Nachtleben in London Exzess, Extravaganz, East End

Wer feiern will, fährt nach Berlin. Londons Clubs versuchen mitzuhalten. Aber haben sie das nötig? Auf der Suche nach der besten Party der Stadt.

In London gelten die Partyregeln jeder großen Stadt: höchstens zwei Bier pro Laden, zwischendurch ein Wasser. Genug Geld mitnehmen oder hübsch genug sein, dass man keins braucht. Drogen sind nicht unbedingt hilfreich. Kokain hält wach, macht aber unsympathisch. Ecstasy macht glücklich, aber debil. Wichtig: den Schwulen folgen. Niemand schaut gern heterosexuellen Männern beim Tanzen zu.

Am besten also, man fängt die Reise in die Nacht in Soho an, Londons Klassiker unter den regenbogenbeflaggten Ausgehvierteln. Schon am frühen Donnerstagabend schieben sich die Feierwilligen durch die Gassen um die Old Compton Street, ein paar hundert Meter vom Piccadilly Circus. Das Madame Jojo's spielt, sehr beliebt in der Gegend, eine Cabaretshow. Conférencier Ophelia Bitz verspricht "Lust, Extravaganz und Freizügigkeit".

Extravaganz kommt zuerst, in Gestalt einer nicht wirklich russischen Ballerina mit rot-weißen Verkehrshüten an den Füßen und schmutzigen Witzen auf der Zunge. Dann ein Karten-Ninja aus Neuseeland, der sich der Tragik bewusst ist, dass sein größtes Talent im zielgenauen Spielkartenwerfen liegt.

Lust und Freizügigkeit soll die Burleske-Tänzerin Mia Merode abdecken, die sehr gut darin ist, die an ihren Brüsten befestigten Puschel kreisen zu lassen. Es ist Trash, und es ist wunderbar. Das Publikum, fast alles Touristen, kreischt. Die Einheimischen ("Es war nicht meine Idee, herzukommen") verstecken sich im hinteren Bereich, können aber nicht vortäuschen, keinen Spaß zu haben.

Soho hat ein Coolness-Problem. Vom einstigen Rotlichtcharme sind ein paar Sexshops übrig, sonst reihen sich schicke Bars und Clubs aneinander wie in einem Party-Disneyland. Überall Touristen. Und, o Gott, der Tod für jede hippe Gegend, Junggesellinnenabschiede.

Die Jüngeren zieht es heute in die Shadow Lounge, einen blauschimmernden Club mit Riesen-Discokugel, in dem schon Elton John gesichtet wurde und Kylie Minogue sogar, wenn man dem Assistenten des Geschäftsführers glaubt. Typische, gleichförmige House-Musik, alles glatt und edel, wie auch im Lo-Profile um die Ecke, nur dass dort alles pink ist und so offensiv schwul, dass sehr viele Heteros da sind, die sich für progressiv halten.

Gäste fordern Exzess

Wer oft genug im Fitnessstudio war, geht rüber ins Miabella, wo Drag Queen Jodie Harsh wie jeden Donnerstag zu ihrer Partyreihe "Room Service" lädt und nach ein Uhr nur noch die Schüchternsten ein T-Shirt tragen. Pumpende elektronische Musik, niedrige Decken, etwa 300 eng aneinander gepresste Leiber.

Eine gigantische Schlange vor der Toilette, und niemand benutzt die Urinale. Man quetscht sich zu zweit oder zu dritt in die Kabinen und teilt, was man hat, um noch etwas länger durchzuhalten. Ein Security-Mensch sitzt davor und hat längst kapituliert. Die Gäste fordern Exzess. "Und den bekommen sie hier", sagt Türsteherin Jasmine. "Habt ihr so etwas etwa in Berlin?"

Berlin. Der Stachel in Londons wackelndem Partyhintern. Das Nachtleben der deutschen Hauptstadt gilt als das aufregendste der Welt - Orte wie das Berghain, Watergate, Kater Holzig versprechen tagelange Ekstase, von überall her kommen die Leute, um mitzufeiern. Nach London kamen sie für das Fabric oder das Ministry of Sound. Früher.

