Nachhaltig reisen: "Nachts durch Europa - für mich ist das Reiseromantik pur"
Nachhaltig reisen: "Nachts durch Europa - für mich ist das Reiseromantik pur"
Foto: Sebastian Wilken

Nachhaltig reisen "Nachts durch Europa - für mich ist das Reiseromantik pur"

Das nächste Mal Nachtzug statt Billigflieger? Hier verrät ein Profi, wie man günstig bucht, wo tolle Strecken für Einsteiger liegen und was man unbedingt im Gepäck haben sollte.
Von Eva Lehnen

SPIEGEL: Sie haben in den vergangenen Jahren in Nachtzügen viel Strecke gemacht. Ganz ehrlich: Sind Sie nach Zehntausenden Kilometern nicht etwas gerädert?

Wilken: Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass ich auf sämtlichen Fahrten immer super schlafe. Natürlich schlafe ich in meinem eigenen Bett besser. Der Zug bewegt sich, es gibt Fahrt- und Rangiergeräusche.

SPIEGEL: ...und Schnarcher und Wälzer unter den Mitreisenden.

Wilken: Vielleicht hatte ich bislang Glück, mich hat noch kein Mitreisender um den Schlaf gebracht. Es sei denn mit spannenden Gesprächen. Tagsüber trifft man in der Bahn oft eher Menschen, die sich über Verspätungen, fehlende Reservierungen oder unbequeme Sitze aufregen. In Nachtzügen ist ein anderer Menschenschlag unterwegs. Ich habe dort oft ganz tolle Begegnungen.

SPIEGEL: Wie kommt das?

Wilken: Nachtzugfahren ist immer auch ein kleines Abenteuer. Das Gefühl sorgt für Verbundenheit. Mich machen die nächtlichen Reisen durch Europa sehr glücklich. Sich langsam dem Ziel zu nähern - für mich ist das Reiseromantik pur. Und - auch das ist mir sehr wichtig : Es gibt keine anderes Verkehrsmittel, mit dem man europäische Distanzen so komfortabel und klimaschonend zurücklegen kann.

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Europa entdecken: Die besten Tipps für Nachtzugreisen

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SPIEGEL: Wer sich bemüht, das Billigfliegen sein zu lassen, hat es nicht ganz leicht, sich über alle Nachtzugverbindungen in Europa einen Überblick zu verschaffen. Wie arbeite ich mich als Anfängerin am besten in das Streckennetz ein?

Wilken: Auf Wikipedia gibt es unter dem Eintrag 'Nachtzug' eine ziemlich gute und aktuelle Karte mit allen Verbindungen zwischen Südspanien und dem Polarkreis. Auf Interrail.eu  sind Nachtzüge und Reservierungsmöglichkeiten gelistet. Das Standardwerk für europareisende Zugenthusiasten ist die Webseite The Man in Seat 61 . Außerdem finde ich das Buch "Europe by rail"  sehr inspirierend.

SPIEGEL: Wie informieren Sie sich über Fahrtzeiten?

Wilken: Dafür eignet sich die Online-Reiseauskunft der Deutschen Bahn sehr gut. Dort stehen auch die Fahrtzeiten internationaler Verbindungen. Meine Tickets buche ich dann aber über die Webseiten der nationalen Bahnanbieter. Die tschechische Bahn hat zum Beispiel eine hervorragende deutschsprachige Webseite.

SPIEGEL: Warum buchen Sie nicht über die Deutsche Bahn?

Wilken: Das internationale Buchungssystem der Deutschen Bahn ist inzwischen ziemlich kompliziert geworden. Online ein Ticket nach Helsinki oder Schottland zu buchen? Vergessen Sie es! Außerdem sind die Nachtzugtickets dort oft auch teurer. Fahrten mit dem Nightjet  buche ich grundsätzlich über die ÖBB, die das Nachtzuggeschäft der Deutschen Bahn 2016 übernommen haben.

SPIEGEL: Welchen Spartrick würden Sie Einsteigern außerdem ans Herz legen?

Wilken: Das Wichtigste: frühzeitig buchen. Nachtzugtickets sind ab drei Monate vor Abfahrt erhältlich, für einige Züge sogar sechs Monate vor Reisebeginn. Wer kurzfristig buchen muss und vielleicht mehrere Fahrten vor sich hat, sollte auch immer durchrechnen, ob sich ein Interrail-Ticket  lohnt. Auch wenn noch die Reservierungsgebühr für den Nachtzug dazukommt, kann ein Interrailticket günstiger sein als ein kurzfristig gebuchter Fahrschein. Fast erschreckend günstig sind Fahrten im östlichen Mitteleuropa. In den sonst eher teuren skandinavischen Ländern finde ich die Tickets auch vergleichsweise günstig. Schottland hat übrigens auch ganz tolle Nachtzüge.

