Nordengland Madchester, Gunchester, Menuchester

Nach langen Jahren der Krise ist Manchester heute die aufregendste Stadt der britischen Inseln: schillernd, modern, einmal mehr Trends setzend, wohlhabend und mondän. Ein einstiger Geheimtipp wurde zur inselweit bekannten Attraktion: der Folktrain in den Peak District.

Von Edgar Klüsener


Tap The Barrell: Selbst bekannte Folkgrößen wollen im Pendlerzug auftreten
Edgar Klüsener

Tap The Barrell: Selbst bekannte Folkgrößen wollen im Pendlerzug auftreten

Der Zug ist ein ganz normaler Nahverkehrszug, einer von der Sorte, die an jeder Pommesbude hält. Er fährt von Piccadilly nach Hadfield, eine Ortschaft in der Hügellandschaft des Peak Districts. Es ist ein trister Donnerstagabend, und da fahren nur diejenigen mit dem Zug in den Peak District hinaus, die einen wahrhaft triftigen Grund dafür haben. Die Abteile sind spärlich besetzt: Büroangestellte dösen auf dem Rückweg in ihr Vorstadtheim vor sich hin, zwei Wanderer haben ihre schweren Rucksäcke ab- und die Beine hochgestellt, und im vorletzten Waggon hämmert ein Geschäftsmann auf die Tastatur seines Laptops ein. Alles wie immer, fast, denn dieser spezielle Donnerstagabend ist besonders.

Der Geschäftsmann schaut verdutzt auf, als sich ausgerechnet sein Refugium von einem Moment auf den anderen mit einer Gruppe von rund 30 Leuten füllt. Die zusteigende Reisegesellschaft ist bunt gemischt: Sie sind jung und alt, tragen Leder, Nieten und lange Haare oder das graue Bürokostüm - ein perfekter Querschnitt durch das Straßenbild jeder beliebigen englischen Großstadt.

Zwei ältere Herren tragen Gitarren- und Banjokoffer, die sie öffnen und auspacken, während der Zug sich langsam in Bewegung setzt und der Schaffner die Fahrkarten kontrolliert. Die Instrumente werden gestimmt, und kräftige Stimmen setzen zu einem Folksong an. Die Neuankömmlinge packen Flachmänner, Thermoskannen oder kleine Picknickbecher und Weinflaschen aus. Es wird eingegossen und gesüffelt, während der Zug durch die Dunkelheit rattert und die beiden Musikanten, die auf den Bandnamen Tap The Barrell hören, ein neues Lied anstimmen.

Piccadilly-Hadfield: Ticketverkäufe für den Folktrain explodieren
Edgar Klüsener

Piccadilly-Hadfield: Ticketverkäufe für den Folktrain explodieren

Der Geschäftsmann ist unwissentlich mitten in eine klammheimliche Touristenattraktion geraten. Denn einmal im Monat wird der Nahverkehrszug nach Hadfield zum Folktrain nach Glossop. Was anfangs eine Schnapsidee war - Band gibt ad hoc Konzert in Nahverkehrszug - und sich dann zu einem Insiderspaß entwickelte, ist mittlerweile eine feste Institution im Nordwesten Englands geworden. Eine Attraktion, die sich nicht nur unter Touristen, sondern auch unter Musikern herumspricht. Immer mehr Gruppen - selbst bekannte Folkgrößen von Lindisfarne bis zu Pentangle - aus allen Teilen Britanniens und Irlands fragen von sich aus an, ob sie nicht ebenfalls mal aufspielen dürfen.

Bis 15 Minuten vor Abfahrt

In Glossop steigen Band und Publikum aus und spazieren zum örtlichen Labour-Club, wo das Konzert Bier auf Bier weitergeht. Der Club ist noch ganz Old Labour, Welten entfernt von der schnieken Neo-Sozi-Welt von Tony Blair. Außer alten und neuen Klassikern wie "Whiskey In The Jar" haben Tap The Barrell noch eine Menge traditioneller englischer Arbeiter- und irischer Sauflieder sowie etliche absolut nicht jugendfreie Eigenkompositionen im Programm, die das Publikum mitreißen. Pünktlich 15 Minuten vor der Abfahrt des letzten Zuges zurück nach Manchester marschieren alle wieder zum Bahnhof, steigen in den Zug, das Konzert geht weiter bis zur Endstation Piccadilly, wo sich schließlich die durchaus nicht mehr nüchterne Reisegruppe in alle Himmelsrichtungen zerstreut.

Cathedral Square: Ein Ort der Ruhe mitten im hektischen City-Center
Edgar Klüsener

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Der Folktrain ist eine der ungewöhnlichsten touristischen Attraktionen Manchesters. Aber bei weitem nicht die Einzige. Die Stadt, die der Welt einst zuerst die industrielle Revolution und dann das kommunistische Manifest beschert hatte, ist längst nicht mehr die graue, dem Niedergang anheim gegebene und von Depressionen geplagte Heimat maroder Industrien der Sechziger und Siebziger. Manchester hat sich inzwischen zu einer geschäftigen, kosmopolitische Metropole entwickelt, die ihre Vergangenheit ehrenvoll bewältigt hat und nun drauf und dran ist, erneut Maßstäbe zu setzen. Oder schon seit langem setzt.

Madchester

Und das nicht nur mit Manchester United, sondern vor allem in der Musikszene: Die lockt kreative junge Musiker aus der ganzen Welt nach Manchester. Wie Sel Balamir zum Beispiel, der eigentlich aus London ist, aber nun in Manchester lebt, weil das die Musikhauptstadt der Insel sei. Sel ist Gitarrist, Sänger und Songwriter von Amplifier. Die Musiker von Haven sind ebenfalls aus London zugewandert und erklären das Warum ganz schlicht so: "Manchester ist das San Francisco Europas, und das Night and Day Cafe ist Manchesters Version des Fillmore."

