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24. Oktober 2006, 06:00 Uhr

Mythos U-Bahn

Abgefahren, unterirdisch, zauberhaft

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Abermillionen Menschen gehen täglich in den Untergrund. U-Bahnen sind die Lebensadern der Metropolen - oft geliebt, manchmal gehasst, immer ein Spiegel der Gesellschaft. Eine Reise in die schönsten und spektakulärsten Schattenreiche der Welt.

Die Gedärme der Metropolen liegen tief unter ihren Fundamenten. In Kurven, Geraden und Windungen schlängeln sie sich durch die Bäuche der Städte. Millionen Menschen verschwinden tagtäglich über Treppen im Untergrund, werden erst viele Kilometer weiter wieder ausgespuckt - U-Bahnen sind faszinierende Lebenssysteme der Großstädte. Ohne die Metros, Subways, Tubes, T-Bana oder schlicht U-Bahnen würden die Metropolen einen Verkehrsinfarkt erleiden. SPIEGEL ONLINE porträtiert sie nun in einer Reportage-Serie.

Schnell und in dichtem Takt können die unterirdischen Stadtbahnen Millionen Pendler befördern. Dabei sind sie umweltfreundlich und von anderen Verkehrssystemen unabhängig. Die Briten sahen als Erste diese Vorteile und setzten die Pläne schon 1863 in die Realität um. Damals schickten sie einen ersten Dampfzug in den Londoner Untergrund - gefolgt 1890 von der wesentlich eleganteren elektrischen Schnellbahn auf der heutigen Strecke Northern Line.

Auch in Budapest, Glasgow und Paris führten bald erste Gleise unter die Erde. 1902 folgte Berlin, erst überirdisch auf einem Viadukt, später unterirdisch: Der Name U-Bahn etablierte sich ab 1929. New York eröffnete seine Subway 1904, Buenos Aires betrieb die erste südamerikanische Metro ab 1913. Moskau nahm seine Untergrund-Bahn 1935 in Betrieb und hält heute mit täglich rund neun Millionen Fahrgästen den Rekord - noch vor Tokio. Die Japaner waren in Asien Vorreiter, ihre Hauptstadt-Metro fuhr ab 1933 auf der jetzigen Ginza-Linie.

Moskaus Metro: Symbol für Stärke des Sowjetsystems

U-Bahnen sind nicht nur funktional und praktisch. Sie spiegeln immer auch die Gesellschaft, die sie schuf und die sie befördert. In Paris ist die alte Pracht der Jahrhundertwende schon an den schmiedeeisernen Jugendstil-Verzierungen vieler Eingänge abzulesen, zum Beispiel an der Haltestelle "Tuileries". Die "Moskowskij Metropoliten", die Moskauer Metro, sollte gleich als Ganzes die Welt von der Überlegenheit des Sowjetsystems überzeugen und die beste U-Bahn der Welt werden. Ihr Bau war ein wahnsinniger Kraftakt nach Stalins Willen: Zwangsarbeiter schufen die "Paläste der Arbeiterklasse", Bahnhöfe mit marmornen Säulen, gewaltigen Kronleuchtern und bunten Fresken wie die Station "Komsomolskaja". Dagegen zischt Tokios U-Bahn in steriler Atmosphäre durch kühl und pragmatisch gestaltete Stationen: Symbol für die japanische Business-Welt.

Heute boomt der U-Bahn-Bau vor allem in Ostasien. Was die U-Bahn-Baulust in der westlichen Welt erlahmen ließ, sind die hohen Kosten der unterirdischen Systeme.

Zuletzt musste Athen schmerzlich erfahren, dass die Ausgaben für jene beiden neuen Linien explodierten, die als Prestigeobjekt zu den Olympischen Spielen 2004 fertig sein sollten. In der Stadt mit jahrtausendealter Geschichte verzögerten archäologische Grabungen die Arbeiten um zwei Jahre. Tunnel mussten neu geführt und der Bau einer geplanten Station schon beim Aushub gestoppt werden. Dafür gleichen heute, sechs Jahre nach der Eröffnung, viele der unterirdischen Stationen Museen. Amphoren, Öllampen, ein Skelett, Reliefs und Skulpturen hinter Glas lassen sogar die Athener im morgendlichen Berufsverkehr stoppen.