Mitte Januar erschien im Londoner "Sunday Times Magazine" ein großer Artikel über die Partyszene Berlins und prangerte die "unverhohlene sexuelle Zügellosigkeit" und den "drogenberauschten Exzess" in den Clubs der deutschen Hauptstadt an, wo angeblich ständig "Massenorgien mit Hunderten von Leuten" veranstaltet würden. Das war hoffnungslos übertrieben und als Beschimpfung gemeint, aber die Londoner fragten sich natürlich: Warum haben die Massenorgien und wir nicht?

"Londons Problem ist, dass die Stadt dem Geld hinterherläuft", sagt Lyall Hakaraia, der in Dalston im nördlichen East End den winzigen Club Vogue Fabrics betreibt. "Vor fünf Jahren gab es in Hackney noch spektakuläre Partys in verlassenen Lagerhäusern, heute sitzen da überall Firmen drin. Der Platz wird einfach knapp." Hakaraia macht eigentlich Mode und hat es vor allem mit einem roten Seidenmantel für Lady Gaga zu einiger Bekanntheit gebracht, aber seit drei Jahren öffnet er zugunsten seiner Credibility am Wochenende den Keller unter seinem Atelier für großartige, verschwitzte Partys.

Nichts für Möchtegern-Hipster

"Hier soll es entspannt, aber exzessiv zugehen, schlampig und phantastisch", sagt Hakaraia. Ein Bier kostet nur drei Pfund, für Londoner Verhältnisse lächerlich wenig, es sollen auch die einen Platz finden, die es nicht so haben mit der Jagd nach dem Geld - Künstler, Kreative, gern gescheiterte. "Die Leute nennen das Berlin-Vibe, aber wissen Sie, ich bewege mich seit 20 Jahren durchs Londoner Nachtleben. Den Berlin-Vibe gab es hier schon, da hat von Berlin noch kein Mensch geredet. Nicht mal in Berlin."

Unten am Schaufenster des Ladens klebt in blassen rotgoldenen Buchstaben das Wort "Vogue", sonst weist nichts auf einen Club hin. Damit nur Leute kommen, die wissen, dass sie hier sein wollen. "Menschen, die sich gehen lassen können, ohne aggressiv oder unangenehm zu werden. Nicht diese Möchtegern-Hipster, die heutzutage durch Shoreditch ziehen."

Shoreditch - Maß aller Dinge in Sachen Hipness

Shoreditch hat auch so ein Coolness-Problem, im Verhältnis zu Soho allerdings in entgegengesetzter Richtung. Zu viel. Noch immer ist der Stadtteil im East End das Maß aller Dinge in Sachen Hipness, einst verfallen und verarmt, dann von der Avantgarde zum Kunst- und Designparadies ausgerufen.

Ein Wust an Clubs und Bars ist hier entstanden, für Leute, die sich kreuzbergmäßig Underground fühlen wollten. Heute ist es das Kreuzberg von morgen: durchgentrifiziert. Die Mieten zählen zu den höchsten der Stadt, was bedeutet, dass sie auch zu den höchsten der Welt gehören. Wo andernorts Pop-up-Stores der letzte Schrei sind - Läden die kurz auftauchen, um teure Dinge zu verkaufen -, eröffnete hier vor kurzem das weltweit erste Pop-up-Einkaufszentrum.

Für einen langen, spaßigen Freitagabend braucht man hier viel Geld, aber man zeigt es nicht. Auf den Straßen viele junge Leute in engen T-Shirts, strategisch gelöcherten Leggings, hier und da ein Tweedjackett. In der Commercial Tavern, einem extrem beliebten Pub in einem halbrunden viktorianischen Gebäude ("Wusstest du, dass Tracey Emin um die Ecke wohnt?"), glühen sie für den Abend vor, umgeben von Spiegeln und Hirschgeweihen. Schöne Menschen, die sich sehr anstrengen, gleichzeitig gut gelaunt und cool zu sein.

