Museumsquartier Wien Die Kunst der Entspannung

Im Sommer ins Museum? Warum nicht, wenn sich zwischen Kunstgängen so herrlich entspannen lässt wie in Wiens neuem Museumsquartier, wo Boulespielen und In-der-Sonne-Liegen Teil des Kulturkonzepts sind.

Von Marion Schmidt


Museumsquartier Wien: Zwei Jahre nach seiner Eröffnung hat sich das umstrittene Projekt zum Publikumsmagneten entwickelt
Marion Schmidt

Museumsquartier Wien: Zwei Jahre nach seiner Eröffnung hat sich das umstrittene Projekt zum Publikumsmagneten entwickelt

Gegensätzlicher kann Kulturgenuss kaum sein: Draußen strahlt die Sonne, das Thermometer ist auf 28 Grad Celsius geklettert, im Schatten des Museums moderner Kunst lümmeln sich Menschen mit einer Melange in der Hand und einem Buch auf den Knien auf himmelblauen Hartschaumliegen im Innenhof des Wiener Museumsquartiers. Wenige Schritte davon entfernt, ein dunkler Aufgang aus Sichtbeton, eine Großbildleinwand, darauf eine junge Frau am Strand, nackt, mit einem Hula-Hoop-Reifen aus Stacheldraht um die Hüfte. Die Metalldornen des Reifens ritzen Wunden in ihren Körper, dazu rauscht das Meer im Morgengrauen.

Ein verstörender, aufrüttelnder Einstieg in die Ausstellung "Attack! Kunst und Kultur in den Zeiten der Medien", die noch bis zum 21. September in der Kunsthalle Wien zu sehen ist. Eine Schau, die so gar nicht zu den Hitzegefühlen da draußen passen will, und doch in diesem Sommer nach dem Irak-Krieg wiederum erschreckend aktuell ist. Wer sich auf den Kontrast einlässt, wird belohnt - mit Kunst, die anregt, und einer Atmosphäre, die entspannt.

Ein "Must des Sommers": Selbst an Sonnentagen strömen die Besucher in das Museumsviertel
Marion Schmidt

Ein "Must des Sommers": Selbst an Sonnentagen strömen die Besucher in das Museumsviertel

Dem Museumsquartier Wien, kurz MQ genannt, ist mit dieser Mischung gelungen, was viele andere Kunsthäuser im Sommer vergeblich versuchen: Besucher in abgedunkelte, klimatisierte Räume zu bewegen. Und dann auch noch vor so schwer verdauliche Installationen wie die der israelischen Künstlerin Sigalit Landau oder der Videoinstallation der serbischen Künstlergruppe "Kuda.org", die auf zwei Monitoren den Flugverlauf und Absturz eines amerikanischen Militärfliegers beim Nato-Angriff auf Ex-Jugoslawien abspielen lässt.

Doch zwei Jahre nach der Eröffnung des architektonisch reichlich umstrittenen Museumsprojekts hat sich das Quartier mit solch provokativen Ausstellungen und seinen mehr als 45 verschiedenen Kulturanbietern zu einem echten Publikumsmagneten entwickelt, die Besucherzahlen haben sich im Vergleich zum letzten Jahr beinahe verdoppelt, täglich bevölkern über 7000 Besucher das Areal zwischen den alten kaiserlichen Hofstallungen und den modernen Museumsbauten. Dabei kommt, einer aktuellen Erhebung zufolge, rund die Hälfte der Besucher nicht wegen der Kunst, sondern nutzt das MQ zum Kaffeetrinken, Bummeln, Boulespielen, DJs lauschen oder In-der-Sonne-liegen. Was in Wien erhitzte Gemüter die Frage diskutieren lässt: Ob man das darf - einfach nur so ins Museum zu gehen, ohne die Kunst dort sehen zu wollen?

Sitzlandschaft aus überdimensionalen, himmelblauen Hartschaumblöcke: Darf man einfach nur so ins Museum, ohne Kunst sehen zu wollen?
Marion Schmidt

Sitzlandschaft aus überdimensionalen, himmelblauen Hartschaumblöcke: Darf man einfach nur so ins Museum, ohne Kunst sehen zu wollen?

Wie auch immer, das MQ hat sich jedenfalls zu einer kulturellen Stadtoase entwickelt und zählt mittlerweile neben Schloss Schönbrunn und Kunsthistorischem Museum zu den drei Hot-Spots der Donaumetropole. Das Wiener Szene-Magazin "Falter" erkor den Innenhof kürzlich zum "Must des Sommers". Und der Direktor des MQ, Wolfgang Waldner, will ohnehin den Spagat zwischen Hochkultur und Alltagskultur schaffen" sowie "Spannendes und Gegensätzliches an einem Ort konzentrieren".

Das ist auch architektonisch gelungen, in einem reizvollen Nebeneinander von Alt und Neu: Vorn der schlossähnliche Mitteltrakt der über 300 Jahre alten kaiserlichen Hofstallungen, dahinter die neuen Kuben vom Museum moderner Kunst und Museum Leopold, dazwischen die historische Winterreithalle, dahinter die Kunsthalle Wien. Von oben betrachtet, sehen die zwei riesigen Kuben aus wie Fremdkörper im barocken Ensemble, von unten fügen sie sich seltsam harmonisch ins Areal ein. Im grauen Quader aus Basaltlava residiert die Stiftung Ludwig Wien mit ihrer Sammlung zeitgenössischer Kunst. Bis zum 31. August ist dort unter dem Titel "Nach Kippenberger" eine Art Retrospektive des deutschen Künstlers Martin Kippenberger zu sehen, der, wäre er nicht 1997 in Wien verstorben, in diesem Jahr 50 Jahre alt geworden wäre.

Kulturelle Stadtoase: Im Schatten moderner Kunst eine Melange genießen
Marion Schmidt

Kulturelle Stadtoase: Im Schatten moderner Kunst eine Melange genießen

Zurück nach draußen, auf die rund 10.000 Quadratmeter große Piazza. Cafés, Gastgärten, Bars und eine lustige Sitzlandschaft aus überdimensionalen, himmelblauen Hartschaumblöcken locken bei schönem Wetter Dutzende Besucher. Die Sitzmöbel des jungen österreichischen Architektenteams Anna Popelka und Georg Poduschka (PRAG) waren im Winter zu einem Iglu im Innenhof aufgeschichtet, seit Mai erstrahlen sie in himmelblau und dienen als Lümmelliegen - zwischen den Kunstgängen oder einfach nur so, zur Kunst der Entspannung.



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