SPIEGEL: Welche Strecken würden Sie Einsteigern ans Herz legen?

Wilken: Berlin-Budapest. Die Fahrt dauert 14 Stunden. Wenn man morgens gegen 7 Uhr aufwacht, zieht draußen vor dem Fenster die Donaulandschaft vorbei. Auch die Einfahrt in den Budapester Ostbahnhof ist spektakulär. Die Strecke von Stockholm nach Narvik in Nordnorwegen, dem Tor zu den Lofoten, ist auch ein Highlight. Die Fahrt dauert mit 19 Stunden ziemlich lang und ist aber vor allem in der helleren Jahreszeit landschaftlich grandios. Das letzte Stück führt aus dem Hochgebirge runter auf Meeresniveau. Auch großartig: der Aurora-Borealis-Express zwischen Helsinki und Kolari.

SPIEGEL: Welche Lieblingsstrecken haben Sie im Süden Europas?

Wilken: Einmal den italienischen Stiefel runter von Mailand nach Sizilien. Das ist ebenfalls eine ziemlich lange und landschaftlich sehr schöne Fahrt. Am Ende fährt der Zug noch auf eine Fähre. Solche Verladungen gibt es in Europa nur noch selten. Auch toll und ein gutes Training für alle, die mit der Transsibirischen Eisenbahn verreisen möchten, ist die Strecke Wien-Kiew.

SPIEGEL: Das hört sich nach einer sehr langen Fahrt an.

Wilken: Sie dauert rund 24 Stunden. Und ganz abgesehen von der tollen Landschaft, bringt der Zug einen in zwei faszinierende Städte: Lemberg und Kiew in der Ukraine. Beide liegen Hunderte Kilometer vom Kriegsgebiet entfernt und sind absolut empfehlenswert. Es ist Wahnsinn, was für tolle Städte es in Europa noch zu entdecken gibt.

SPIEGEL: Noch ein paar ganz praktische Fragen: Was können Nachtzuganfänger von den Profis lernen?

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Wilken: Wer zum Schlafen absolute Dunkelheit braucht, sollte eine Rolle Klebeband im Reisegepäck haben. Damit lassen sich lästige Lichtritzen im Abteil abkleben. Woran man auch denken sollte: vorm Schlafengehen die vorhandenen Kleiderbügel im Abteil abnehmen, damit sie nicht klappern.

SPIEGEL: Sich vor Fremden den Schlafanzug oder das Nachthemd überzuziehen, ist nicht jedermanns und - fraus Sache. Wie erledigt man den Garderobenwechsel am besten?

Wilken: Wer einen Moment Privatsphäre möchte, bittet seine Mitreisenden, kurz das Abteil zu verlassen. Das versteht jeder. Auch gut zu wissen: In europäischen Schlafwagen ist Geschlechtertrennung Standard. Es sei denn, man hat das Abteil für sich und seine Familie oder Freunde gebucht. In den Liegewagen bieten die ÖBB reine Damenabteile an.

SPIEGEL: Bis vor zwei Jahren wurden Nachtzugstrecken in Mitteleuropa abgebaut. Man hatte das Gefühl: Der Nachtzug ist für immer abgefahren. Inzwischen wächst das Streckennetz wieder - zumindest ein bisschen.

Wilken: Beflügelt durch die Klimadebatte erlebt der Nachtzug ein Comeback. Die Nachfrage steigt. Darauf reagieren einige europäische Bahnunternehmen. Brüssel soll offenbar im kommenden Jahr eine Nightjetverbindung von Wien bekommen, Amsterdam wird wahrscheinlich im übernächsten Jahr folgen. Richtig interessant wird es dann Ende 2022.

SPIEGEL: Warum?

Wilken: Dann bekommen die ÖBB 13 neue Nachtzüge. Dann könnten die Österreicher, die Europas größter Nachtzuganbieter werden wollen, ihr Netz deutlich erweitern. Ich gehe davon aus, dass dann auch Kopenhagen dazukommt. Die Ticketnachfrage auf manchen Strecken ist übrigens inzwischen so groß, dass man kaum noch einen Platz bekommt.

SPIEGEL: Auf welchen Strecken ist es schwierig?

Wilken: Vor allem die Nightjets von Hamburg und Berlin nach Zürich sind oft ausgebucht. In diesen Zügen hat man als kurzfristig Reisender übrigens im Liegewagen die besten Chancen auf ein Bett. Auch die Züge von München nach Venedig, Rom und Mailand sind sehr beliebt.

SPIEGEL: Ihr Herz schlägt nicht nur für Nachtzüge, sondern auch für Speisewagen. In welchem sollte man unbedingt mal gesessen haben?

Wilken: Ich kenne niemanden, dem bei der Fahrt mit dem tschechischen Speisewagen durch das Elbtal nicht das Herz aufgeht - bei Lendenbraten, Knödeln und böhmischen Bier.

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