New Yorker Designhotels Oase in der Großstadt

Muffig, dunkel, klein - wer einmal in einem New Yorker Hotelzimmer übernachtet hat, weiß, warum Touristen am liebsten auf der Straße sind. Designhotels versprechen Erleichterung: Größer sind die Zimmer zwar auch nicht, aber so viel besser gestylt.

Von , New York


Starcksche Spielerei: In der Bar des Hudson strahlt der Fußboden

Starcksche Spielerei: In der Bar des Hudson strahlt der Fußboden

New York - Der Eingang ist so unauffällig, dass man dran vorbeiläuft. Kein Name, kein Vordach, kein Empfangspersonal. Würde nicht ab und zu ein Taxi am Bürgersteig halten, man wüsste nicht, dass sich hinter der Fassade ein Hotel versteckt. Selbst die Lobby ist seltsam untypisch: so gar nicht hektisch und laut. Der Empfangstresen ist ein schlichtes Loch in der Wand, wie eine Kinokasse. Minimalismus pur.

Der Effekt der Stille ist gewollt: Das Morgans Hotel, das erste Designhotel der Welt, soll eine Oase in der Großstadt sein. Eine Oase für Insider, könnte man hinzufügen, denn nur Kenner finden den Weg durch die gläserne Drehtür. Eine ebenso unauffällige Milchglastür an der Seite führt in die Welt der Schönen und Reichen: "Asia de Cuba" ist eins der Top-Restaurants von New York, ein Traum in Weiß und Glas, designt von Philippe Starck und bevölkert von Models und Stars wie Elizabeth Hurley.

Morgans Hotel an der Madison Avenue: Der Effekt der Stille ist gewollt
ian Schrager

Morgans Hotel an der Madison Avenue: Der Effekt der Stille ist gewollt

Das 1983 eröffnete Morgans bildet den Grundstein von Ian Schragers Hotel-Imperium. Der ehemalige Discobesitzer (Studio 54) gilt als Pionier der Design-Hotellerie. Sein zusammen mit Starck entwickelter Stil ist längst zu einem prägenden Element der globalen Vielfliegerkultur geworden. Inzwischen gibt es so viele Nachahmer, dass der Meister den Ausdruck Designhotel nicht mehr hören kann. Besonders seit den späten neunziger Jahren schießen die ultramodernen Hotels mit den coolen Bars überall aus dem Boden - nicht zuletzt dank Schrager selbst, der seine Marke über die ganze Welt verbreitet hat.

In New York, der Stadt der Mode, Kultur und Medien, gibt es eine besonders große Auswahl an Designhotels. Allein Schrager betreibt vier Häuser: Neben dem Morgans noch das Paramount, das Royalton und das Hudson. Mit jedem Hotel wurde der Stil ein bisschen ausgefallener, der vorläufige Höhepunkt ist das zwei Jahre alte Hudson mit den psychedelischen, gelb illuminierten Rolltreppen am Eingang. Wem die Zimmer bei Schrager zu teuer sind (ab 175 Dollar), sollte zumindest für einen Drink in eine der spektakulär gestalteten Bars kommen.

Hauptwettbewerber von Schrager sind die W Hotels (sprich: Dabbeljuh), eine Kette des Hotelgiganten Starwood, die seit 1998 New York überschwemmen. Inzwischen gibt es fünf, meist in Midtown. Sie sind stärker an Geschäftsreisende gerichtet. Manche Gäste nennen sie herablassend einen "billigen Abklatsch" von Schrager, einen kommerziellen Versuch, den Designhotel-Boom auszuschlachten. Auch Al Petrone, der Manager des Hudson Hotels, der vorher bei den W Hotels war, lästert, W stehe für "Wannabe".

Hotel der Ian-Schrager-Kette: Unauffälliger Eingang des ersten Designhotels Morgans
Ian Schrager

Hotel der Ian-Schrager-Kette: Unauffälliger Eingang des ersten Designhotels Morgans

Doch er gibt zu, von seinem alten Arbeitgeber einiges gelernt zu haben, "vor allem im Servicebereich". Die W Hotels werben mit dem "Whatever Whenever"-Service. Das heißt, der Gast kann auch nachts um zwei einen Laserprinter bekommen, wenn er denn unbedingt möchte. Die Zimmer (ab 199 Dollar) sind in warmen Tönen gehalten, daher wirken sie trotz der kantigen Designmöbel gemütlich.

