Musik-Hotel in Berlin Popstar-Palast in Pink

In Berlin eröffnet das erste Musik-Hotel Deutschlands: Das "nhow" lockt mit eigenem Tonstudio über der Spree und einem Room-Service, der Gitarren und Verstärker ans Bett bringt. Eine witzige Idee, nur: Wie will man damit 300 Zimmer voll bekommen?

nhow Berlin

Berlin - Stellen Sie sich kurz vor, Sie sind Popstar. Sie feiern mit Groupies in Ihrer Hotelsuite. Da kommt Ihnen plötzlich der perfekte Einfall für den nächsten Megahit. Was machen Sie jetzt? Ganz einfach: Sie rufen im Foyer an, beim Gitarren-Roomservice. Drei Minuten später haben Sie eine Gibson Les Paul in der Hand, stöpseln sie in den Verstärker der Hotelsuite - und die neuen Akkorde laufen direkt im Tonstudio ein Stockwerk weiter unten ein.

In Berlin ist das ab Montag alles möglich. Dann eröffnet das "nhow Berlin", das erste Musikhotel der Republik. In jedem der 304 Zimmer kann man den eigenen iPod an den Fernseher mit 30 Musikkanälen anschließen. In den Fahrstühlen und an der Bar läuft eigens komponierte Musik. Gemeinsam mit der Suite thront ein eigenes Highend-Tonstudio oben auf dem Hotel.

Der Dachriegel aus Stahl und Glas ragt über den Klinkerbau hinaus und schwebt 21 Meter über der Spree - Panoramablick auf Stadt und Fluss inklusive.

Die Hotelgruppe NH, sonst eher für schlichte Business-Häuser bekannt, hat sich in Berlin etwas Besonderes einfallen lassen. Das ist kein Zufall. Der Hotelmarkt in Berlin ist umkämpft wie kaum ein anderer. Christian Tänzler vom Touristikverband Visit Berlin sagt: "Hoteliers sind gezwungen, sich etwas Besonderes auszudenken, um am härtesten Markt der Welt zu bestehen."

Essen, schlafen, aufnehmen

Für Hoteldirektor Alexander Dürr war es logisch, auf Musik zu setzen. "Berlin hat 600 Musiklabels, fast 70 Tonstudios, aber kein Musikhotel", sagt er. Berlin hat auch den Musiksender MTV und die Plattenfirma Universal. Beide sitzen am Osthafen, genau dazwischen steht nun Dürrs Hotel. Und einige Gehminuten weiter die Spree hinauf steht die o2 World, Berlins größte Veranstaltungshalle.

"Wenn Musiker für Interviews oder Konzerte in der Stadt sind, können sie bei uns alles machen", sagt Dürr. Nicht nur essen und schlafen, sondern auch aufnehmen und mischen. Ein digitales und eines analoges Tonstudio mit Highend-Technik über der Spree, schwärmt Dürr, etwas Vergleichbares gebe es in Berlin nicht.

So weit, so gut. Aber wie will der Hoteldirektor dauerhaft ein 300-Zimmer-Haus mit Künstlern, Musikmanagern oder Plattenbossen füllen?

Gar nicht, sagt Alexander Dürr.

Man brauche natürlich auch Touristen und Firmen als Gäste. Das "nhow Berlin" will mit der Spree vor der Tür punkten. 60 Prozent der Zimmer haben Flussblick. Der 600 Quadratmeter große Konferenzraum sei berlinweit der einzige mit direktem Spreezugang, sagt Dürr.

Damit sich das 70-Millionen-Euro-Projekt Nhow rechnet, braucht es solche Pluspunkte. Einfache Zimmer gibt es ab 170 Euro pro Nacht, die 258 Quadratmeter große Suite mit Dachterrasse über dem Tonstudio kostet 2500 Euro. Auch in diesem Preissegment wird der Berliner Markt immer härter. Immer mehr Hotelketten bauen repräsentative Flagship-Häuser in der Stadt. Die skandinavische Scandic-Gruppe hat gerade ein Öko-Hotel nahe des Potsdamer Platzes eröffnet, die Hilton-Gruppe will 2011 ein Waldorf-Astoria am Kurfürstendamm eröffnen.

"Laut und intelligent"

Die neuen Luxushäuser entstehen im Westen der Stadt. Weiter als bis zum Alexanderplatz sind die Luxusherbergen noch nicht gekommen. Dürr setzt mit dem "nhow" auf den Osten. Und er setzt auf Pop.

Im Inneren dominieren poppiges Pink und geschwungene Formen, von der Rezeption über den Barbereich bis zu den meisten Zimmern. Der Hoteldirektor sagt es so: "Wir sind bunt und laut und intelligent".

Wie es für den Pop gehört, feiert man sich kräftig selbst. In einem Raum im Rohputz-Chic sollen Fotos aus der Serie "Die Macher des nhow" hängen. Ein Bild zeigt Hoteldirektor und Dürr dort in einer rosa Badewanne, in Macherpose hält er eine Bratwurst wie eine Zigarre am Mund. Alles mit Augenzwinkern, sagt Dürr.

Doch so viel Ironie wollen nicht alle verstehen. Vor allem nicht hier am Osthafen, mitten in der alternativen Szene der Bezirke Friedrichshain und Kreuzberg. Hier passt manchen der neue Nachbar überhaupt nicht. Sie fürchten, dass mit dem "nhow Berlin" die Preise im gesamten Stadtviertel steigen. Kommende Woche wollen linke Gruppen vor dem Hotel gegen den "Luxusbau" und dessen "champagnerschlürfende" Gäste demonstrieren.

Dürr, der Direktor des Pop-Hotels, gibt sich gelassen. Er finde es gut, dass jeder seine Meinung sagt. Und dass linker Protest und knallige Popkultur manchmal aufeinanderprallen, sagt er, sei nun auch nichts Neues.



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