River Irwell: Der Fluss trennt die City of Salford (r.) und die City of Manchester (l.) voneinander
Edgar Klüsener

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Im Night and Day Cafe spielen jeden Tag zwischen zwei und sechs lokale Bands. Angefangen hat hier so ziemlich jeder heutige Pop- und Rockstar aus Manchester. Manchester ist aber auch die Geburtsstätte der Ravekultur der Achtziger und Neunziger, von Acid House und Ecstasy, und heißt nicht umsonst spätestens seit den wilden Tagen des legendären Hacienda-Clubs auch Madchester. Das musikalische Vermächtnis Madchesters ist gewaltig. Von hier kommen von den Bee Gees über Graham Nash oder The Hollies bis hin zu Take That, Thin Lizzie, Oasis oder The Smiths genug internationale Pop- und Rockgrößen, um mit ihnen ein eigenes Lexikon zu füllen.

Musik gehört noch mehr zu Manchester als Fußball. Musik ist überall, und das schon seit Friedrich Engels' Tagen in der Stadt. Der Wuppertaler Fabrikantensohn und Journalist hatte sich während seiner Jahre in Manchester von seiner Lebensgefährtin Mary Burns nicht nur in die Lebenswelt der englischen Arbeiterklasse einführen lassen, sondern auch in die unzähligen irischen Arbeiterclubs jener Zeit, in denen vor allem gesoffen und gesungen wurde.

Gunchester

Ein Grund für den Niedergang des Hacienda-Clubs war, dass das Nachtleben der Stadt in den Neunzigern zunehmend von bewaffneten Drogen-Gangs und Türsteher-Mafias dominiert worden war, die nicht nur von den Besitzern von Bars, Clubs und Cafés heftige Schutzgelder erpresst, sondern häufig die Clubs gleich selbst übernommen hatten. Heute hat sich die Lage im Clubland beruhigt, und in den klassischen Amüsiervierteln wie dem Schwulen- und Lesbenviertel Canal Street, seit der TV-Kult-Serie "Queer As Folk" weltweit auch als Gay Village bekannt, tobt inzwischen nur noch das Volk, während die Gangs sich in die Vororte zurückgezogen haben. Dort allerdings, vor allem in Vierteln wie Moss Side, herrscht nach wie vor Krieg, und Ortsunkundige sollten einen großen Bogen um sie machen. "Gunchester" ist nach wie vor und nicht ganz zu Unrecht inselweit berüchtigt.

Menuchester

Doch nicht nur in der Musik hat Manchester Vielfalt zu bieten, auch da kulinarische Angebot ist breit gefächert und hat Manchester den ehrenvollen Beinamen Menuchester eingetragen: Seit über 300 Jahren zieht die Stadt Einwanderer aus aller Welt an, seine chinesischen, indischen, afrikanischen oder karibischen Gemeinden sind zumeist die ältesten in Europa. Die China Town liegt im Herzen der Innenstadt und beherbergt neben chinesischen Banken, Supermärkten und Industrievertretungen vor allem eine enorme Zahl von Restaurants, darunter einige, die zu den anerkannt besten Großbritanniens gehören.

Riesenrad auf dem Triangle: Die von der Bombe zerstörte Innenstadt wurde völlig neu aufgebaut
Edgar Klüsener

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Wer's lieber indisch oder zentral-asiatisch mag, wird auf der Curry Mile bestens bedient. Wo die Oxford Road ihren Namen in Wilmslow Road ändert, beginnt die Curry Mile. Auf etwa eineinhalb Kilometern Strecke drängen sich indische, pakistanische, persische, arabische, afghanische und andere asiatische Restaurants. Die Curry Mile ist zu jeder Tages- und Nachtzeit enorm geschäftig.

Phönix aus der Asche

Dass die innere Vielfalt und Schönheit der Stadt sich in den letzten Jahren auch nach außen entfalten konnte, hat sie in gewissem Maße der IRA zu verdanken, die zur Fußball-EM 1996 eine Bombe detonieren ließ. Sie zündete während der Einkaufszeit mitten in der Innenstadt und hinterließ eine beachtliche Verwüstung, dank einer Vorwarnung aber keine Toten. Rund 20.000 Quadratmeter Innenstadt waren anschließend reif für die Abrissbirne. Für die Stadtplaner im Rathaus war die Situation trotzdem eine willkommene Gelegenheit, denn die Trümmerfläche im Herzen der Stadt eröffnete die Möglichkeit, ein atemberaubendes städtebauliches Wiederauf- und Umbauprogramm zu starten.

Shopping in Manchester: Die teuerste Einkaufsmeile der Stadt ist eine Gefahr für das Kreditkartenkonto
Edgar Klüsener

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Der Wiederaufbau ist inzwischen abgeschlossen, der Umbau allerdings hat sich verselbständigt, die Stadt verändert ihr Antlitz weiter mit einer Geschwindigkeit, dass sich selbst alteingesessene Mancunians manchmal nicht mehr auf Anhieb zurechtfinden, wenn sie mal für einige Monate nicht in der City waren. Heute ist Manchester farbenprächtig, vielfältig, glitzernd, mondän und schillernd, voll von Museen, Theatern, Kunstgalerien und natürlich Clubs. Das kulturelle Leben kann sich durchaus an dem Londons - und damit an dem jeder anderen europäischen Metropole - messen lassen. Kein Wunder, dass die Stadt mittlerweile nach London das beliebteste Reiseziel auf der Insel ist.



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