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29. Oktober 2008, 11:33 Uhr

Megacity São Paulo

Moloch mit Musik

Von Martin Cyris

Brasiliens Elf-Millionen-Stadt São Paulo gilt als hässlich und gefährlich und ist selten Ziel von Touristen. Doch inmitten der grauen Betonbauten gibt es auch Oasen: zum Beispiel quirlige Ausgehviertel. Oder Flohmärkte mit klampfenden Altherrenbands.

Matheus steckt in ernsten Schwierigkeiten. Eine gegnerische Meute hat ihn eingezingelt. Hinter ihm geht’s nicht weiter. Nach links ausweichen? Ausgeschlossen. Ein bulliger Turm versperrt ihm den Weg. Nach vorne ausbrechen? Hoffnungslos. Hier sind die Reihen der Figuren, die ihn bedrohen, undurchdringlich. Ob es vielleicht auf der rechten Seite noch ein kleines Schlupfloch gibt? Matheus blickt zur Seite und atmet nervös durch.

Luís, der Kopf der schwarzen Bande, grinst im sicheren Gefühl des Triumphs. Er hat Matheus am Wickel. Denn von Matheus’ weißen Schachfiguren sind nicht mehr viele übrig. Sein König ist so gut wie matt. Gedankenversunken analysiert Matheus die schier ausweglose Situation – und lässt sich nicht weiter davon stören, dass der Klapptisch, auf dem sein Schachspiel aufgebaut ist, einen Fußgängerstau verursacht. Denn Matheus und Luís tragen ihr Duell auf einem stark besuchten Flohmarkt aus. Mitten auf einem der ohnehin engen Wege des Benedito-Calixto-Platzes. An ihnen vorbei zwängen sich die Massen.

Mancher Passant blickt auf die Spieler. Doch nicht, um den Grund des Staus zu verwünschen, sondern aus Neugier. Das bisschen Gedränge verdirbt hier keinem die Laune. Viele nagen im Vorübergehen an einem Fleischspießchen, lassen sich eine frittierte Teigtasche mit Palmherzenfüllung schmecken oder saugen an einem dicken Strohhalm, der in einer Kokosnuss steckt.

Es ist Samstag Nachmittag in São Paulo – und die Ausgelassenheit der Paulistas, wie sich die Einwohner nennen, steigt spürbar an. Das ist durchaus eine Erwähnung wert. Denn anders als in vielen südamerikanischen Metropolen prägen an fünfeinhalb Tagen in der Woche Fleiß und Arbeit den Charakter der brasilianischen Elf-Millionen-Stadt. Sie ist Finanz- und Wirtschaftszentrum. Gemeinsam mit dem Ballungsraum kommt São Paulo auf rund 20 Millionen Einwohner. Es ist damit die größte Stadt der Südhalbkugel. Strebsamkeit hat hier Tradition, denn São Paulo erlebte viele Aufschwünge. Der Handel mit Tee, Kaffee, Zuckerrohr und Baumwolle brachte Wohlstand in die Stadt – und Millionen von Einwanderern.

Latte macchiato auf Brasilianisch

Was könnte den Ehrgeiz São Paulos besser symbolisieren als die Tatsache, dass das Herz dieser Stadt in einer Banken- und Versicherungsmeile schlägt: der Avenida Paulista. In dieser gesichtslosen Hochhausschlucht reihen sich auf drei Kilometern Länge Büros und Einkaufsmalls aneinander. Die Avenida Paulista ist kein Prachtboulevard, aber sie ist relativ ungefährlich. Gerade für Touristen, die den verheerenden Ruf São Paulos im Hinterkopf haben, ist sie ein willkommener Fixpunkt.

Hier kann man São Paulo beschnuppern, sich mit dem Moloch vertraut machen. Denn auf der Avenida Paulista kommt europäischen Touristen manches vertraut vor: Die Auslagen in den Schaufenstern, die hygienischen Verhältnisse in den Imbissen, der cremige Milchschaum auf der Latte macchiato – ein beliebter Importschlager aus Europa.

Wenige Kilometer abseits dagegen mag diese unüberschaubare Megacity völlig abschrecken. Nervenzehrender Verkehr, eine endlose Betonskyline, verpestete Luft. In São Paulo, so lästern etwa die Bewohner von Rio de Janeiro, der verfeindeten Nachbarmetropole, könne man die Luft, die man einatmet, mit bloßem Auge sehen.

Aber noch schlimmer: São Paulo hat keine Sehenswürdigkeiten von Rang. Keinen weltberühmten Strand wie Rio de Janeiro. Ihr fehlt die sympathische Sentimentalität von Buenos Aires oder der lässige Rhythmus von Havanna – weshalb viele Städtetouristen einen Bogen um São Paulo machen.

