Foto: Fitz & Fowell Co / Tourisme Montreal

Fahrradtouren in Montreal Eine alte Bekannte namens Bixi

Wegen ihrer Fahrradwege gilt die kanadische Metropole Montreal als das Kopenhagen Nordamerikas. Die Sehenswürdigkeiten der Stadt erkundet man deshalb am besten per Fahrrad. Drei Vorschläge für Touren.
Von Maren Keller

Bevor hier der falsche Eindruck entsteht: Natürlich hat Montreal Sehenswürdigkeiten. Wunderschöne sogar.

Die Kathedrale Marie-Reine-du-Monde zum Beispiel, die als verkleinerte Nachbildung des Petersdom im Vatikan gebaut wurde und mitten zwischen den Wolkenkratzern steht. Die Basilika Notre Dame oder das Olympiastadion. Gleich mehrere Kunstmuseen und Universitäten. Sogar eine Altstadt, die für nordamerikanische Verhältnisse wirklich sehr alt und hübsch ist, was selbst solche europäischen Besucher zugeben müssten, die immer gleich alles mit Prag vergleichen wollen oder Rothenburg ob der Tauber.

Alles sehr hübsch, aber dennoch: Montreal ist wahrscheinlich keine dieser Städte, die man wegen ihrer Sehenswürdigkeiten oder ihrer Schönheit besucht, weswegen die Vorstellung absolut unpassend ist, in einem Touristenbus von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit zu fahren, um dann kurz auszusteigen und ein Selfie zu machen. Montreal gehört zu den Städten, die man wegen des Gefühls besucht, das sich einstellt, wenn man sich eine Zeit lang in ihnen aufhält.

Manchmal heißt es, Montreal sei inspirierend. Manchmal heißt es, Montreal sei lebendig. Aber natürlich ist das Montreal-Gefühl etwas, das man nicht in Worte fassen kann, genauso wenig wie man sagen kann, woher genau es eigentlich kommt.

Möglicherweise daher, dass es in Montreal gleich mehrere Universitäten gibt, dazu Museen und Theater. Möglicherweise davon, dass – außerhalb der Pandemiezeiten – ständig irgendeine interessante Kulturveranstaltung oder irgendein Festival stattfindet, das Montreal Jazz Festival und das Montreal Pop sind nur die zwei bekanntesten.

Möglicherweise auch daher, dass sich Montreal so international und besonders anfühlt, was schon damit beginnt, dass Montreal in der Provinz Quebec liegt und damit zum französischen Teil Kanadas gehört, einer Region also, in der das Wort »tabernak« ganz selbstverständlich zum Wortschatz gehört (falls Sie das Wort nicht kennen, müssen Sie es leider googeln. Wir können hier seine Bedeutung nicht verraten).

Sicher ist jedenfalls, dass man das Montreal-Gefühl umso stärker spürt, je mehr man sich einfach durch die Stadt treiben lässt. Weswegen das Fahrrad das perfekte Fortbewegungsmittel zum Sightseeing in Montreal ist.

Tolle Radwege – und Bixi

Montreal, das muss man vielleicht dazu sagen, ist eine ausgesprochen fahrradfreundliche Stadt, so fahrradfreundlich, dass sie schon das Kopenhagen Nordamerikas genannt wurde. Auf dem Copenhagen Design Index, der Großstädte nach ihrer Eignung zum Fahrradfahren rankt, belegt Montreal dann auch Platz 18. Als beste nordamerikanische Stadt. (Auf Platz eins, natürlich, Kopenhagen. Und noch etwas ist vielleicht interessant: Die beste deutsche Stadt ist nicht Münster, das wegen seiner zu geringen Einwohnerzahl in dem Ranking nicht berücksichtigt wurde, sondern Bremen.)

Seinen Platz in den Top 20 verdankt Montreal vor allem zwei Tatsachen: Erstens gibt es tolle Radwege – mitten durch die Wolkenkratzerlandschaft Downtowns genauso wie durch Parks oder an der Hafenpromenade entlang. Mehr als 700 Kilometer Radweg sind es insgesamt, und viele Kilometer davon als separate Fahrradspuren.

Zweitens gibt es ein hervorragendes Fahrrad-Verleihsystem. Das System heißt Bixi, und wer Montreal besucht, nimmt den Namen Bixi spätestens am zweiten Tag so selbstverständlich in den Mund, als handele es sich um eine alte Bekannte. Die Bixi-Stationen sind in der ganzen Stadt verteilt. In beliebten Vierteln wie dem Plateau Mont-Royal gibt es so viele von ihnen, dass man fast überall eine Station vorfindet. Das Ausleihen funktioniert nahezu selbsterklärend, und wer möchte, kann sogar E-Bikes leihen.

