Fast Food auf Indisch Hot, hot, hot!

McDonald's, Kentucky Fried Chicken, Pizza Hut: Internationale Fast-Food-Ketten haben den indischen Markt erobert. Doch Indien-Reisende, die auf die vertrauten Burger hoffen, sollten aufpassen: Die Menüs dort sind ... gefährlich.

REUTERS

Von , Neu-Delhi


Wer erwachsene indische Männer weinen sehen will, kann zum Beispiel ins Kentucky-Fried-Chicken-Schnellrestaurant am Connaught Place in Neu-Delhi gehen. Draußen tost der Großstadtverkehr um den gigantischen Verkehrskreisel, den die britischen Kolonialherren zurückgelassen haben. Drinnen sitzt Fahrer Vicky und kämpft mit den Tränen.

Vicky ist ein gestandener Mann, 34 Jahre alt, ein stolzer Sikh aus dem Punjab, Familienvater und Bodybuilding-Fan. Seine Pranken sind riesig. Wenn er sich damit die Augen wischt, wirkt das seltsam unproportional.

Vicky hat gerade in eine "Flaming Crunch"-Hähnchenkeule gebissen. Dieses Folterinstrument wird am Tresen paarweise abgeben, für 155 Rupien (2,20 Euro) je zwei Stück. "Made with the worlds spiciest chili" steht auf der Menükarte über der Kasse.

Man könnte das als Warnung verstehen. Doch Inder wie Vicky scheinen ob dem Versprechen von Höllenqualen geradezu angestachelt. Der Hinweis, dass die verwendete Schote Bhut Jolokia über eine Million Punkte auf der Schärfe messenden Scoville Heat Unit Skala verzeichnet, scheint sportlichen Ehrgeiz zu wecken.

Repräsentanten von KFC Indien sagten der "Economic Times", dass "Flaming Crunch" eins der meistverkauften Gerichte ist. Demnach hat sich der Verkauf von panierten Hähnchenschenkeln seit der Einführung des "Flammenden Knuspers" im Dezember verdreifacht. Auch Vicky isst seine mit giftig-orangefarbenem Chilipulver bestäubten Keulen auf. "Sehr scharf, sehr gut", lobt er, leicht verheult.

Westliches Fast Food ist zu fade

Dass Inder gern scharf essen, ist bekannt: Wie scharf genau, das haben westliche Fast-Food-Ketten, die auf Indiens 1,2 Milliarden Menschen großen Markt drängen, erst mühsam herausfinden müssen. 1996 eröffneten McDonald's, Domino's, Kentucky Fried Chicken und Pizza Hut ihre ersten Imbisse in Indien - ohne großen Erfolg. Die Inder, wenngleich neugierig auf die internationale Kost, konnten dem für ihren Geschmack faden Fraß nichts abgewinnen.

Erschwerend kam hinzu, dass Rindfleischkonsum im Land der heiligen Kühe strikt verboten ist: Burger gibt es in Indien allenfalls mit Büffelfleisch. Zudem sind die Hälfte der Inder Vegetarier. Wenn Burgerschmieden und Hähnchenbrater da punkten wollten, mussten sie ihr fleischlastiges Angebot Richtung Gemüse erweitern.

"Natürlich haben wir die Herzstücke unseres Menüs beibehalten", sagt der Chef der Abteilung Qualitätssicherung bei McDonald's am Connaught Place. Pommes frites und paniertes Huhn würden von jedem McDonald's rund um den Globus angeboten. Das wüssten vor allem die Ausländer zu schätzen. "Wir haben hier immer viele Touristen, die sich wie verhungert auf die Sachen stürzen, die sie von zu Hause kennen", sagt der Manager.

Wenn er sie anspreche, erzählten viele, dass sie nach wochenlangen Reisen mit ausschließlich indischer Kost die Nase voll hätten von den vielen Gewürzen. "Viele haben auch Magenprobleme", sagt der McDonald's-Mann. Auch die Tatsache, dass sein Laden ein sauberes Klo habe, sei ein Magnet für ausländisches Publikum.

Selbst McDonald's erzielt in Indien etwa 70 Prozent seines Umsatzes mit fleischloser Ware. Größter Hit: der McSpicy mit "100% Paneer Passion". Paneer ist der schnittfeste Frischkäse, den die Inder lieben. Zwischen zwei Brötchenhälften gesteckt und höllisch scharf paniert, versöhnt er den südasiatischen Geschmack mit westlicher Esssitte.

Mangosaft mit Chili

Die Verrenkungen der internationalen Ketten dürften sich lohnen: Die Fast-Food-Industrie in Indien gilt als Branche mit extremen Wachstumschancen. Die örtliche Beraterfirma Technopak schätzt, dass das jetzige Marktvolumen von knapp einer Milliarde Euro in den kommenden fünf Jahren auf bis zu 3,5 Milliarden Euro Umsatz im Jahr ansteigen wird.

Der Versuch, sich den lokalen Gepflogenheiten anzupassen, kann allerdings auch seltsame Ergebnisse hervorbringen. Seit Anfang Dezember bietet Pizza Hut in Indien "Birizza" an, eine Fusion aus dem Reiseintopf Biryani und Pizza. Dazu wird eine Schale mit dem Reisallerlei mit einem Deckel aus Pizzateig verschlossen und dann gebacken.

Der Gast klopft den essbaren Deckel auf und löffelt den Inhalt mit einer - logo - teuflisch scharfen Soße zusammen aus. Auch bei den Getränken geht es bei Pizza Hut experimentell daher. Die Limonade wird mit der indischen Gewürzmischung Masala versetzt serviert. Und im Mangosaft schwimmt - was wohl? - eine Chilischote.



insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
mibigan@web.de 07.02.2015
1. Wird Zeit für Indische Wochen bei McD,
hoffentlich in Originalschärfe!
Phallus_Dei 07.02.2015
2.
"Vicky" wird wohl kaum "leicht verheult" ausgesehen haben und "erwachsene indische Männer weinen" auch nicht beim Essen. Bhut Jolokia aka Bih Jolokia wirkt durchblutungsfördernd und regt die Schleimhäute zur Sekretion an, das hat nichts mit Weinen und Heulen zu tun.
larsomat 07.02.2015
3. ...
Ich war schon häufiger in Indien, und das indische Fast Food schmeckt mir wesentlich besser als das europäische. Das ist nämlich tatsächlich "zu fad". Allerdings ist das Streetfood nochmal um viele Klassen besser. Eine ganz andere Liga!
Gerdabduldieda 07.02.2015
4. Ein Grund für den McDonald´s-besuch
wird im Artikel genannt: Die sauberen Toiletten. Ich gehe häufig zu McDonalds - eben deswegen. Gekauft habe ich dort noch nie etwas.
dent42 07.02.2015
5.
Die Bhut Jolokai ist aktuell nur noch Nr. 7 im Schaerfe-Ranking. Führend ist die "Carolina Reaper" mit Über 2 Mio Scoville.
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