Nachtleben in Zürich Im Westen nur Neues

Imagewandel im Quartier: Rund um die Zürcher Rotlichtmeile Langstrasse und im ehemaligen Industriequartier sprießt junges kreatives Leben in alten Gemäuern. Ob Galerie, Restaurant oder Tanzclub - Züri-West setzt die Trends.

Von Michèle Roten


Zürich ist zu reich. Zürich ist adrett und lieb und nett, Zürich ist ein Streber. Zürich ist der Paradeplatz, sein Fundament ist pures Gold. Zürich ist alte Damen mit Pelzmänteln und kleinen Hunden, die im "Sprüngli" spitzlippig Luxemburgerli knabbern. Aber Zürich ist auch anders, ist Drogen und Prostitution und Gewalt und Häuserbesetzung und Subkultur und Nachtleben.

Diese andere Geschichte der Stadt lässt sich von einem Knotenpunkt aus erzählen: dem Taxistand an der Langstrasse 94, einem kleinen Platz mitten im Sündenbabel. Noch bis vor ein paar Monaten standen da Taxifahrer rum und stritten sich mit den Berauschten, die Berauschten mit den Nutten, die Nutten mit den Polizisten, die Kurdenmafia mit der Türkenmafia und alle miteinander, dann wurde ein Baum gefällt, der Platz neu asphaltiert, drei Sitzbänke aufgestellt und ein Trinkbrunnen. Tagsüber sitzen da jetzt die Alkoholiker, Schüler essen Kebab und Angestellte der umliegenden Büros sonnen sich in der Mittagspause.

Das Quartier wird zurzeit einem Imagewandel unterzogen, die "positiven Eigenschaften des Geschäftsstandorts Langstrassenquartier" sollen in den Vordergrund gerückt werden, außerdem muss natürlich an der Sicherheit und Sauberkeit gearbeitet werden, sagt der Verein Langstrassenmarketing. Disneylandisierung, sagen andere. Momentan befindet sich die Meile im Zustand einer eigenartigen Melange aus Milieupersonal und Szenevolk, Prostitution und Party, Drogensüchtigen und Spaßsüchtigen, Verbrechern und Afterwork-Wilden. Eigenartig, aber auch einzigartig.

Vom Cabaret zur Partyinstitution

Es ist halb zwei Uhr morgens, ein Samstag. Der Polizeiwagen gleitet langsam, fast lautlos durch die Langstrasse, irgendwie haiähnlich. Er fährt auf der Busspur, die verbotenerweise aber konsequent von Fahrradfahrern genutzt wird. Sie weichen gemächlich auf das Trottoir aus, im Wissen, dass die Polizisten in diesem Teil der Stadt Wichtigeres zu tun haben.

Bei einer Gruppe zwielichtig aussehender Gestalten bleibt der Wagen stehen. Vier Beamte steigen aus und schnappen sich einen Mann, drücken ihn gegen eine Wand. Drei junge Mädchen in Leggins unter Miniröcken, eine mit einer kleinen Louis-Vuitton-Tasche, die ziemlich sicher echt ist, denn man kann an den teuren Haarschnitten und den dezenten Ballerinas ablesen, dass die Mädels Sprösslinge vom superreichen Züriberg sind, gehen großäugig und mit einigem Abstand an der Szene vorbei, erst ein paar Schritte später beginnen sie aufgeregt zu schnattern.

Direkt gegenüber vom Ort der Festnahme, am Platz beim Taxistand, atmet die Bar "Longstreet" angeschickerte Feierwütige aus und wieder ein, mit jedem Öffnen der Tür schwappen ein eklektischer Musikmix und betrunkenes Gejohle in die Nacht. Noch vor einigen Jahren war das "Longstreet" ein Cabaret, dann kamen zwei Habitués der Zürcher Partyszene und machten daraus das, was inzwischen schon eine Institution ist.

Die Übernahme war so sanft, dass sich anfangs noch ältere Stammkunden des Cabarets in ballonseidenen Blousons verwirrt durch die neue Gästeschar drückten, ein durchaus beabsichtigter Effekt, wie die Betreiber sagen, denn sie streben eine "gute Durchmischung" an. In behutsamen Gesprächen erklärten sie vor der Übernahme dem Milieu, dass sie nicht vorhätten, es zu vertreiben. Auch Nutten seien nach wie vor willkommen im neuen "Longstreet", nur anschaffen dürften sie dort nicht. Inzwischen kommen sie nicht mehr.

