Öko-Stadtrundfahrt Paris brummt

Sightseeing mit Elektromotor: Immer mehr Touristen erkunden Paris auf futuristisch anmutenden Zweirädern. Stefan Simons hat's ausprobiert - für Kulturinteressierte empfiehlt er eine Rundfahrt per E-Rad, Fahrspaß-Junkies dagegen rät er zur Segway-Tour.


Der Touristentrupp erinnert an futuristische Roboter aus einem Star-Wars-Film: Auf zwei Rädern – aber ganz ohne Treten – juckeln die Paris-Besucher leicht nach vor gebeugt auf ihren merkwürdigen Gerätschaften quer über den Champs de Mars vor dem Eiffelturm. Unter den Bäumen fächert die behelmte Mannschaft auf den elektrischen Maschinen auseinander, flitzt – rund 15 km/h schnell – zwischen Bäumen hindurch zum Friedensdenkmal und findet sich vor der École militaire ein.

Die Touristen erregen Aufsehen, selbst bei den im Umgang mit Fremden ziemlich abgebrühten Einwohnern der Hauptstadt: Denn das halbe Dutzend Besucher aus England, Neuseeland und den USA, das an diesem Morgen mit leisem Summen flink durch Paris kurvt, erledigt die Rundfahrt entlang der Sehenswürdigkeiten per Segway: "Ein selbstbalancierendes persönliches Fortbewegungsmittel" heißt die sperrige Definition des innovativen Elektrorollers, der aus der Werkstatt von Daniel Düsentrieb stammen könnte. Die Erfindung aus den USA (Kostenpunkt: knapp 7000 Euro) erlaubt einen rund vierstündigen Parcours – ökologisch korrekt und doch ganz ohne Anstrengung.

Das Gefährt sieht aus wie ein altmodischer Hand-Rasenmäher mit zwei großen Ballonreifen, dazwischen befindet sich die Plattform für den rechten und linken Fuß, in der Mitte ein Steuerhorn in der Form eines Fahrradlenkers. Kaum ist das gut und gern 25 Kilogramm schwere Ungetüm bestiegen, genügt eine kleine Körperneigung nach vorn, und das Zweirad setzt sich mit feinem Summen in Bewegung. Anhalten? Eine leichte Gewichtsverlagerung nach hinten. Rückwärts? Noch mehr Rücklage. Für das Steuern nach rechts und links genügt es, den Lenker zur Seite zu neigen. "Kinderspiel", sagt Steven, einer von den Dutzend Führern, der unsere Gruppe vorm Büro von "City Segway Tours" einweist.

Steuerung per Gyroskop-Sensor

Tatsächlich erweist sich die Handhabung als verblüffend einfach. Das solide verschweißte Zweirad, eben noch ein schwergängiges Ungetüm, das vornüber geneigt am Boden lag, übernimmt nach dem Anschalten den Balanceakt, das Fahren gelingt intuitiv: Fünf Gyroskop-Sensoren, gepaart mit einem Haufen Computerchips, erfassen die Veränderungen im Schwerpunkt des Fahrers und regeln damit den Akku-Motor zwischen den beiden Ballonreifen.

[M] AP; SPIEGEL ONLINE
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Alles klar? Nein? Macht nichts, für die alternative Stadtrundfahrt reichen zehn, fünfzehn Minuten Einführung. Steven, US-Amerikaner aus Texas, zeigt das Auf- und Absteigen, bringt uns im Schnellkurs bei, wie der etwa 50 Zentimeter breite Roller Unebenheiten und kleine Bordsteine meistert. Unfälle sind selten, trotzdem muss jeder Kunde einen Haftungsausschluss unterschreiben – schließlich handelt es sich um eine US-Firma.

Die Helme werden aufgesetzt, die Bordapotheke eingepackt, dann brummt unser Konvoi Richtung Innenstadt. "Cool" grinst Gwen, die Informatikerin aus Florida, "auf jeden Fall besser als Laufen."

Dank der erhöhten Plattform können wir bisweilen über Vorgartenmauern linsen. Das bequeme Surfen auf dem elektrischen Roller macht die Rundfahrt zum doppelten Erlebnis: "Unsere französischen Kunden", sagt Steven, "machen die Touren nicht wegen der Hinweise auf die Sehenswürdigkeiten, sondern sie genießen in erster Linie die spaßige Art der Fortbewegung."

Elektrobike-Tour für Anspruchsvolle

Zumal sich die englischsprachigen Erklärungen am Wissensstand der Gäste aus Übersee orientieren. So lernen wir an der École militaire, dass Napoleon "ziemlich klein war"; am Invalidendom folgt der Hinweis auf zwei US-Piloten, die in der Kuppel versteckt waren, just als Hitler dem Bauwerk 1941 einen Besuch abstattete. Und an der Place de la Concorde versetzt Steven unsere Reisegruppe mit seiner Darstellung der Französischen Revolution ins Gruseln: "20.000 Hinrichtungen mit der Guillotine, aber es brachte doch auch mehr Freiheit für das französische Volk."