Dann lieber ins George and Dragon, sehr bunt, eher eine Bar als ein Club, aber die Gäste quetschen sich zum Tanzen in jeden Winkel. Madonna! Dannii Minogue!! Unendliches Glück. Betont geschmacklose Plastik-Deko plus betont geschmackloser Plastik-Pop ergeben, dass sich die eine Hälfte wie Ironie-liebende Hipster fühlen darf und die andere wie ehrliche Spaß-Liebhaber.

Frauen, Männer, alles erlaubt, alle lachen. Eine Wandtafel über dem DJ-Pult gratuliert einem gewissen Omar zur Wahl zum Stricher des Monats. Das Barpersonal ist berühmt für seine Unfähigkeit, und nicht jeder bekommt das, was er bestellt hat. Aber solange es Alkohol ist, beschwert sich niemand. Einfach weitertanzen. Shoreditch vorbei? Hier nicht.

"Traurig, was daraus geworden ist"

Das Joiners Arms ein paar Ecken weiter war bis vor kurzem noch der logische nächste Schritt nach einem Besuch im George and Dragon. Etwas mehr Platz zum Tanzen, Raucherterrasse, gute elektronische Musik und ekstatische Gäste aus der Nachbarschaft. Das war, bevor man angefangen hat, am Wochenende zehn Pfund Eintritt zu verlangen.

"Das haben wir nur gemacht, weil die Schlange draußen zu lang wurde und die Nachbarn dauernd die Polizei gerufen haben", sagt Mitarbeiter Giovanni, aber es glaubt ihm niemand. Der Laden ist immer noch voll, jetzt aber mit Touristen, der Türsteher kann nicht mehr so wählerisch sein, viele stehen eher rum, statt zu tanzen. Yuka aus Tel Aviv findet's trotzdem cool: "Fast wie in Berlin."

"Ja, das Joiners Arms, traurig, was daraus geworden ist", sagt Wayne Shires. "Der totale Ausverkauf. Das merken die Leute sofort." Shires, ein runder Bärentyp mit Jahrzehnten Partyerfahrung, betreibt in der Gegend das East Bloc. Wer sich fragt, wo all die coolen Kinder des Stadtteils geblieben sind: hier. Angelockt von nur fünf Pfund Eintritt, schwarzweißen Wänden im Keith-Haring-Design und den besten DJs der Stadt, zeigen sie hier, wie lange sie tanzen können, oder wenigstens, wie viel Mühe sie sich bei der Auswahl des Party-Outfits gegeben haben.

Glitzerkragen, gekonnt verschmierter blauer Lidschatten, spitze Hüte. Wer sich nicht kostümiert hat, sieht aus wie aus dem Bett gerollt. Zusammen feiern sie selig durch die Nacht. Trotz der Hipness ein gelöstes Beisammensein. Lächeln. Niemand steht stumm in der Ecke und versucht, cool auszusehen. Man weiß, dass man es ist.

"Klar, insgeheim bewundert jeder hier Berlin. Aber ich bezweifle, dass man dort so etwas findet wie uns", sagt Shires. "Die Läden in Shoreditch verstehen sich teilweise als eine Familie. Das George and Dragon ist wie eine Schwester für uns. Und, na ja, das Joiners Arms ist wie der Cousin mit dem Inzuchtproblem."

Mission Spaß - Ob Drag-Queen oder experimentelle Performance-Kunst

"Besser als das East Bloc kriegt es im Moment kaum jemand hin", sagt Jim Warboy, ein Londoner DJ. Er steht aber gerade nicht im East Bloc, sondern im Egg, einem großen Feiertempel im Stadtteil King's Cross. 1000 Leute passen rein, vielleicht 300 sind in dieser Nacht von Freitag auf Samstag um vier Uhr morgens da.

Eine Fabrikhalle, die in eine Tanzerlebniswelt mit vier Räumen umgewandelt wurde, ein schöner Club eigentlich. In Partystimmung kommt man hier aber nur mühsam. Am Eingang steht ein Metalldetektor, und überall warten finster blickende Security-Männer darauf, dass die Besoffensten unter den Gästen aufeinander losgehen. Jungs in Polohemden und Mädchen in engen Paillettenkleidern. "Vorstadtpublikum" nennen das die Londoner unfreundlich, kaum ein East Ender würde sich hier sehen lassen.

