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Miniatur Wunderland: Bella Italia liegt an der Elbe

Foto: Miniatur Wunderland Hamburg

Miniatur Wunderland Wie der Vesuv an die Elbe kam

Die größte Modelleisenbahnanlage der Welt hat sich um ein Land erweitert. Damit "Bella Italia" im Miniatur Wunderland wirklich echt aussieht, hat der Gründer Gerrit Braun vor Ort recherchiert - und ist am Vesuv fast verzweifelt.

Ein warmer Spätsommertag in Atrani an der Amalfi-Küste. Auf den Dachterrassen flattern bunte Laken im Wind, kleine Mädchen spielen Seilspringen, braun gebrannte Kerle lassen auf einer Party ihre Muskeln spielen. Ein älterer Mann verlädt gerade auf der Straße mit ganzem Körpereinsatz einen Esel auf seinen Kleinlaster. Und unten am Strand verkaufen die Fischer ihren Fang des Tages. Das Meer glitzert, als habe jemand Diamanten darüber gestreut.

Doch es ist kein Meeresrauschen zu hören.

Denn dieses Atrani und diese Amalfi-Küste liegen in einem roten Backsteinbau in der Hamburger Speicherstadt. Sie gehören zum Miniatur Wunderland und sind Teil von "Bella Italia", der neuesten Attraktion der Modellbauanlage. Vier Jahre lang haben ihre Gründer, die Zwillingsbrüder Gerrit und Frederik Braun, daran mit ihrem Team gearbeitet. Die größte Herausforderung: "in einer Modellbauanlage italienisches Lebensgefühl transportieren", sagt Gerrit Braun.

"Natürlich haben wir auch mit den Klischees gespielt. Aber was macht denn das Urlaubsgefühl in Italien aus? Dass das Leben tatsächlich viel mehr draußen im Freien stattfindet", sagt er. Fünf Bereiche umfasst der Italienabschnitt, der am Donnerstag eröffnet: An die Amalfi-Küste schließt Cinque Terre an, dann folgen die Toskana, Südtirol und Rom mit Trevi-Brunnen, Petersdom und einem imposanten Kolosseum, das aus 3000 Einzelteilen zusammengebaut wurde.

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Insgesamt stehen auf den 190 Quadratmetern in "Bella Italia" 450 Gebäude, 10.000 Bäume und 400 Fahrzeuge, darunter zahlreiche Sonderanfertigungen wie Pizzawagen, Dreiräder und italienische Müllautos. Dazu hundert neue Züge, zu denen im Laufe des Jahres noch weitere dazukommen sollen. Alles von Hand aufgebaut, von 80 Modellbauern in 180.000 Arbeitsstunden.

Schlaflose Nächte bei falscher Blaulichtsequenz

Immer wieder gab es während der Bauzeit Herausforderungen. Im Videoblog Gerrits Tagebuch  hat Braun die Fortschritte und Rückschläge während der Bauarbeiten dokumentiert. Wie wendet man Züge an einem riesigen Kopfbahnhof wie dem von Rom? Wie gießt man ein Meer aus Kunstharz, damit es nicht flach aussieht wie ein See, sondern Wellenbewegungen hat? Haben sie alles hingekriegt.

"Aber die allergrößte Schwierigkeit bestand darin, den Vesuv zur Eruption zu bringen", sagt Braun. Fast ein halbes Jahr lange haben er und sein Team mit Kinetiksand experimentiert. "Das Ergebnis war fantastisch. Es sah aus, als würde da echte Lava runterlaufen." Doch der Sand nutze sich schnell ab, verklumpte und verstopfte das Förderband. "Wir haben echt alles versucht, um diese Idee zu retten."

Als dann klar wurde, dass auf den Vesuv im Miniatur Wunderland niemals Kinetiksand kommen würde, war Gerrit Braun eine Woche lang schlecht. Eine Eruption nur mir Blinklichtern? Das genügte seinen Ansprüchen nicht. "Das ist total unrealistisch. Wenn ein Vulkan Feuer speit, dann rinnt da auch Lava runter."

Braun, 48, Schlabberjeans, Kapuzenpulli, ist Perfektionist. Er will im Wunderland die Wirklichkeit abbilden, so realistisch wie möglich. Dafür nimmt er Arbeitswochen von 70 Stunden und mehr in Kauf. Und wenn eine Blaulichtsequenz bei einem italienischen Mini-Feuerwehrautos nicht mit der echten übereinstimmt, bereitet ihm das schlaflose Nächte.

