Megacity São Paulo Moloch mit Musik

Brasiliens Elf-Millionen-Stadt São Paulo gilt als hässlich und gefährlich und ist selten Ziel von Touristen. Doch inmitten der grauen Betonbauten gibt es auch Oasen: zum Beispiel quirlige Ausgehviertel. Oder Flohmärkte mit klampfenden Altherrenbands.

Von Martin Cyris


Matheus steckt in ernsten Schwierigkeiten. Eine gegnerische Meute hat ihn eingezingelt. Hinter ihm geht’s nicht weiter. Nach links ausweichen? Ausgeschlossen. Ein bulliger Turm versperrt ihm den Weg. Nach vorne ausbrechen? Hoffnungslos. Hier sind die Reihen der Figuren, die ihn bedrohen, undurchdringlich. Ob es vielleicht auf der rechten Seite noch ein kleines Schlupfloch gibt? Matheus blickt zur Seite und atmet nervös durch.

Luís, der Kopf der schwarzen Bande, grinst im sicheren Gefühl des Triumphs. Er hat Matheus am Wickel. Denn von Matheus’ weißen Schachfiguren sind nicht mehr viele übrig. Sein König ist so gut wie matt. Gedankenversunken analysiert Matheus die schier ausweglose Situation – und lässt sich nicht weiter davon stören, dass der Klapptisch, auf dem sein Schachspiel aufgebaut ist, einen Fußgängerstau verursacht. Denn Matheus und Luís tragen ihr Duell auf einem stark besuchten Flohmarkt aus. Mitten auf einem der ohnehin engen Wege des Benedito-Calixto-Platzes. An ihnen vorbei zwängen sich die Massen.

Mancher Passant blickt auf die Spieler. Doch nicht, um den Grund des Staus zu verwünschen, sondern aus Neugier. Das bisschen Gedränge verdirbt hier keinem die Laune. Viele nagen im Vorübergehen an einem Fleischspießchen, lassen sich eine frittierte Teigtasche mit Palmherzenfüllung schmecken oder saugen an einem dicken Strohhalm, der in einer Kokosnuss steckt.

Es ist Samstag Nachmittag in São Paulo – und die Ausgelassenheit der Paulistas, wie sich die Einwohner nennen, steigt spürbar an. Das ist durchaus eine Erwähnung wert. Denn anders als in vielen südamerikanischen Metropolen prägen an fünfeinhalb Tagen in der Woche Fleiß und Arbeit den Charakter der brasilianischen Elf-Millionen-Stadt. Sie ist Finanz- und Wirtschaftszentrum. Gemeinsam mit dem Ballungsraum kommt São Paulo auf rund 20 Millionen Einwohner. Es ist damit die größte Stadt der Südhalbkugel. Strebsamkeit hat hier Tradition, denn São Paulo erlebte viele Aufschwünge. Der Handel mit Tee, Kaffee, Zuckerrohr und Baumwolle brachte Wohlstand in die Stadt – und Millionen von Einwanderern.

Latte macchiato auf Brasilianisch

Was könnte den Ehrgeiz São Paulos besser symbolisieren als die Tatsache, dass das Herz dieser Stadt in einer Banken- und Versicherungsmeile schlägt: der Avenida Paulista. In dieser gesichtslosen Hochhausschlucht reihen sich auf drei Kilometern Länge Büros und Einkaufsmalls aneinander. Die Avenida Paulista ist kein Prachtboulevard, aber sie ist relativ ungefährlich. Gerade für Touristen, die den verheerenden Ruf São Paulos im Hinterkopf haben, ist sie ein willkommener Fixpunkt.

Hier kann man São Paulo beschnuppern, sich mit dem Moloch vertraut machen. Denn auf der Avenida Paulista kommt europäischen Touristen manches vertraut vor: Die Auslagen in den Schaufenstern, die hygienischen Verhältnisse in den Imbissen, der cremige Milchschaum auf der Latte macchiato – ein beliebter Importschlager aus Europa.

Wenige Kilometer abseits dagegen mag diese unüberschaubare Megacity völlig abschrecken. Nervenzehrender Verkehr, eine endlose Betonskyline, verpestete Luft. In São Paulo, so lästern etwa die Bewohner von Rio de Janeiro, der verfeindeten Nachbarmetropole, könne man die Luft, die man einatmet, mit bloßem Auge sehen.

Aber noch schlimmer: São Paulo hat keine Sehenswürdigkeiten von Rang. Keinen weltberühmten Strand wie Rio de Janeiro. Ihr fehlt die sympathische Sentimentalität von Buenos Aires oder der lässige Rhythmus von Havanna – weshalb viele Städtetouristen einen Bogen um São Paulo machen.

Schade eigentlich, denn Sampa – so die Kurzform – ist eine pulsierende Metropole. Design- und Modetrends werden vielfach hier gesetzt, obwohl oberflächlich betrachtet wenig ästhetisches Verständnis in dieser Stadt zu stecken scheint. In seinem Song "Sampa" hat der berühmte brasilianische Musiker Caetano Veloso die verstörende Anziehungskraft von São Paulo vertont: "Als ich hier ankam, habe ich nichts verstanden", singt Veloso.



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