München Oben Gucci - unten Haferlschuhe

Sexy und spießig, weltbürgerlich und kleinkariert: München führt ein seltsames Doppelleben. Das kann man mögen oder nicht - aber kalt lässt es niemanden. Hassliebeserklärung an eine Stadt voller Widersprüche. Von Verena Kahl


Städte sind wie Menschen. Köln ist der joviale Saufkumpan, Berlin der unrasierte Szenedichter, Amsterdam die hennahaarige Haschischbraut. Jede hat ihre eigene Persönlichkeit, und man mag sie oder mag sie nicht. Aber München? Was ist das für eine Stadt, mit ihrem hohem Pro-Kopf-Einkommen und ihrer niedrigen Arbeitslosigkeit, ihrer Wiesn-Seligkeit und ihrem viel gepriesenen Freizeitwert? Ist der Eingeborene lebensfroh und herzlich oder arrogant und grantig? Die Kulturszene wegweisend oder versnobt? Das Nachtleben Weltklasse oder peinlich provinziell?

Fragen, bei denen sich selbst Ex-, Neu- und Schon-Immer-Münchner in die Wolle kriegen. Für viele ist die Stadt so etwas wie die Hassliebe ihres Lebens. Der schräge Filmemacher Herbert Achternbusch stoßseufzt "ein bisschen weniger München wäre gut", trinkt aber trotzdem Mass für Mass im "Weissen Bräuhaus", keine 50 Schritte vom Rathaus entfernt. Sigi Sommer, jahrzehntelang Kolumnist bei der Abendzeitung, schwärmte: "Ich liebe jeden Tag, den ich in München sein kann und darf." Und lamentierte im gleichen Atemzug, wie seine geliebte Stadt mit ihren Spitzweg-Winkeln geliftet und aufgebrezelt worden sei. Ja, Kruzitürken, fragt sich gelegentlich auch der ganz gewöhnliche Thalkirchener oder Milbertshofener: Wo leben wir denn eigentlich?

Der Kleinbürger und die Society-Tante

München ist schauderhaft spießig, sagenhaft selbstverliebt, schrecklich schön. Eine Femme fatale vom Dorf, oben herum ganz in Gucci und an den Füßen Haferlschuhe. Am besten hat das der Regisseur Helmut Dietl auf den Punkt gebracht, als er Anfang der achtziger Jahre die beiden Hauptfiguren seiner München-Serie "Monaco Franze" erfand: den pensionierten Polizisten Franz Münchinger aus dem Westend, der in den Waschsalons zwischen Kazmair- und Ligsalzstraße mit Studentinnen anbandelt, und seine Gattin Annette von Söttingen, Antiquitätenhändlerin und Opernliebhaberin aus Schwabing.

Der Kleinbürger und die Society-Tante, die sich lieben und streiten und doch nicht voneinander lassen können. München ist beides: mal weltoffen und weitblickend, so wie auf diesen Touristenpostkarten, auf denen sich die Alpen gleich hinter dem Marienplatz erheben. Und dann wieder so eng wie die mittelalterlichen Gässchen zwischen Weinstraße und Altem Hof.

Da wäre die Sache mit den Straßencafés. Bekanntlich rühmt sich München, der nördlichste Außenposten Italiens zu sein, und beim ersten Sonnenstrahl stellt jeder Kaffeebudenbesitzer ein paar Klapphocker vor die Tür. So weit, so toskanisch. Aber dann rückt alle halbe Stunde die Polizei an, weil jemand mit seinem Stuhl zehn Zentimeter zu weit in die Mitte des Bürgersteiges gerutscht ist. Nicht, weil die Polizei nichts anderes zu tun hätte. Sondern weil’s Nachbarn gibt, die nichts anderes zu tun haben, als die Polizei anzurufen.

Oder die Sache mit dem Sex. Spätestens seit den Tagen der Schwabinger Künstlerbohème Anfang des 20. Jahrhunderts galt die Stadt als Sündenbabel. Unzählige B-Movies mit Namen wie "Mädchen, die nach München kommen" zehrten vom Sex-Appeal der Isarmetropole, und sogar das erste deutsche Playmate, das es 1979 in den US-Playboy schaffte, war eine schöne Münchnerin: Uschi Buchfellner, das Bayern-Bunny aus dem Problemstadtteil Hasenbergl. Ein Vierteljahrhundert später stöckeln jeden Sommer aufgerüschte Drag Queens beim "Pumps Race" um die Wette, zum Christopher Street Day 2005 führte der Tunten-Wettlauf sogar quer über den Marienplatz, mitten durch die gute Stube der Stadt.

Gottgesandte Hagelkörner

München leuchtet? Ach was: München schillert. Andererseits wäre eine Amüsiermeile wie die Reeperbahn an der Isar undenkbar. Die Nutten stehen sich bekanntlich nicht in, sondern draußen vor der großen Stadt die Füße platt, in freudlosen Betonwüsten wie der Ingolstädter Straße. Und zu viel Freizügigkeit gehört sowieso bestraft. Etwa das hüllenlose Sonnenbaden im Englischen Garten. Als vor Jahren bei einem sommerlichen Hagelsturm taubeneigroße Eisbrocken vom Himmel fielen, freuten sich zahllose Leserbriefschreiber: Denen hatte es der Herrgott aber mal so richtig gegeben, den Nackerten! München ist eben nicht nur Sodom und Gomorrha, sondern auch Altötting.

Die Schizophrenie ist nichts Neues, das zeigt ein Blick ins Geschichtsbuch. Da war zum Beispiel der Wittelsbacher König Ludwig I., Großvater des Neuschwanstein-Erbauers, aber deutlich stilsicherer als sein Enkel. Als großer Verehrer des Altertums wollte Ludwig München Anfang des 19. Jahrhunderts in ein strahlendes "Isar-Athen" verwandeln.

Ihm verdankt die Stadt unter anderem die tempelartigen Prachtbauten auf dem Königsplatz, die Antikensammlung Glyptothek, das ganze Ludwigstraßen-Ensemble inklusive Feldherrnhalle und Siegestor. Ein Panorama mit Wahrzeichen-Charakter. Und was taten die Münchner? Sie meckerten. Das sei doch alles so teuer, und überhaupt: Des braucht doch koa Mensch ned! Aber Weltstadt sein und wichtig, das wollten sie natürlich dennoch.

Klingt vertraut? Kein Wunder: Knapp 200 Jahre später machte der "Münchner Hochhausstreit" Schlagzeilen. Im gesamten Stadtgebiet sollte künftig nicht mehr höher gebaut werden als 99 Meter, forderten besorgte Bürger im Jahr 2004. Damit die Türme der Frauenkirche einsame Spitze bleiben, zumindest im Zentrum. Der ehemalige Oberbürgermeister Georg Kronawitter stellte sich an die Spitze der Initiative, der Ausgang des Bürgerbegehrens war eine Watschn für Kronawitters Amtsnachfolger Christian Ude. Wozu moderne Architektur, im Mittelalter ging’s doch auch ohne! Aber Medienstandort sein und High-Tech-Metropole, und immer den passenden Laptop zur Lederhose – darauf ist man trotzdem stolz.



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