in den wenigen Parks wimmelt es vor Menschen.

Mit allen Mitteln versucht die Regierung, den Platz auf der Insel zu erweitern: Mehr als ein Viertel der heutigen Inselfläche ist durch Landgewinnung entstanden, Nachbarinseln wurden zu Stadtgebiet deklariert, seit Jahren wird an der künstlich aufgeschütteten Insel Hulhumalé gearbeitet, die etwa drei Kilometer nordöstlich von Malé liegt. Bis zum Jahr 2020 soll hier Platz für bis zu 100.000 Menschen geschaffen werden.

Daran arbeitet auch Ahmar mit. Auf seinem Schreibtisch liegen die Pläne eines großen Freizeitkomplexes, den ein ausländischer Investor in Auftrag gegeben hat. Ein Stadion ist geplant, dazu ein Skatepark, Sportplätze und ein Café. Das Gelände soll frei und kostenlos für jedermann zugänglich sein, schwärmt der Architekt: für Malediver und Expats, für Einheimische und Touristen.

"Dies ist nicht mehr der Staat, der er einmal war", sagt er. Bei neuen städtebaulichen Maßnahmen sollte auch der Wandel der Gesellschaft berücksichtigt werden. Seit vor gut 40 Jahren der Tourismus einzog, sind Zehntausende Menschen aus Bangladesch, Sri Lanka und Indien ins Land gekommen. Sie arbeiten auf den Resortinseln, aber auch in Malé. Parallel zog es auch immer mehr Einheimische von den entfernten Atollen hierher, wo ihre Kinder die weiterführenden Schulen besuchen können.

Ahmar schließt die Haustür seiner Wohnung zu und steigt in den Aufzug. "Ich fände es schön", sagt er und drückt auf den Liftknopf, "wenn sich unsere Gesellschaft öffnet, einheimische Künstler sich entfalten können, Besucher uns und unser Land kennenlernen - auch abseits der touristischen Inseln." Noch sind allerdings in dem streng muslimischen Land andere Religionen verboten, zurzeit befindet es sich in einer politischen Krise.

Unterstützung für Künstler

Auf der Straße schlägt ihm die Mittagshitze entgegen. Eine Gruppe Kinder in Schuluniformen rennt vorbei, dahinter ein paar junge Frauen in T-Shirt und engen Jeans, ohne Kopftücher wie die Frauen auf den anderen Inseln. Vor der alten Hukuru-Miskiiy-Moschee stehen zwei Touristen und bewundern die mit arabischen Schriftzeichen verzierten Grabsteine.

Mit schnellen Schritten schreitet Ahmar durch den Sultan-Park. Ein klotziger Neubau ist hier der neue Sitz des Nationalmuseums. Zuvor war die Sammlung in einem Gebäude des ehemaligen Sultanspalasts untergebracht, einem hübschen weißen Haus gleich gegenüber. Das Gebäude steht leer. "Dabei", sagt der Städtebauer, "wäre das doch der perfekte Ort für ein Begegnungszentrum oder Café, in dem Künstler ihre Werke ausstellen und Musiker auftreten könnten."

Dass die meisten Künstler von ihrer kreativen Arbeit allein nicht leben können, weiß Ahmar aus eigener Erfahrung. Seit mehr als zwölf Jahren arbeitet er als Songwriter und kennt die Musikszene der Malediven gut. "Geld verdienen können Künstler bislang nur im Ausland oder in den Tourismusresorts", sagt er. Auch daran möchte er etwas ändern, etwa indem er mit seiner Firma sechs Newcomer-Bands unterstützt. Aber auch, in dem er mitmacht bei der Gestaltung seiner Heimatstadt.

Vor einer Baustelle, ein paar Straßenecken vom Park entfernt, bleibt er stehen, sie ist sein Projekt: Das Gebäude, das hier entstehen soll, ein mehrstöckiges Haus mit begrünter Fassade, soll nicht nur Wohnungen, sondern auch eine Ausstellungsfläche für Künstler beherbergen. Eine Galerie mit wechselnden Ausstellungen, dazu ein kleines Café.

Ahmar blickt auf die Baustelle und fängt leise an zu summen. Ein Lied, das er selber geschrieben hat. Es heißt "350", eine Anspielung darauf, dass 350 Teilchen pro Million laut vieler Klimaexperten die noch sichere Obergrenze der CO2-Konzentration in unserer Atmosphäre sind.

Der Text des Songs handelt von der geografischen Lage der Malediven, vom Klimawandel und von Verantwortung, aber auch von Aufbruch und Engagement. "Krempel die Ärmel hoch und pack an", heißt es im Refrain, "denn du prägst die Geschichte der nächsten Generation."

Ahmar hat sich diese Zeilen zu Herzen genommen.

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