Megacity São Paulo Moloch mit Musik

Von Martin Cyris

2. Teil: Versteckte Schönheit - wo die Einheimischen das Leben genießen


Um São Paulo besser zu verstehen und die schönen Seiten zu entdecken, begibt man sich am besten an die Lieblingsorte der Einheimischen. Nordöstlich von der Avenida Paulista etwa zweigen zwei Straßen ab, die an das Londoner Soho erinnern: Die Rua Augusta und die Rua Frei Caneca. Die beiden ausgedehnten Straßen sind ein beliebtes Ausgeh- und Einkaufsviertel bei den jungen Paulistas.

Hier geht es urban und doch lebensecht zu: Trendige Cafés wechseln sich mit Waschsalons und Autowerkstätten ab. Auf Straßenmärkten werden exotische Früchte feilgeboten. Lauthals, versteht sich. In Second-Hand-Plattenläden kann man sich für wenig Geld mit Musik eindecken und anschließend in einer der vielen Lanchonetes – die brasilianische Variante eines Schnellrestaurants – seinen Hunger stillen.

Ein anderes beliebtes Quartier sind die Straßen um die Praça Benedito Calixto im Stadtteil Pinheiros. Hier findet jeden Samstag der beliebte Flohmarkt statt. Schon einige hundert Meter vor dem Platz beginnt das Gewimmel und Gewusel. Die Musik aus den umliegenden Bars konkurriert mit den hupenden Autos um die Wette, die es hier schwer haben, sich einen Weg durch die Menschen zu bahnen.

Aus der Mitte der Praça klingt Live-Musik. Sie wirkt etwas gegen den Strich gebürstet, und doch vertraut und schön. Die Band Canário e seu Regional zupft hier die Saiten, zwischen gebrauchten Schallplatten und abgegriffenen Büchern. Es sind in der Überzahl Senioren, die hier seit vielen Jahren musizieren. Ihr Stil: Chorinho, eine gewagte Mixtur aus europäischen Einflüssen wie Walzer und Polka sowie afrikanischen Rhythmen. Die Altherrencombo ist ein echter Magnet. Zumeist junge Menschen lassen sich davon berieseln, während sie am obligatorischen Rindfleischspieß nagen.

Über das Publikumsinteresse freut sich Gonçalo. Er betreibt einen Imbiss direkt neben der provisorischen Bühne der Canários. Trotz des Andrangs findet Gonçalo Zeit für einen Plausch. "Ich liebe São Paulo", sagt er auf die Frage zu seinem Verhältnis zur Stadt. Was er von deren schlechten Image hält? "Daran sind nur die Cariocas, die Leute aus Rio schuld, weil sie schlecht über uns reden," sagt Gonçalo und grinst über beide Backen. Die Rivalität zwischen beiden Städten ist geradezu ein Volkssport.

Vila Madá, Treffpunkt der Kreativen

Im Vergleich spricht der Aspekt Sicherheit übrigens tatsächlich für São Paulo. Das klingt absurd angesichts der hohen Kriminalitätsrate. Es gibt Stadtteile im Süden, in denen auf 100.000 Bewohner über 160 Morde kommen. Doch im Zentrum gilt São Paulo als relativ sicher. Das hat einen simplen Grund: Die unsicheren Favelas liegen weit außerhalb am Stadtrand. In Rio de Janeiro sind sie hingegen über die ganze Stadt verstreut – und bieten Gelegenheitskriminellen auf der Flucht schnellen Unterschlupf.

Den suchen viele Paulistas zu späterer Stunde ein paar Straßenzüge vom Flohmarkt entfernt: In Vila Madalena reihen sich Dutzende Cafés und Bars und aneinander. In einigen läuft Livemusik. Spätestens seit hier Caetano Veloso in den sechziger Jahren seine Musikerclique um sich scharte, ist "Vila Madá" der Treffpunkt der Kreativen und Bohémians.

Am meisten spielt sich in der quirligen Rua Aspicuelta ab. In vielen Bars ist ein Hauch des alten São Paulo erhalten geblieben, etwa im "Salve Jorge". Auf altem Intérieur und zwischen bunt gekachelten Wänden und alten Fotografien schlürfen Nachteulen ihre Drinks. Über allem wacht ein schwerer Kronleuchter. Draußen flimmert eine Riesenleinwand und überträgt Fußball.

Dieser spielt wie überall in Brasilien auch in São Paulo eine große Rolle. Und doch bietet sich für die männlichen Nachtschwärmer reichlich Anlass, die Augen regelmäßig von den Fußballerbeinen abzuwenden. Es sind zwar nicht die Girls von Ipanema, die hier mit elegantem Hüftschwüng vorbeiflanieren – doch in São Paulo braucht es keine knappen Bikinis, um sich zu verlieben.



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