Mein Lieblingswinterziel Hamburg, Eisknacken auf der Elbe

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Es rauscht, raschelt, zischt. Die "Elbmeile" stemmt sich gegen Eisschollen, drückt sie beiseite, streift an ihnen vorbei. Mühsamer als sonst ist die Hadag-Fähre heute auf der Elbe unterwegs, bei klarem blauem Himmel und minus zehn Grad Celsius.

An der Haltestelle Altonaer Fischmarkt gelingt es ihr nur durch ein geschicktes Manöver, anzulegen, das kostet ein paar Minuten. Vor und zurück, vor und zurück bewegt der Schiffsführer die Fähre. Das Schlubbereis, wie die Eissuppe in Hamburg genannt wird, muss weggeschwemmt werden. Es darf sich nicht zwischen Schiff und Kai auftürmen und das Anlegen blockieren. Die Gangway senkt sich. Der Steg zur Fischauktionshalle ist glatt, die Menschen klammern sich an das eiserne Geländer.

Einen Urlaubstag mitten in der Woche habe ich mir genommen, für einen Winterausflug direkt vor der Haustür: eine Fahrt mit der HVV-Linie 62 von den Landungsbrücken bis zum Museumshafen in Neumühlen. Zurück geht es nach einem Uferspaziergang von Teufelsbrück aus mit der Linie 64 nach Finkenwerder, von dort wieder auf die 62.

Die Fähre - wegen ihrer Aufbauten "Bügeleisen" genannt - ist kein Ausflugsdampfer, keines von jenen Hafenrundfahrtschiffen, in denen die Kapitäne ihre Gäste dauerbeschallen. Sie ist vielmehr Teil des öffentlichen Nahverkehrs in Hamburg. Jetzt sind die Pendler, die jeden Tag über die Elbe in die Innenstadt schippern, längst in ihren Büros. Touristen gibt es heute auf der Fähre wenige.

Die Strömung nimmt die Eisbrocken mit

Nur kurz halte ich es an Deck aus. Dort, wo sich im Sommer Menschenmengen drängeln, die die bunten Hafenkräne, die riesigen Containerschiffe und die massigen Docks ohne störende Fensterscheibe sehen und den warmen Luftzug genießen wollen. Heute ist der Wind zu scharf und zu eisig. Möwen begleiten das Boot und kreischen fordernd. Ob sie sich Beute erhoffen? Die "Elbmeile" quert die Fahrrinnen in der Eissuppe, die wie Kondensstreifen am Himmel mal parallel zu einander verlaufen, mal sich kreuzen - nur statt weiß wirken sie dunkel zwischen beschneiten Eisschollen.

Wenn es wirklich eisig wird im deutschen Norden, dann sorgen Eisbrecher mit ihren 1200 PS für den offenen Wasserweg. Rund um die Uhr ziehen sie Kreise auf dem Fluss, seinen Seitenarmen und in den 40 Hafenbecken. Der Betrieb im Hamburger Hafen muss laufen. Wenn die Ebbe einsetzt, dann zerkleinern die orangefarbenen kleinen Schiffe sieben Stunden lang das Eis. Die Strömung nimmt die Brocken mit hinunter, gen Cuxhaven und Nordsee. Das auflaufende Wasser schiebt die Schollen wieder hinauf.

Eine Fahrt die Elbe hinauf und hinunter - vorbei an der sogenannten architektonischen Perlenkette, dem Dockland-Gebäude von Hadi Teherani, den alten Kapitänshäusern von Övelgönne - ist zugleich eine Fahrt vorbei an einem Arbeitsplatz. Kräne hieven Container durch die Luft, Schlepper flitzen hin und her. Auch als es dunkel wird auf der Rückfahrt, glitzern und flackern die Lichter noch immer über den Hafenanlagen. Containerschiffe aus China, Brasilien und Russland drehen sich von ihren Beladeplätzen an den Kais mit Hilfe von Schleppern mühsam ins Eis, ziehen vorbei die Elbe hinunter und verschwinden am Horizont.

In Hamburg geboren und aufgewachsen, lebe ich seit vielen Jahren wieder in der Hansestadt. Doch immer noch fasziniert mich die Geschäftigkeit des Hafens, der immerhin ein Zehntel der Stadtfläche einnimmt. Ich weiß, die Arbeit auf den schwimmenden Stahlgiganten ist hart, schlecht bezahlt, das Leben auf ihnen oft einsam. Dennoch verursachen solche Schiffe wohl bei jedem eine Sehnsucht nach der Welt, die hinter der Elbmündung liegt. Immerhin: Für eine Schifffahrt durch raschelndes Eis muss ich meine Heimatstadt nicht verlassen.



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13 Leserkommentare
Ze4 28.11.2013
aquamariner 28.11.2013
moritz1989 28.11.2013
mar.kaeff 28.11.2013
brut_dargent 28.11.2013
werner-98 28.11.2013
Palisander 28.11.2013
brut_dargent 28.11.2013
andi/// 28.11.2013
windexx 28.11.2013
Hugh 28.11.2013
werner-98 28.11.2013
green_iguana 29.11.2013

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