Marrakesch Oasen in der Königstadt

Farbenprächtige Souks und quirliger Gauklermarkt, aber auch graue Fabriken und Mietskasernen: In der alten Königsstadt Marrakesch ist der Zauber des Orients noch zu spüren - auch in der Koranschule Ben Youssef.


Marrakesch - Zu Afrikas aufregendsten Städten gehörte Marrakesch schon immer - und für manche Besucher ist sie auch die schönste. Gut 150 Kilometer sind es bis zum Atlantik und nicht einmal 50 bis zum Hohen Atlas. Für die Karawanen, die in früheren Jahrhunderten aus der Sahara im Süden in die alte Königsstadt kamen, war sie nach Wochen der Entbehrung wie eine Offenbarung. Und ein bisschen geht das Touristen auch heute noch so, die durch die karge Landschaft im Süden Marokkos nach Marrakesch reisen - in eine Stadt mit vielen Gesichtern, von denen die berühmte Medina nur eines ist.

Auf dem Land sehen junge Marokkaner, gerade die Berber im Süden, oft keine Zukunft mehr - und wenn man die Dörfer sieht, kann man das gut verstehen: Dürre Bäumchen stehen am Rande trockener Felder, auf denen Steine von der Größe eines Fußballs liegen. Bauern pflügen den rissigen Boden mühsam mit dem Esel. Viele Häuser in den Dörfern sind unscheinbare Lehmklötze mit Flachdach und ramponierten Fensterläden aus Holz.

Ein Hirte treibt eine Herde kleiner schwarzer Ziegen durch eine Gasse in Richtung Horizont. Touristen mögen solche Szenen als Fotomotiv, der Regierung bereiten sie Kopfzerbrechen: Landwirtschaft war jahrhundertelang der dominierende Wirtschaftszweig im Süden Marokkos, aber Schafe und Ziegen ernähren die wachsende Bevölkerung nicht mehr. Immer mehr Jüngere zieht es in die Städte wie Casablanca, Marokkos Boomtown in einem Großraum mit sechs Millionen Menschen.

Keine Spur von 1001 Nacht

Auch Marrakesch, nach Agadir das zweitwichtigste Tourismusziel des Landes, zählt schon mehr als 900.000 Einwohner, und die Tendenz ist steigend. Noch vor dem Stadtrand liegt eine große Zementfabrik: Leitungen, Rohre, ein Förderband, mehrere Türme und ein Schornstein, aus dem dicke Schwaden weißen Rauchs quellen - hier ist keine Spur von 1001 Nacht. Die Flachdächer der Mietskasernen sind bestückt mit einer Armada von Satellitenschüsseln. An einer Straßenecke steht ein McDonald's-Restaurant, an der nächsten Pizza Hut.

Marrakesch ist das Zentrum des Südens, auch in wirtschaftlicher Hinsicht, was nicht heißt, dass es keine Armut gibt: Am Straßenrand sitzen Tagelöhner, einfach gekleidete Männer, von denen sich einige in ihre Karren gequetscht haben. Sie warten auf Aufträge als Transporteur von Waren, die in die Stadt gebracht werden sollen.

Viele Frauen in den Straßen tragen bodenlange Kleidung, manche sind verschleiert. Eine Mutter hat ihr Baby in einem weißen Tuch vor die Brust gebunden, nur ein nackter Fuß guckt heraus. Auf der Straße knattert ein Mofa nach dem anderen vorbei, oft mit zwei Leuten auf dem Sitz, von denen keiner einen Helm trägt. Ein Händler hat zwei überdimensionale Körbe links und rechts des Lenkrads gehängt. Auf dem Bürgersteig sitzt ein Schuhputzer. All das ist Marrakesch, aber auch Zitronenfelder gibt es, Plantagen mit Weintrauben und Tausende von Olivenbäumen.