Das W Hotel an der Lexington Avenue ist mit 714 Zimmern ein großer Kasten. Es liegt gleich hinter dem berühmten Waldorf Astoria. In der Lobby hat Architekt David Rockwell reichlich verbrauchte Design-Elemente eingesetzt: ein Wasserfall hier, eine Pyramide grüner Äpfel dort. Die Minibar im Zimmer enthält einige Überraschungen, darunter zwei Lollipops. Die Betonung auf Komfort nimmt dem Hotel jedoch die "Cutting Edge".

Wer auf echte Avantgarde aus ist, der sollte eher ins Hudson gehen. Der futuristisch-gelbe Vorraum fungiert als "Dekompressionskammer", als Ort des Übergangs zwischen Draußen und Drinnen. Zwei Rolltreppen führen durch einen Tunnel nach oben, am Ende erlebt der Gast einen Moment der Erleuchtung: Eine große Halle mit Glasdach und Seidenefeu tut sich auf, man blickt direkt auf einen gewaltigen Mahagoni-Empfangstresen.

Auf Reisewebsites lästern Hotelgäste, der erste Eindruck sei auch schon das Beste am Hudson. Denn die Zimmer, so die einhellige Meinung der Hudson-Hasser, seien menschenunwürdig klein. Die 20 Einzelzimmer (95 Dollar, meist ausgebucht) erinnern in der Tat an ein Studentenwohnheim. Und auch die größeren Zimmer (ab 175 Dollar Nebensaison) haben nur 1,40 Meter breite Betten. Viel Platz gibt es erst in den Suiten (ab 350 Dollar).

Doch die Zimmer, verteidigt sich Petrone, seien nicht der Grund, warum Leute ins Hudson kämen. "Wir bieten ein Gesamterlebnis", sagt er. Das beginnt im Restaurant, wo an langen, schwarzen Gemeinschaftstischen mit Holzbänken gespeist wird. Hier sollen die Gäste, darunter viel hipper "Eurotrash" aus London und Paris, miteinander ins Gespräch kommen. Auch in den dunklen Hotelfluren gibt es beleuchtete Gemeinschaftsecken: Fluchtorte mit Getränkeautomaten, wenn einem das Zimmer zu eng wird.

In der Bar kommt das Licht nicht von oben, sondern aus dem Boden - eine Starcksche Spielerei. Ebenso eindrucksvoll ist die Bibliothek mit einer überdimensionierten Lampe über dem violetten Billiardtisch. Bill Clinton halte hier seine Mitarbeiter-Partys ab, erzählt Petrone. Das Penthouse mit Dachterrasse (ab 2500 Dollar) wird gerne für Modenschauen und CD-Premierenparties gemietet.

Hotel Hudson: Die Zimmer erinnern an Studentenwohnheime, dafür beeindruckt die Bibliothek mit Riesen-Lampen

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Eine weitere schicke Alternative sind die Schwesterhotels Soho Grand und Tribeca Grand. Im Unterschied zu den Schrager-Etablissements und den W-Hotels liegen sie nicht im Touristenbezirk Midtown, sondern in Downtown - dem hippen Herz von New York. Die 203 Zimmer des Tribeca Grand sind auf Galerien um die loftartige "Church Lounge" herum gruppiert. In der glamourösen Lobby legen oft DJs auf. Die Fenster in den Zimmern reichen bis fast auf den Boden und haben zum Teil einen Blick auf den Hudson River. Jedes Bad hat einen eigenen Fernseher. Der Luxus hat allerdings seinen Preis: Das billigste Zimmer kostet 259 Dollar.

Anfangs wurden die Designhotels noch Boutique-Hotels genannt, doch angesichts der Größe der neuen Kästen (bis zu tausend Betten) kann davon keine Rede mehr sein. Mit dem New-York-Boom Ende der Neunziger wuchsen auch die Amibitionen der Hotelbesitzer. Doch in der neuen Ära der Nüchternheit müssen sie jetzt zurückstecken. Das Hudson etwa reagiert auf den Nachfrageknick und die Kritik an den kleinen Zimmern mit Zusammenlegungen.



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