Das gleiche Problem hat das Fabric, ein viel gerühmter, labyrinthischer Riesenclub, der von der Architektur und der kompromisslosen Techno-Musik her dem Berghain am nächsten kommt, aber auch vor allem Polohemden anzieht. "Die großen Läden haben es in der Stadt im Moment schwer", sagt Warboy. "Alle wollen es klein und exklusiv, ohne die vielen Sicherheitsleute. Dafür kann man dort dann von lauter obercoolen Angebern umgeben sein." Das Egg renoviert gerade, zum neunten Geburtstag des Clubs im Mai soll alles ein bisschen schicker aussehen. Motto der Geburtstagsparty: "Berlin, Berlin".

Löcher-T-Shirts und Tweed

Samstagnacht im Dalston Superstore, in Spuckweite vom Vogue Fabrics. Tagsüber Café, Galerie und Künstlertreff, abends der begehrteste Club der Stadt. Die Macher haben öffentlich betont, ihr Konzept nach Berliner Vorbildern entworfen zu haben. Das wirkt. Etwa 200 Leute passen rein, drin sind ein paar mehr, noch mal so viele warten vor der Tür. Jeder will hier sein. Oben an der Bar Biertrinken, Drängeln und Outfit-Vergleichen.

Wieder viele Leggings, Löcher-T-Shirts, wieder jemand in Tweed. Im Keller Engtanz zu Elektrobässen. Auf der Raucherterrasse stehen viele Nichtraucher, denn von dort aus kann man triumphierende Blicke auf die Leute werfen, die vom Türsteher abgewiesen werden. Es sind einige von den obercoolen Angebern hier, von denen Jim Warboy am Abend vorher sprach. Warboy ist allerdings auch da und tanzt unten mit ein paar Freunden. "Was soll's, ich liebe es hier", sagt er.

Draußen stehen Polizeiwagen, einem jungen Mann wurde auf der Straße die Brieftasche weggerissen. Die Gegend ist fast so teuer geworden wie Shoreditch nebenan, aber die Kriminalität ist immer noch ein Problem. "Und ich sage den Leuten immer wieder: Ihr müsst euer Geld hier tiiiief in den Taschen verstecken", seufzt Linda. Sie lebt seit 22 Jahren im Viertel, die letzten paar davon draußen neben dem Geldautomaten einer Supermarktfassade. "Die Miete ist mir ein kleines bisschen zu hoch geworden."

"Das hier ist immerhin London"

Und die beste Party? Ist immer da, wo London eben nicht versucht, wie Berlin zu sein. Zum Beispiel bei Duckie, samstags weit weg vom East End in Vauxhall, südlich der Themse. Amy Lamé, eine beschwingte Lesbe mit schwarzer Hochsteckfrisur, einem "FAT!"-Button auf dem gelben Jackett, organisiert die Duckie-Party seit über 16 Jahren in der Royal Vauxhall Tavern. Musik von elektronisch über Achtziger-Jahre-Peinlich bis alternativ. Ständig Morrissey, weil Lamé von ihm besessen ist.

Alle tanzen. Das Publikum rührt sich zu gleichen Teilen aus Homos und Heteros, Löcher-Shirts und Karohemden, aufgetakelt und Mir-doch-Egal zusammen. Etwa 350 Menschen mit der Mission Spaß. Zwischendurch gibt es auf der Bühne "experimentelle Performance-Kunst" zu sehen. "Gelegentlich auch mal eine Drag Queen", sagt Lamé. "Aber nur, wenn sie experimentell genug ist!"

Ja, auch sie sei ein paarmal in Berlin gewesen. "Ist ja auch ganz schön und kreativ und günstig und so", sagt sie. "Aber ich finde es traurig, wie das ganze East End versucht, so wie die zu sein. Meine Güte, das hier ist immerhin London! Wir haben es nicht nötig, jemanden zu imitieren."

Es sei doch gut, dass es beides gebe, Berlin und London, beides auf seine Art fabelhaft. Paris aber, das sei ja wirklich so was von vorbei.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.