Museumsmeile in Washington Stiftung aus Rache

Nationales Sendungsbewusstsein durchweht die Museen und Galerien des Smithsonian Institute in der Hauptstadt der USA. Ausgerechnet das Gold eines Briten adliger Herkunft, der nie einen Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt hatte, ermöglichte dem Kongress den Bau des größten Museumskomplexes der Welt.


Höhepunkt der US-Raumfahrtgeschichte: Das National Air & Space Museum scheint seit 1976 unverändert
GMS

Höhepunkt der US-Raumfahrtgeschichte: Das National Air & Space Museum scheint seit 1976 unverändert

Washington - James Smithson bleibt den Amerikanern ein Rätsel. Der britische Mineraloge hatte weder je einen Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt noch mit jemandem in der Neuen Welt korrespondiert. Dennoch verfügte er, sein Vermögen solle nach seinem Tod an die Vereinigten Staaten fließen, um dort eine Einrichtung zur Förderung des Wissens zu gründen. So wurden im Jahr 1838 exakt 105 Säcke mit Goldstücken nach Übersee verschifft. Umgeschmolzen auf heimische Währung ergab sich eine Summe von 500.000 Dollar, mehr als das Zehnfache des damaligen US-Bundeshaushalts.

Im Kongress entbrannte eine heftige Debatte, ob man die Schenkung überhaupt annehmen solle. Da könne ja künftig jeder daherkommen, um seinen Namen mit Hilfe der USA unsterblich zu machen, meinte ein Abgeordneter. Smithson, der als unehelicher Sohn eines Adeligen wohl Groll gegen sein Heimatland hegte, hat das zweifellos geschafft. Das nach ihm benannte Smithsonian Institute bildet mit seinen insgesamt 16 Museen und Galerien heute den größten Museumskomplex der Welt. Allein neun der Häuser liegen entlang der National Mall in der US-Hauptstadt Washington - zur Erbauung und Last auswärtiger Besucher.

Kunst der Alten Meister: Die National Gallery of Art gehört zur Washingtoner Museumsmarathon, aber nicht zum Smithsonian Institute
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Kunst der Alten Meister: Die National Gallery of Art gehört zur Washingtoner Museumsmarathon, aber nicht zum Smithsonian Institute

Die Eintrittspreise für Museen sind in den vergangenen Jahren weltweit in die Höhe geschossen - anders bei Smithsonian: "Free admission" lautet hier seit jeher die Parole, von der Touristen wohl eher unbeabsichtigt profitieren. Schließlich dienen die Ausstellungen in erster Linie der Selbstvergewisserung der amerikanischen Nation - wie das ganze Ensemble des Repräsentationsviertels in Washington.

Das gilt unmittelbar für die bis zum Jahr 2005 wegen Renovierung geschlossene National Portrait Gallery mit Bildnissen verdienstvoller Bürger und vor allem das National Museum of American History. Dort sind zahllose nationale Devotionalien versammelt vom Zylinder, den Abraham Lincoln bei seiner Ermordung trug, über die Weltkriegsuniform Dwight D. Eisenhowers bis zum Saxophon Bill Clintons.

Nationales Sendungsbewusstsein durchweht naturgemäß auch das National Air and Space Museum, schließlich wurde die Geschichte der Luft- und Raumfahrt in weiten Teilen von den USA geschrieben. Das 210 Meter lange Haus gilt mit jährlich rund zehn Millionen Besuchern als eines der beliebtesten Museen der Welt. Nach dem Unglück der Raumfähre Columbia kamen viele Menschen hierher, um Blumen für die verstorbenen Astronauten niederzulegen. Stilistisch wie inhaltlich präsentiert sich die Ausstellung freilich nicht immer auf dem neuesten Stand - viel scheint sich in diesem Punkt seit der Eröffnung im Jahr 1976 nicht getan zu haben. So ist etwa in einem Filmbeitrag noch nicht einmal das Challenger-Unglück von 1986 berücksichtigt.

Aus Gründungszeiten: Das Smithsonian Castle Building ist eines der ältesten Gebäude des Smithsonian Instituts
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Aus Gründungszeiten: Das Smithsonian Castle Building ist eines der ältesten Gebäude des Smithsonian Instituts

Dafür schwebt allerlei historisches Fluggerät durch die Hallen - angeführt von der fragilen Konstruktion, mit der die Gebrüder Wright vor genau 100 Jahren erstmals motorisiert abhoben, und der "Spirit of St. Louis", die Charles Lindbergh 1927 über den Atlantik trug. Auch deutsche Ingenieurskunst wird gewürdigt, selbst wenn sie kriegerischen Zwecken diente. Ausgestellt sind etwa eine V2-Rakete und eine Messerschmitt 262, der erste serienmäßige Düsenjäger der Welt. Da das Museum nur einen Bruchteil seiner voluminösen Schätze zeigen kann, wird derzeit an einer Außenstelle unweit des Washingtoner Flughafens gebaut.

Andere Häuser widmen sich moderner Kunst, ferner der Natur- und der Postgeschichte. Nicht zur Smithsonian-Familie gehört die National Gallery of Art. Sie geht auf das Jahr 1937 und das Vermächtnis eines anderen reichen Mannes zurück. Im Westgebäude findet sich überwiegend die Kunst der Alten Meister. Im Ostgebäude die moderne Abteilung mit Malern wie Andy Warhol, Roy Lichtenstein, aber auch Henri Matisse.

Historisches Fluggerät: Das National Air and Space Museum zeigt nur ein Bruchteil seiner Schätze in der ständigen Ausstellung
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Historisches Fluggerät: Das National Air and Space Museum zeigt nur ein Bruchteil seiner Schätze in der ständigen Ausstellung

Zum Washingtoner Kulturparcours zählt auch die in einem alten Bürgerpalast untergebrachte Phillips Collection, die mit einer stattlichen Anzahl französischer Impressionisten aufwarten kann. An historisch Interessierte richtet sich ein neues Museum zur Stadtgeschichte, das im Mai eröffnen soll. Noch bis 2006 wird es dagegen dauern, bis der Umzug des "Newseums", eines Medienmuseums, von Arlington ins Herz Washingtons vollzogen ist.

Einen extravaganten Neuzugang hat es aber bereits im vergangenen Jahr gegeben: Das International Spy Museum führt den Beweis, dass man sich vier Stunden ohne bewusste Ermüdungserscheinungen mit der Welt der Spione und Geheimdienste beschäftigen kann. Ehemalige KGB-, CIA- und FBI-Offiziere halfen mit, ein Arsenal von manchmal makabrer Originalität zusammenzutragen: Neben allerlei Geheimkameras und anderen Berufswerkzeugen findet sich auch ein Schirm, der dank eines versteckten Messers zum Liquidieren von Überläufern diente. Dass es diesen Schauer ausnahmsweise nicht gratis geben kann, leuchtet ein - der Eintritt kostet für Erwachsene elf Dollar.

Von Tobias Wiethoff, gms



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