Latina-Frauen an der Piranha-Bar

Der Puff-Schick des Interieurs wurde also beibehalten, roter Samt beherrscht das Lokal, im Separee des oberen Stocks steht noch immer die kleine Bühne mit der Stange, neu dazu kam ein Himmel aus Glühbirnen. In der Ekstase der Nacht schraubt Yves Spink, einer der Chefs des "Longstreet", gern welche ab und verschenkt sie an kurzfristig Angebetete. Er ist ein Clown, ein wahnsinniges Genie, eine wandelnde Legende von Drogen-Dummheiten, ein Durchgeknallter, ein unberechenbarer Feierjunkie, neuerdings ein ruhiger Bürger, wie er gern sagt, andere sagen "Zürichs Boris Jelzin", (ständig am Wanken, aber immer alles unter Kontrolle), einer, der von so vielen gekannt wird, dass er sie niemals alle kennen kann.

Sein Partner Koni Frei ist ein altgedienter Disco- und Gastrounternehmer. Und ein Pionier im Kreis: 1993 eröffnete er den Club "Kanzlei", in der Turnhalle auf dem Pausenplatz eines Schulhauses knapp am Rand des Milieus – er wurde als Spinner verschrien. Zwanzig Schritte weiter und ein paar Jahre später kam die "Central"-Bar dazu, noch mal ein paar Schritte weiter liegt heute seine Café-Bar "Sport".

Und dann marschierte Frei beherzt mitten ins Auge des Orkans, zum "Longstreet". Sein neuestes Baby ist das "Restaurant Volkshaus", genau in der Mitte zwischen Anfangs- und letztem Endpunkt, zwischen "Kanzlei" und "Longstreet". Vis-à-vis vom Helvetiaplatz mit dem großen Gebäude, in dem ehemals das Sozialamt drin war, mit seinen Spritzenautomaten und den Junkies, die sich im Brunnen die Füße waschen und wo es immer ein bisschen nach Urin riecht und wo man den Geldautomat lieber mit Handschuhen bedient und schnell macht.

Eine Tür neben dem "Longstreet", ebenfalls an den Platz angrenzend, flackert die grellgelbe Plastikpalme der "Piranha-Bar", Latina-Frauen stehen desinteressiert, aber aufreizend vor dem Eingang, von drinnen kommt Bummbummsalsa. Männer gucken. Gehen rein. Zwischen den Pforten von "Longstreet" und "Piranha-Bar" liegen eine Würstchenbude und der Eingang zu einem Bürohaus: Darin arbeiten Kreative. Ein Architekturbüro, eine hippe Werbeagentur, ein berühmtes Grafikatelier, eine Marketing-und Eventfirma.

Schoggigipfel in der 24-Stunden-Bäckerei


Ein Übersetzungsbüro war unter den Ersten im Haus, als im obersten Stock noch "die Frauen wohnten", wie der Chef sagt. "Die Frauen", das sind Nutten. Angst hatte sie nie, sagt eine Angestellte der ersten Stunde, "die Polizei ist ja immer präsent hier". Ab und zu gibt's Schlägereien, gar Schießereien, aber man gewöhne sich daran. Über einen toten Drogensüchtigen steigen zu müssen, um ins Büro zu kommen, wie es vor einigen Jahren mal vorkam, das sei aber schon ziemlich schockierend.

Inzwischen ist es drei Uhr morgens an diesem Samstag, auf einer der Sitzbänke hockt eine junge Frau und weint, ihre Freundinnen reiben ihr tröstend den Rücken und tätigen Anrufe. Ein etwa Dreißigjähriger mit Schirmmütze ruft im Suff euphorisch einen Namen: Claudia, Claudia, immer wieder, seine Kumpels versuchen ihn amüsiert und halbherzig zu beruhigen, bugsieren ihn weg.

Vor dem "Happy Beck" tummeln sich Leute. Der "Happy Beck" ist wohl die markanteste Neuerung der letzten Zeit, hat vielleicht am meisten verändert. Die Bäckerei hat am Wochenende 24 Stunden geöffnet und ist Anlaufstelle für alle, die während des Feierns eine Stärkung brauchen oder Frühstück für den nächsten Morgen, der meist eigentlich schon angefangen hat. Drinnen gehen also die beliebten Schoggigipfel und andere Imbisse über die Theke, draußen warten Junkies mit hohlen Händen und zählen auf alkoholisierte Freigiebigkeit. Zu Recht.



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