Österreich Wiener Melange

Wien ist mehr als Sachertorte, Sissi und Stephansdom. Wien ist Widerspruch: Kaiserliche Tradition und kreative Gegenwart. Nostalgie und Avantgarde. Blick zurück und Schritt in die Zukunft. Wien lebt - und liebt - das Spiel der Gegensätze.
Von Hilke Maunder

Wie sehr, zeigt seit Sommer 2001 das "MuseumsQuartierWien" (MQ). Zwischen kaiserlicher Hofburg, der sanierten Shoppingmeile Mariahilfer Straße und dem Szeneviertel Spittelberg gelegen, verbindet das neue Kulturareal Tradition und Moderne. Nach allen Seiten offen, präsentiert sich das MQ als architektonische Verbindung zwischen restaurierten Barockbauten - den ehemaligen Hofstallungen des Kaiserhauses - und der modernen Baukunst der Architekten Laurids und Manfred Ortner. Auch inhaltlich schlägt das MQ Brücken: Darstellende und Bildende Kunst, Musik und Theater, Kultur für Kinder und Experimentierflächen für Erwachsene finden hier Raum. 60.000 Quadratmeter Nutzfläche auf bis zu acht Ebenen machen das MQ zu einem der zehn größten Kulturzentren der Welt.

In September eröffneten die beiden bedeutendsten Neubauten: Das MuMoK (Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien) präsentiert seit 16. September als Block aus schwarzem Basalt 450 Exponate seiner Sammlung: Warhol, Klee, Picasso & Co. Die weltgrößte Sammlung an Gemälden Egon Schieles und anderer Maler der Moderne wie Klimt, Kokoschka und Gerstl zeigt seit 22. September ein lichter Kubus aus hellem Muschelkalk - Heimat der Sammlung Leopold. Ein Rechteck aus rotem Backstein verbindet beide Neubauten: Hier residiert die Kunsthalle Wien. Davor liegt die einstige Winterreithalle mit den neuen Spielstätten der Wiener Festwochen: die Internationalen Tanzwochen Wien und das Filmfest Viennale.

Durchgänge und Passagen verbinden das neue Viertel mit der Stadt. Aus den flachen Fenstern des MuMoK fällt der Blick auf die nahe Hofburg. Fast 700 Jahre lang hat der monumentale Komplex aus Burgen, Schlössern, Höfen, Gärten und Gängen Aufstieg und Fall der Habsburger miterlebt. Gebaut von der Gotik bis zur Gründerzeit, maßlos majestätisch und voller Harmonie. In den Kaiserappartements hängen noch die Turngeräte der Kaiserin Sissi an der Wand. In der Winterreitschule tanzte 1815 der Wiener Kongress.

Die Rückseite des MQ lehnt sich an den Spittelberg. Einst berüchtigt für Bordelle und Spelunken, sind heute Maler und Musiker, Kinos, Kneipen und Cafés in die kleinen Häuser zwischen Burggasse und Siebensterngasse gezogen. Revitalisierung statt Abriss: Dieses Konzept wurde gegen enormen Widerstand durchgesetzt und ist inzwischen ein Wiener Erfolgsmodell.

Idyllisch wie einst präsentiert sich so heute auch ein weiteres Areal, das nur knapp der Abrißbirne entging: das Blutgassenviertel. Wo im frühen Mittelalter die Tempelritter niedergemetzelt wurden, säumen heute Kunstgewerbeläden und Galerien das Gewirr der Gassen. Kein Auto stört die Stille. Hinter Rundbögen und schmalen Stiegen öffnet sich der Blick auf lauschige Innenhöfe mit begrünten Balkonen, Erkern und rankendem Efeu.

Das einst kaiserliche Palmenhaus im Burggarten (1907) lockt mit trendiger Bistroküche in seine gestylte Brasserie; das renovierte Museum für Angewandte Kunst ins MAK Café. Vom Wiener Star-Architekten Hermann Czech gestaltet, hat das kulinarische Kleinod mit seiner feinen Küche, dem opulenten Speisesaal und kleinem Garten das benachbarte Museum in der Publikumsgunst längst überholt. Neues Leben in alten Gemäuern: Dieses Motto lockt die Szene auch an weniger zentrale Orte der Stadt. Die bis vor kurzem brachliegenden Stadtbahnbögen, einst von Otto Wagner auf dem Gürtel als Viadukt für die innerstädtische Bahnlinie konzipiert, wurden zur Heimat von angesagten Zeitgeist-Tempeln wie dem "rhiz", der Internet-Bar für E-Musik, oder dem Pub "B 72", über dessen massiver Niro-Bar sich ein riesiges Speichenrad dreht - das Spirituosenregal.

Noch im Bau ist das jüngste Großvorhaben der Stadtsanierer - die Revitalisierung der Gasometer: vier weithin sichtbare, reich dekorierte Zylinder aus Backstein. An den monumentalen Zeugnissen der Industriekultur, durch die Umstellung auf Erdgas 1970 - bis auf die beliebten Rave-Partys - funktionslos geworden, realisieren vier Architektenteams bis 2002 ihre Visionen von Leben und Arbeiten, Feiern und Einkaufen. Doch schon jetzt sind die einstigen Hohlräume absolut angesagt.

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