Berühmt ist Marrakesch vor allem für die Medina genannte Altstadt und für die Souks, die größten in ganz Marokko. In den Gängen des Marktes ist es fast immer voll, manchmal laut und immer lebendig. Ein Hahn läuft hektisch vor einem der Stände vorbei, an dem Spiegel, Messingkannen und Hängelampen verkauft werden. Nur ein paar Schritte weiter ist Gemüsemarkt. Ein anderer Händler verkauft Schnecken aus randvollen Schüsseln. Daneben steht ein Käfig mit Haustieren der etwas anderen Art - Schildkröten etwa und ein Chamäleon. Stände mit Keramik reihen aneinander, Schüsseln und Schalen aller Größen in leuchtenden Farben von Rot bis Tiefgrün. Ein Handwerker verkauft Blasebälge, ein anderer hämmert Messing in Form.

Touristenfalle Gauklermarkt

Wer sich durch den Souk treiben lässt, landet über kurz oder lang am Djemaa al-Fna, dem buntesten, quirligsten und irrsten Platz Nordafrikas. In früheren Jahrhunderten wurden hier die Köpfe der Hingerichteten auf Pfählen zur Schau gestellt. Heute ist der Djemaa al-Fna Bühne, Basar und Touristenfalle. Denn der "Platz der Gaukler" ist auch ein Platz der Gauner: Für jedes Foto und für jede Liveshow muss bezahlt werden. Die Affendresseure legen auf prompte Barzahlung genauso Wert wie die Schlangenbeschwörer und Wasserträger. Deren Haupteinkommen sind längst die Touristen.

Vom "Platz der Gaukler" aus ist das Wahrzeichen der Stadt, das Minarett der Koutoubia-Moschee, schon zu sehen. Noch bekannter aber ist die Medersa Ben Youssef im Norden der Altstadt, die anders als die Koutoubia-Moschee auch von Nicht-Moslems besichtigt werden darf.

Jahrhundertelang war sie die größte und schönste Medersa der Maghreb-Länder, eine Mischung aus Gotteshaus und höherer Schule für islamisches Recht und Theologie. Von außen wirkt sie unscheinbar - und umso eindrucksvoller von innen: Ein Wasserbecken steht im Zentrum des Innenhofes. Die hohen Wände, die ihn abschließen, sind dekoriert mit Stuck aus Gips und Marmor und mit Kalligrafie oder floralen und geometrischen Mustern überdeckt.

Nur Lebewesen sind nicht zu sehen - deren Darstellung verbietet der Islam. Bis 1960 wurden hier junge Männer unterrichtet. Ihre Zimmer sind noch zu sehen: Drei Personen teilten sich oft kaum zehn Quadratmeter.

Grüne Oase von Yves Saint Laurent

Noch einmal eine ganz andere Seite Marrakeschs zeigt sich im Jardin Majorelle. Jacques Majorelle war ein Franzose mit einem Faible für Marokko und einem Händchen für Gartenarchitektur. Er kaufte das Gelände in den zwanziger Jahren. Seit 1947 ist sein Garten öffentlich zugänglich. Eine Zeit lang gehörte die grüne Oase dem Modeschöpfer Yves Saint Laurent, der dafür sorgte, dass sie nicht in Vergessenheit geriet - zum Glück für die vielen Touristen, die heute durch die schmalen Wege laufen.

Grün dominiert im Jardin Majorelle ganz deutlich, abgesehen von den Blumenkübeln, die in Gelb und verschiedenen Blautönen gestrichen sind, sowie dem Museumsgebäude in Tiefblau. Es gibt ein kleines Museum für marokkanische Kunst, und ein Café versteckt sich in einem ausgesprochen schönen Innenhof. An einem Teich mit zahllosen Seerosen lassen sich Schildkröten beobachten.

Ein Märchen aus 1001 Nacht ist auch der Jardin Majorelle nicht wirklich - aber er kommt ihm schon ziemlich nahe.

Von Andreas Heimann, dpa



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