Das alles ist dem Montrealer hoch anzurechnen, wenn man bedenkt, dass er sein Fahrrad eigentlich nur in der Hälfte des Jahres nutzen kann. Im Winter kann es nämlich so kalt und verschneit sein, dass die Stadt vorsorglich mit einem kilometerlangen, beheizten Tunnelsystem unterhöhlt ist, das seinen Bewohnern erlaubt, sich nicht länger als unbedingt nötig draußen aufhalten zu müssen.

Aber vielleicht ist das auch genau das Geheimnis der Liebe zwischen Montreal und den Fahrrädern: Wer nicht das ganze Jahr Fahrrad fahren kann, weiß es zwischen Frühling und Herbst umso mehr zu schätzen.

Tour eins: Die Insel-Rundfahrt

Foto: Fitz & Fowell Co / Tourisme Montreal

Start und Ziel: an der Hafenpromenade in der Altstadt. Dort befindet sich der Fahrradverleih »ça roule «, bei dem man Fahrräder – und beispielsweise auch Kinderanhänger – mieten kann, wenn man die Runde nicht auf den Bixi-Rädern zurücklegen möchte.

Zeit: Wer sportlich fährt und nicht anhält, schafft die Tour in zwei oder drei Stunden. Es ist aber auch problemlos möglich, einen Tagesausflug daraus zu machen, weil es unterwegs so viel zu sehen und zu erleben gibt.

Da geht's lang: Die Tour startet in Vieux-Montréal, der Altstadt von Montreal. Zunächst geht es auf einem gut ausgebauten Radweg entlang der Hafenpromenade nach Süd-Westen. Bis von den prächtigen Altstadt-Steinhäusern nichts mehr zu sehen ist. Wer Industriecharme mag, wird diesen Teil der Strecke lieben – vor allem die alte Mehlfabrik der kanadischen Marke »Farine Five Roses« mit ihrem nostalgischen Leuchtschild.

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Auf der Avenue Pierre Dupuy geht es dann über die Halbinsel Cité du Havre. Schaut man nach links, hat man hier den ersten schönen Blick auf die Skyline von Montreal. Rechts ist ein auffälliger Wohnkomplex aus den Sechzigern zu sehen, der aus lauter aufeinandergestapelten Quadern besteht: die Anlage Habitat 67.

Dann geht es über die erste Brücke: Die Pont de la Concorde führt auf die Île Notre-Dame hinüber, eine kleine vorgelagerte Insel. Der Fahrradweg führt einmal um die Insel herum. Und wer mag, kann hier an einem der schönen Picknicktische eine erste Pause machen und sich mit seinem Proviant für eine Extrarunde stärken. Denn auf der Île Notre-Dame liegt auch die Formel-1-Strecke von Montreal, die zum Fahrradfahren freigegeben ist. (Alternativ kann man sich auch in der letzten Kurve vor der Zielgeraden eine Weile ins Gras setzen und Montreals ambitionierte Rennradfahrer dabei beobachten, wie sie versuchen, ihre eigenen Rundenzeiten zu steigern.)

Zurück auf der eigentlichen Fahrradrunde geht es dann noch am Wasserbecken der Olympischen Spiele von 1976 vorbei und dann hinüber auf die nächste Insel: die Île Sainte-Hélène. Der Fahrradweg führt vorbei am auffälligsten Blickfang der Insel: der Kugelkonstruktion des Umweltmuseums Biosphère.

Dann folgt das eigentliche Highlight dieser Tour: die Rückfahrt auf die Hauptinsel über die Pont Jacques-Cartier, Montreals Pendant zur Brooklyn Bridge, über die neben den Autospuren auch der Fahrradweg führt.

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Über den Boulevard Réné-Lévesque geht es nach der Abfahrt von der Brücke dann auf einer Extra-Fahrradspur noch ein kurzes Stück durch die Innenstadt Montreals und schließlich zurück zur Hafenpromenade.

Unterwegs unbedingt angucken:

Der Wohnkomplex Habitat 67 sieht ein bisschen so aus, als hätte ihn jemand entworfen, der sehr schlecht im Tetris-Spielen war. Dabei war es der berühmte israelische Architekt Mosche Safdie (über dessen Gameboy-Fähigkeiten nichts weiter bekannt ist). Stilistisch gehört das Gebäude zur Architekturströmung des Brutalismus, für die das Verwenden von Beton und simplen geometrischen Formen typisch war.