In der Schweiz dagegen schleppt sich seit Jahren das ehrgeizige Projekt der Swissmetro hin, einer unterirdischen Magnetschwebebahn unter dem gesamten Alpenland - denn die Kosten sind einfach gigantisch.

New Yorker Subway: Zeitreise in die Dreißiger

Zur Freude von nostalgischen Touristen und zum Leid vieler Pendler sind wegen der hohen Kosten manche der ersten Metros bestens konserviert. Viele Stadtkassen sind überfordert. Wer in der Weltstadt New York in den Untergrund steigt, sich über schmierige Treppen in klapprige Züge tastet und sich von den Stationsschildern in Mosaik leiten lässt, der fühlt sich in die dreißiger Jahre versetzt.

Auch die Londoner haben Schwierigkeiten, ihre Tube instand zu halten. In den gewundenen Tunneln unter der City geht nicht nur jegliche Orientierung verloren, der Untergrund ist außerdem so uneben wie wohl vor 100 Jahren. Einer der Betreiber musste schon bei eBay Ersatzteile für die antiquierten Waggons ersteigern. Zugleich glänzt die britische Hauptstadt aber mit futuristisch anmutenden Stationen der Neuzeit wie "Southwark" oder der vom Stararchitekten Norman Foster entworfenen "Canary Wharf" auf der Jubilee Line.

Wie in London, Moskau und Paris sind viele unterirdische Verkehrssysteme eine eigene Sehenswürdigkeit und seit den achtziger Jahren zum Tummelplatz für Architekten, Designer und Künstler geworden. So gilt die Stockholmer Tunnelbana als längste Galerie der Welt. Skulpturen, Grotten, Mosaike, Wasserlilienbrunnen, Gemälde: An der Gestaltung von 90 der 100 Stationen haben etwa 140 Künstler mitgewirkt. Ob Prag, München, Taschkent, Lissabon, Santiago de Chile oder Montréal, in vielen Städten der Welt lohnt ein Bummel in der Unterwelt.

Kein anderes öffentliches Verkehrsmittel gilt als so sicher wie die unterirdischen Züge - und doch können Unfälle und Anschläge auf das Massentransportmittel verheerende Folgen haben. Erst in der vergangenen Woche kam in Rom eine Frau ums Leben, als zwei U-Bahn-Züge kollidierten. 235 Menschen wurden verletzt. Terrorattentate auf die Untergrundsysteme treffen die Großstädte immer mitten ins Herz: Im Februar 2004 starben in Moskau mindestens 40 Menschen, bei den Selbstmordanschlägen in Londoner U-Bahn-Stationen und Bussen im Juli 2005 kamen 56 Menschen um. Doch schon wenige Tage nach den Bombenexplosionen nutzten die Londoner ihre Tube wie zuvor. Zu der U-Bahn gibt es in den Millionenstädten der Welt keine Alternative.

SPIEGEL-ONLINE-Special "Mind the Gap"

SPIEGEL ONLINE stellt die U-Bahnen großer Weltstädte vor. Die Reihe "Mind the Gap" heißt nach dem berühmten Londoner Hinweis beim Ein- und Aussteigen, der vor der Lücke zwischen Bahn und Bahnsteig warnt: "Achten Sie auf den Spalt!"

Unsere Reporter sind in die Londoner Tube abgetaucht ("Kaum eine U-Bahn der Welt ist mehr geliebt"), die Pariser Métro ("Es kann himmlisch sein, doch manchmal ist es die Hölle"), die Moskauer Metro ("Monument der Stalin-Ära"), die Berliner U-Bahn, die New Yorker Subway ("rattenverseucht, morsch, toll") und die Untergrundbahnen von Tokio ("Sauber ist es. Blitzblank"), Montréal ("ein Segen"), Hongkong und Kairo. Ihnen begegneten U-Bahn-Stopfer, Mikroklima-Messer, orientierungslose Touristen, Prostituierte, Mönche, genervte und genießerische Pendler und Bürgermeister.

Steigen Sie ein - aber: Mind the Gap!

Morgen startet die Tour durch die Metro-Städte mit einer Reportage des SPIEGEL-Korrespondenten Uwe Klußmann über die Moskauer Metro, die meistbenutzte U-Bahn der Welt.

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