In seinem Videoblog zeigt Gerrit Braun einen Krater-Lava-Test und wie aus einen Fiat ein Hummer wird:

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Auch über das Problem mit dem Vesuv hat er viele Tage und Nächte nachgedacht. Dann hatte ein Kollege eine Idee, wie sich der Traum vom großen Vulkanausbruch im Maßstab 1:87 doch noch verwirklichen lässt. Jetzt ziehen sich über den Bergrücken Förderbänder aus mobilen Scheiben - und der Vesuv speit etwa 40-mal am Tag gelbrote Lava. "Bei Nacht sieht es so echt aus, dass ich beim ersten Mal Gänsehaut bekommen habe", sagt Gerrit Braun.

Mehr weiße Autos, Risse in der Gebirgsstraße

Damit auch der Rest von "Bella Italia" der Wirklichkeit in Nichts nachsteht, durften 40 Kollegen aus dem Team während der Bauphase nach Italien reisen. Sie sollten sich vor Ort italienische Staus anschauen ("chaotischer als die deutschen"), die Farbe des italienischen Straßenbelags analysieren ("dunkler als in Deutschland") und die Gepflogenheiten der Menschen studieren ("Kinder dürfen bis 23 Uhr auf der Straße spielen").

Auch Gerrit Braun ist eine Woche lang durch Italien gefahren. Hat im Stechschritt den Stromboli bestiegen, um echte Lava zu sehen. Ist auf den Vesuv gefahren, um einen Blick in den Krater zu werfen. Und saß stundenlang im Verkehrschaos von Neapel fest. Dabei hat er festgestellt, dass es in Italien viel mehr weiße Autos gibt als in Deutschland. Das ist jetzt natürlich auch im Wunderland so. "Details sind unglaublich wichtig. Heute ist so vieles im Leben auf Effizienz ausgelegt, dass die Leute das zu schätzen wissen", sagt Frederik Braun.

Viele akribisch recherchierten Details aus dem italienischen Alltag entdeckt man in der Tat erst, wenn man ganz genau hinschaut. Die vielen Satellitenschüsseln an den Häuserwänden. Die rissigen Straßen im Gebirge. Die winzigen Straßenschilder in italienischer Sprache. Und dazwischen immer wieder liebevolle Gags - wie etwa eine wilde Pizza-Party in einem der Eisenbahnwaggons. Oder eine Fiat-Werkstatt, die einen Kleinwagen auf Knopfdruck in einen protzigen Hummer verwandelt.

Erst Italien, dann Venedig, Monaco und England

Seit 2001 kann man sich in der Speicherstadt die Welt im Miniaturformat anschauen. Angefangen hat alles mit einer Idee von Gerrits Zwillingsbruder Frederik. "Lass uns die größte Modelleisenbahn der Welt bauen", hatte der mal zu seinem Bruder gesagt. Der erklärte seinen Zwilling zuerst für verrückt - und ließ sich dann doch überzeugen. Mit einer Kleinstadt namens Knuffingen fing alles an.

Inzwischen haben die Brüder längst alle Rekorde der weltweiten Modellbaugemeinde geknackt: Durch ihre Landschaften rattern mehr als Tausend Züge (der längste misst 14,51 Meter) mit mehr als 10.000 Waggons über 15,4 Kilometer Gleise. Es gibt Schiffe, die über echtes Wasser gleiten, Züge, die über mehrere Stockwerke fahren, und Flugzeuge, die auf der Miniaturausgabe des Hamburger Airports im Minutentakt abheben und landen.

Dirigiert wird diese Choreografie von 50 Computern. Auch das Spektakel in Italien ist softwaregesteuert. Die Programme dafür hat Gerrit Braun, studierter Wirtschaftsinformatiker, selbst geschrieben. Denn allein im Vesuv, der über allem thront, leuchten rund 3000 LED-Lämpchen. Sie gehen bei einem Ausbruch nicht gleichzeitig an, sondern folgen einer fein ausgeklügelten Sequenz. Und vier Computer braucht es, um Züge mittels Infrarottechnik unfallfrei über die 2200 Meter Gleise in den italienischen Landschaften zu lenken.

Auch am nächsten Projekt wird schon gearbeitet: Hinter großen Glasscheiben werkeln Modellbauer an der Themenwelt "Venedig". Im kommenden Jahr soll sie fertig sein. "Und danach bauen wir Monaco mit Formel-1-Strecke", sagt Frederik Braun. Er lächelt vergnügt. "Und dann schlagen wir eine Brücke nach England." Er meint das Ernst. Er hat schon neue Räume angemietet. Das Haus in der Speicherstadt wird langsam zu klein für die Welt der Brüder Braun.

"Wir werden aus dem Wunderland hinaus eine Brücke über den Fleet auf die andere Seite bauen", sagt Frederik Braun. 2019 soll dort dann der Bau des England-Abschnitts beginnen. Wer die Welt ins Miniaturformat schrumpfen kann, kennt auch in der Realität keine Grenzen.

Miniatur Wunderland

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