Schade eigentlich, denn Sampa – so die Kurzform – ist eine pulsierende Metropole. Design- und Modetrends werden vielfach hier gesetzt, obwohl oberflächlich betrachtet wenig ästhetisches Verständnis in dieser Stadt zu stecken scheint. In seinem Song "Sampa" hat der berühmte brasilianische Musiker Caetano Veloso die verstörende Anziehungskraft von São Paulo vertont: "Als ich hier ankam, habe ich nichts verstanden", singt Veloso.

Versteckte Schönheit - wo die Einheimischen das Leben genießen

Um São Paulo besser zu verstehen und die schönen Seiten zu entdecken, begibt man sich am besten an die Lieblingsorte der Einheimischen. Nordöstlich von der Avenida Paulista etwa zweigen zwei Straßen ab, die an das Londoner Soho erinnern: Die Rua Augusta und die Rua Frei Caneca. Die beiden ausgedehnten Straßen sind ein beliebtes Ausgeh- und Einkaufsviertel bei den jungen Paulistas.

Hier geht es urban und doch lebensecht zu: Trendige Cafés wechseln sich mit Waschsalons und Autowerkstätten ab. Auf Straßenmärkten werden exotische Früchte feilgeboten. Lauthals, versteht sich. In Second-Hand-Plattenläden kann man sich für wenig Geld mit Musik eindecken und anschließend in einer der vielen Lanchonetes – die brasilianische Variante eines Schnellrestaurants – seinen Hunger stillen.

Ein anderes beliebtes Quartier sind die Straßen um die Praça Benedito Calixto im Stadtteil Pinheiros. Hier findet jeden Samstag der beliebte Flohmarkt statt. Schon einige hundert Meter vor dem Platz beginnt das Gewimmel und Gewusel. Die Musik aus den umliegenden Bars konkurriert mit den hupenden Autos um die Wette, die es hier schwer haben, sich einen Weg durch die Menschen zu bahnen.

Aus der Mitte der Praça klingt Live-Musik. Sie wirkt etwas gegen den Strich gebürstet, und doch vertraut und schön. Die Band Canário e seu Regional zupft hier die Saiten, zwischen gebrauchten Schallplatten und abgegriffenen Büchern. Es sind in der Überzahl Senioren, die hier seit vielen Jahren musizieren. Ihr Stil: Chorinho, eine gewagte Mixtur aus europäischen Einflüssen wie Walzer und Polka sowie afrikanischen Rhythmen. Die Altherrencombo ist ein echter Magnet. Zumeist junge Menschen lassen sich davon berieseln, während sie am obligatorischen Rindfleischspieß nagen.

Über das Publikumsinteresse freut sich Gonçalo. Er betreibt einen Imbiss direkt neben der provisorischen Bühne der Canários. Trotz des Andrangs findet Gonçalo Zeit für einen Plausch. "Ich liebe São Paulo", sagt er auf die Frage zu seinem Verhältnis zur Stadt. Was er von deren schlechten Image hält? "Daran sind nur die Cariocas, die Leute aus Rio schuld, weil sie schlecht über uns reden," sagt Gonçalo und grinst über beide Backen. Die Rivalität zwischen beiden Städten ist geradezu ein Volkssport.

Vila Madá, Treffpunkt der Kreativen

Im Vergleich spricht der Aspekt Sicherheit übrigens tatsächlich für São Paulo. Das klingt absurd angesichts der hohen Kriminalitätsrate. Es gibt Stadtteile im Süden, in denen auf 100.000 Bewohner über 160 Morde kommen. Doch im Zentrum gilt São Paulo als relativ sicher. Das hat einen simplen Grund: Die unsicheren Favelas liegen weit außerhalb am Stadtrand. In Rio de Janeiro sind sie hingegen über die ganze Stadt verstreut – und bieten Gelegenheitskriminellen auf der Flucht schnellen Unterschlupf.

Den suchen viele Paulistas zu späterer Stunde ein paar Straßenzüge vom Flohmarkt entfernt: In Vila Madalena reihen sich Dutzende Cafés und Bars und aneinander. In einigen läuft Livemusik. Spätestens seit hier Caetano Veloso in den sechziger Jahren seine Musikerclique um sich scharte, ist "Vila Madá" der Treffpunkt der Kreativen und Bohémians.

Am meisten spielt sich in der quirligen Rua Aspicuelta ab. In vielen Bars ist ein Hauch des alten São Paulo erhalten geblieben, etwa im "Salve Jorge". Auf altem Intérieur und zwischen bunt gekachelten Wänden und alten Fotografien schlürfen Nachteulen ihre Drinks. Über allem wacht ein schwerer Kronleuchter. Draußen flimmert eine Riesenleinwand und überträgt Fußball.

Dieser spielt wie überall in Brasilien auch in São Paulo eine große Rolle. Und doch bietet sich für die männlichen Nachtschwärmer reichlich Anlass, die Augen regelmäßig von den Fußballerbeinen abzuwenden. Es sind zwar nicht die Girls von Ipanema, die hier mit elegantem Hüftschwüng vorbeiflanieren – doch in São Paulo braucht es keine knappen Bikinis, um sich zu verlieben.

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