Auf Montreals Motorsport-Rennstrecke Circuit Gilles-Villeneuve findet normalerweise der Große Preis von Kanada statt – in den letzten beiden Jahren ist das Formel-1-Rennen allerdings wegen Corona ausgefallen. Es macht aber ohnehin mehr Spaß, die Strecke selbst mit dem Fahrrad abzufahren und unterwegs alles selbst einmal zu sehen: die Startmarkierungen und die Haarnadelkurven, die Boxengasse, die Zielgerade und die Mauer, die »Wall of Champions« genannt wird, weil selbst die besten Fahrer schon in sie hineingekracht sind – beispielsweise Michael Schuhmacher, Jacques Villeneuve oder Sebastian Vettel.

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Während der Weltausstellung Expo im Jahr 1967 gehörte die auffällige Kugelkonstruktion auf der Île Sainte-Hélène zum amerikanischen Pavillon – heute beherbergt das Gebäude das Umweltmuseum Biosphère mit Ausstellungen zur Erderwärmung, zum urbanen Design der Zukunft oder der Artenvielfalt.

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Tour zwei: Zum Poutine-Essen ins Künstlerviertel

Start und Ziel: Starten können Sie an einer der vielen Bixi-Stationen, die überall in der Stadt verteilt sind. Ziel ist die Poutinerie »Chez Claudette« in der Laurier Avenue, weil man Montreal nicht besuchen kann, ohne wenigstens einmal Poutine zu essen.

Das Nationalgericht Quebecs besteht in seiner Grundversion aus Pommes, Bratensoße und Käse – es gibt allerdings unzählige Varianten: Poutine mit Hackfleisch oder Gemüse, mit asiatischer Soße oder vegetarisch und die Frage, wo es nun die beste Poutine gibt, wird selbstverständlich leidenschaftlich und kontrovers diskutiert. Es ist deshalb wohl nicht ganz klar, ob es bei »Chez Claudette« nun wirklich die beste Poutine gibt – aber jedenfalls gibt es dort riesige Portionen, kaum Touristen und die klassische Version genauso wie viele Varianten.

Foto: Daphne Caron / Tourisme Montreal

Da geht's lang: Von den Straßen, die aus dem Downtown-Bereich Montreals ins Viertel Plateau Mont-Royal führen, verfügen unter anderem die Rue Berri oder die Rue Saint-Denis über einen extra Fahrradspur. Der Imbiss »Chez Claudette« befindet sich in einem gelb gestrichenen Eckhaus in der Laurier Avenue, ganz in der Nähe der Rue Saint-Denis.

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Unterwegs unbedingt angucken: Plateau Mont-Royal ist eines jener Stadtviertel, durch das man sich am besten treiben lassen sollte. Überall gibt es kleine Lokale, schöne Häuser mit bunten Fassaden, schmiedeeisernen Treppen und Holzterassen, liebevoll bepflanzte Grünstreifen oder nette Geschäfte zu entdecken. Es lohnt sich, einfach in Seitenstraßen abzubiegen, von denen viele explizit als Fahrradstraßen ausgewiesen sind.

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Wer eine Zeit lang durch die Buchläden, Modegeschäfte und Bäckereien bummeln möchte, findet genug Bixi-Stationen, um das Fahrrad eine Weile abzustellen und später mit einem neuen Bixi weiterzufahren. Am spannendsten ist es aber, den Menschen zuzuschauen. Denn Plateau Mont-Royal gilt als das hippste Viertel Montreals.

Tour drei: Zum Lichtergucken auf den Mount Royal

Foto: Eva Blue / Tourisme Montreal

Start und Ziel: Die Tour beginnt und endet am Fuß des Mount Royal in der Avenue du Parc. Dort gibt es auch eine Bixi-Station.

Da geht's lang: Der Mount Royal ist der Hausberg Montreals. Er ist 233 Meter hoch und zu seinem Gipfel führen breite Schotterwege in sanften Serpentinen. Der Aufstieg ist also durchaus fahrradtauglich.

Die meisten Fußgänger nehmen den Aufstieg über die Treppenstufen. Aber auf den breiten Wegen trifft man trotzdem nicht nur andere Fahrradfahrer – es kann zum Beispiel passieren, dass man von einer Gruppe mit Skirollern überholt wird, die sich schon einmal auf den Winter vorbereiten.

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Unterwegs unbedingt angucken: Der Ausblick vom Gipfelkreuz ist ehrlich gesagt nicht wirklich spektakulär – ein bisschen Stadt, viele Baumwipfel und darüber halt Himmel. Den viel, viel spektakuläreren Blick hat man ein paar Meter weiter tiefer – von der Aussichtsterasse am Chateau Montreal. Besonders, wenn die Sonne in Montreal untergeht.