Genauso angenehm, technisch wesentlich schlichter, aber kulturell deutlich anspruchsvoller gerät die 45-Euro-Stadtrundfahrt bei "Paris Charms Secrets": Die junge Pariser Firma, trotz des englischen Namens auch mit Führern in Deutsch, Spanisch, Japanisch und Chinesisch unterwegs, operiert eine Flotte von zwei Dutzend Fahrrädern mit elektrischem Hilfsmotor. Es sind kräftige Mehrgang-Velos im Holland-Look, bei denen zwischen Rahmen und Hinterrad eine längliche Batterie Platz findet. Der Akku treibt einen Motor an, der sich in Bewegung setzt, sobald man zu treten anfängt. Verlässlich arbeitet die Kombination aus Trommel- und Felgenbremse.

Die Einweisung am Place de Vendôme dauert daher nur ein paar Minuten. Pharmavertreter Jean-Luc und seine Frau Helène, aktive Mountainbiker von der Atlantikküste, haben nach einer Proberunde zu Füßen der Siegessäule Napoleons das Prinzip kapiert: "Man fährt, als ob man ständig angeschoben würde", meint Helène über den "elektrischen Rückenwind", und Jean-Luc stellt nach der ersten Steigung fest, dass der Tritt in die Pedale sich anfühle, als sei "bergauf wie bergab". "Uns geht es darum, Paris vom Fahrrad aus auch für ältere oder wenig trainierte Besucher als Alternative zu erschließen", erklärt Stadtführerin Delphine das Konzept der vierstündigen Touren, die - zweimal tagsüber und einmal abends - zu bekannten Monumenten und unbeachteteren Kuriositäten der Hauptstadt führen.

Diamantentest am Spiegel

Nach dem mittäglichen Auftakt am Place Vendome geht es an der Oper vorbei zum alten Hauptsitz der "Société Générale". Dort thront ein mächtiger Tresor, und Delphine überrascht mit einer Anekdote über einen französischen Maler, dessen Fälschungen - nach seinem Tod Anfang des Jahrhunderts im mächtigen Tresor der Bank aufgefunden -, für jahrzehntelangen juristischen Streit sorgten.

Mit solchen historischen Aperçus ist der ganze Parcours gespickt: Am Louvre etwa macht uns die kundige Führerin auf die deutlich versetzte Achse zwischen Triumphbogen, Concorde-Platz und dem Museumsbau aufmerksam, im Quartier Latin bekommen wir nicht nur Infos über aktuelle Immobilienpreise, sondern lernen auch etwas über den Zusammenhang von Brunnen, Abwasserversorgung, Seuchen und Stadtentwicklung. Und am Künstler-Café "Le Procope" verweist Delphine auf die Kratzer in der Spiegel-Dekoration – Spuren misstrauischer Mätressen, die die Aufmerksamkeiten ihrer Gönner – Diamanten und Brillianten – unauffällig auf ihre Härte und damit Echtheit überprüften.

Mit Respekt gebietenden Handzeichen verschafft sie uns dann eine Schneise durch das Pariser Verkehrsgewühl, hinüber zur alten römischen Arena im Fünften Arrondissement, selbst unter Parisern ein wenig besuchter Ort. Anschließend erklärt Delphine unweit der Rue Mouffetard, wie eine Nonne während der Französischen Revolution ihr Kloster rettete: Die Ordensfrau öffnete den Marodeuren die Weinkeller des Konvents Saint Esprit, womit der anti-religiöse Furor bald im Suff unterging.

Ein paar Pedaltritte weiter dürfen wir raten, wie viele Frauen im Land der Égalité mit einer Ruhestätte im Pantheon geehrt wurden (gerade mal zwei), bevor unsere Führerin in der Kirche St. Sulpice auf kunstgeschichtliche Details der dortigen Delacroix-Gemälde aufmerksam macht. Ein paar Straßenzüge weiter folgt die Geschichte von der japanischen Pagode (heute ein Kino), die ein verliebter Kaufhauschef für seine Gattin importierte. Die Liebesgabe wurde allerdings zum Eigentor - die Ehefrau setzte sich mit dem Sohn des zuständigen Architekten ab.

Dank solcher Trouvaillen wird auch für die französischen Besucher die Stippvisite zu den ungewöhnlichen Winkeln der Hauptstadt zum Erlebnis – und gerät dabei, dank der elektrischen Trethilfe, nicht zur schweißtreibenden Anstrengung: Lässig legen wir die 25 Kilometer zurück, die noch am Invalidendom und am Eiffelturm vorbeiführen, bevor wir gegen Abend wieder am Place Vendôme ankommen. "Ein reines Vergnügen", freuen sich Jean-Luc und Ehefrau Helene, als die Gruppe die Fahrräder dort in der Tiefgarage parkt: "Wir haben Paris entdeckt - und das ganz ohne Mühe."

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